Hochdorf-Assenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Unterwegs mit dem Pflegedienst: Zwischen Zeitdruck, Schmerz und Dankbarkeit

Die Ökumenische Sozialstation Böhl-Iggelheim hat ihren Standort in Hochdorf-Assenheim und fusionierte Anfang des Jahres freiwill
Die Ökumenische Sozialstation Böhl-Iggelheim hat ihren Standort in Hochdorf-Assenheim und fusionierte Anfang des Jahres freiwillig mit der Ökumenischen Sozialstation Frankenthal. Rund 400 Patienten versorgen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich.

Was mobile Pflege leistet, ist für viele kaum sichtbar. Eva Briechle war deshalb mit auf „Tour“ – in einer Welt, in der Demenz, Schlaganfälle und Einsamkeit den Takt vorgeben.

Es ist 8 Uhr morgens, in der Ökumenischen Sozialstation Böhl-Iggelheim herrscht geschäftiges Treiben. Rund vier Stunden werde ich mit Regina Holz unterwegs sein – und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was mich erwartet. Nur so viel ist klar: Vom Stationsstandort Hochdorf-Assenheim geht es gleich los auf eine Tour in Richtung Rödersheim und Fußgönheim.

Weil viele Patienten schon so eingeschränkt sind, dass sie die Tür nicht mehr selbst öffnen können, hat Regina Holz etliche durchnummerierte Haustürschlüssel dabei. Ich selbst tue mir noch schwer, einfach so eine private Wohnung zu betreten. Doch die erfahrene Pflegefachkraft macht bereits mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ auf uns aufmerksam. Die 91-Jährige, die wir besuchen, liegt noch im Bett und ist sichtlich nervös. „Heute muss ich ihren Blasenkatheter wechseln“, erklärt Regina Holz. Ich selbst will die alte Dame nicht zusätzlich verunsichern und setze mich lieber erstmal ins Wohnzimmer – auch wenn alle Patienten oder ihre Angehörigen vorab zugestimmt haben, dass die RHEINPFALZ beim Besuch des mobilen Pflegediensts dabei sein darf.

„Sind Sie Olga?“

Während Regina Holz der 91-Jährigen gut zuredet, lasse ich meinen Blick über den Wohnzimmertisch schweifen. Dort stehen bereits Brot, Marmelade und eine Thermoskanne. Ein Familienmitglied muss irgendwann früh morgens da gewesen sein und das Frühstück gerichtet haben. „Sind Sie die Olga?“, höre ich die alte Dame im Nebenzimmer fragen. „Nein, ich bin Regina, Olga war letzte Woche bei Ihnen“, lautet die freundliche Antwort. Nach dem Wechsel des Blasenkatheters bekommt die Patientin im Bad noch den Oberkörper gewaschen. Regina Holz benötigt dafür rund 15 Minuten, danach geht es für uns weiter zum nächsten Termin.

Es ist eine Schlaganfallpatientin, der ich kurz darauf gegenüberstehe. Für sie steht heute das Duschen auf dem Programm – inklusive Haare föhnen und eincremen. Als die Dame anfängt, ihre Kleidung abzulegen, fängt sie an zu weinen. „Ich will so nicht mehr. Nein. Es ist schlimm“, jammert sie angesichts ihres eigenen Gesundheitszustands und schaut mich an. „Jetzt gucken wir erstmal, dass Sie schön warm duschen“, versucht Regina Holz sie abzulenken. „Mit Depressionen haben viele unserer Patienten zu kämpfen“, erzählt sie mir hinterher. Als Pflegefachkraft müsse man lernen, die Menschen einzuschätzen. „Manche brauchen Zuspruch, bei anderen funktioniert Ablenkung besser.“

Zu spät im Erdgeschoss

Zur ersten großen Verzögerung des Tages kommt es dann bei unserem nächsten Termin: Die an Demenz erkrankte Patientin ist nicht wie abgesprochen schon im Erdgeschoss, wo sich das barrierefreie Bad befindet. Viel lieber wollte sie heute offensichtlich im Bett liegen bleiben. Bis Regina Holz und die im Haus befindliche 24-Stunden-Hilfe es geschafft haben, die Dame zum Treppenlift zu bugsieren, vergeht einiges an Zeit.

Während auch diese Patientin geduscht wird, unterhalte ich mich mit der Frau, die als 24-Stunde-Hilfe bei ihr im Haushalt lebt. „Ich bin Polin“, erzählt sie mir. Jeweils für mehrere Monate am Stück arbeite sie in Deutschland, dann gehe es für ein paar Wochen Urlaub zurück in die Heimat. Schon seit 15 Jahren sei sie als 24-Stunden-Hilfe in Deutschland im Einsatz. „Ich habe nur eine sehr kleine Rente“, sagt sie. So klein, dass es ihr nicht möglich gewesen sei, sich um ihren eigenen Mann zu kümmern, nachdem dieser einen Schlaganfall hatte. „Ich musste damals zu Hause eine Polin beschäftigen und bin selbst in Deutschland gewesen, um Geld zu verdienen.“ Zum Glück habe ihr Mann das verstanden.

Nichts für schwache Nerven

Mit diesem Gespräch noch immer im Kopf, setze ich mich kurz darauf wieder ins Auto und begleite Regina Holz zu ihrem nächsten Termin. Für die erfahrene Pflegefachkraft ist das, was jetzt kommt, ein Routinebesuch – und zwar einer, den sie genauso souverän und freundlich zugewandt meistert, wie die Termine zuvor. Ich selbst erlebe die Situation hingegen als absolut beklemmend. Zu versorgen ist eine bettlägerige 96-jährige Frau, die nach meinem Eindruck nur noch aus Haut und Knochen besteht und kaum ansprechbar ist.

„Das sind die starken Schmerzmittel und Medikamente, die die Patientin so müde machen“, erklärt mir Regina Holz. Mit geübtem Blick kontrolliert sie vor Ort das Verbandsmaterial und erläutert der auch hier vorhandenen 24-Stunden-Hilfe, dass kaum mehr Vorräte vorhanden sind. Allerdings spricht die Dame kaum Deutsch. Regina Holz notiert deshalb, dass die Familie wegen des Verbandsmaterials kontaktiert werden muss.

Mit ordentlich Abstand sitze ich mit im Raum, als die 96-Jährige ihr Gesicht gewaschen bekommt. „In der Vergangenheit ist es schon vorgekommen, dass sie mich gekratzt hat“, erzählt Regina Holz relativ gelassen. Doch dieses Mal passiert nichts dergleichen. Stattdessen höre ich ein konstantes Wehklagen – die alte Dame quittiert fast jede Berührung mit einem „Aua, aua“ und jammert auf eine Art und Weise, dass ich am liebsten nicht hinhören möchte. Besonders schlimm scheinen die Schmerzen, als Regina Holz sie auf die Seite drehen muss. „Sie hat durch das lange Liegen ein offenes Druckgeschwür am Steißbein“, sagt die 40-Jährige. An diesem Morgen sieht die Kompresse allerdings noch gut aus. Es reicht, wenn diejenige Pflegefachkraft der Ökumenischen Sozialstation die Wunde versorgt, die in ein paar Stunden bei der Patientin vorbeischauen wird.

Seit fünf Jahren bettlägerig

Als Regina Holz mir erzählt, dass die Frau bereits seit fünf Jahren bettlägerig ist, habe ich nur einen Gedanken im Kopf: „Wie kann ich verhindern, dass ich jemals in solch eine Situation komme?“ Derweil beginnt es im Raum nach Exkrement zu riechen – Regina Holz wechselt der 96-Jährigen die Windel. Das wehklagende „Aua, aua “ setzt wieder ein, und ich sehe, wie die 24-Stunden-Hilfe versucht, der alten Dame mit einem aufmunternden Lächeln über die Schmerzen hinwegzuhelfen. Es ist dieses Bild, das ich noch tagelang vor meinem inneren Auge sehen werde: Zwei Frauen, die sich für ein paar Minuten gemeinsam darum kümmern, dass ein Mensch versorgt wird, der körperlich völlig am Ende ist.

Als ich mit Regina Holz wieder im Auto sitze, ist mir flau im Magen. Wir fahren Richtung Fußgönheim. Die Termine dort nehme ich nur noch wie unter einer Glocke wahr. Ich treffe die ebenfalls über 90-jährige Frau eines Patienten, die sich so sehr über den Besuch freut, dass sie mir stolz ihren Garten zeigt. Danach erzählt sie von den beruflichen Auslandsaufenthalten ihres Mannes und freut sich, dass mir sein ehemaliger Arbeitgeber ein Begriff ist. Kurze Zeit später stehe ich im Schlafzimmer eines weiteren Ehepaars, bei dem er nach einem Schlaganfall die Hilfe des mobilen Pflegediensts benötigt und sie gesundheitlich ebenfalls sehr angeschlagen ist. Regina Holz begegnet all diesen Menschen mit einer nicht enden wollenden Freundlichkeit und versucht, ihnen ein gutes Gefühl zu geben, während sie ihrer Arbeit nachgeht.

„Glatt geht es selten“

„Ich bin seit 25 Jahren Gesundheits- und Krankenpflegerin“, erzählt sie, als wir auf dem Rückweg nach Hochdorf-Assenheim zur Ökumenischen Sozialstation sind. „Die persönliche Bindung, die man im mobilen Pflegedienst zu den Menschen bekommt, möchte ich nicht missen.“ Man bekomme viel Dankbarkeit zurück.

„So glatt wie heute geht es allerdings selten“, betont Regina Holz, als sie das Auto parkt – und das, obwohl unsere Tour am Ende 20 Minuten länger dauert als ursprünglich geplant. „Manchmal müssen wir mit dem Versicherungskärtchen der Patienten noch kurzfristig beim Arzt vorbeifahren, weil Medikamente fehlen“, erzählt sie. „Oder irgendetwas anderes Unvorhergesehenes passiert.“ Aber das sei der Job. „Und ich mache ihn gerne“, sagt die 40-Jährige.

Ich selbst werde die Eindrücke von meiner Fahrt mit dem mobilen Pflegedienst noch lange mit mir tragen – und ich habe einfach nur großen Respekt davor, wie die vielen Pflegefachkräfte in diesem Land sich tagtäglich um jene Menschen kümmern, die in ihrem eigenen Zuhause auf Hilfe angewiesen sind.

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