Ludwigshafen „Ungewohntes statt das Ewiggleiche“

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Das „Komponistenporträt“ der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz ist in dieser Saison Aribert Reimann gewidmet, einem führenden Tonschöpfer und Grandseigneur der Neuen Musik. Reimanns engster Mitarbeiter und Nachfolger auf dem Lehrstuhl für zeitgenössisches Lied an der Universität der Künste in Berlin ist ein gebürtiger Ludwigshafener: sein früherer Schüler Axel Bauni.

In seiner Heimatstadt verbrachte Bauni die ersten zwölf Jahre seines Lebens. Er wohnte mit seiner Familie an der Ecke Leuschnerstraße und Bremserstraße, einige Meter entfernt vom BASF-Feierabendhaus und nicht weit weg von der Friedenskirche. Sein Vater arbeitete als Chemiker bei der BASF. Die Mutter lebt heute in Speyer, was Bauni immer mal wieder in seine alte Heimatstadt führt. „Ludwigshafen hat sich seit meiner Kindheit natürlich stark verändert“, sagt Bauni. „Ich habe aber noch deutlich das Bild unserer Wohngegend vor mir, wie sie damals aussah, mit dem Trümmergrundstück zwischen der Leuschnerstraße und der Bremserstraße, auf dem wir Kinder damals spielten. Wir nannten es ,Schutt`. Und als ich jetzt bei einem Konzert der Reihe ,Modern Times` die Friedenskirche betrat, überfielen mich wahre Nostalgiegefühle.“ Während der Zeit seiner Kindheit und frühen Jugend, so der Pianist weiter, war in bürgerlichen Kreisen klassische Musik in der Familie eine Selbstverständlichkeit. So war das auch in seinem Elternhaus. „Inzwischen hat sich das geändert. Mittlerweile wird viel über Publikumsschwund bei klassischen Konzerten und in der Oper geklagt. Einer der Gründe ist, dass heute unter so vielen Musikrichtungen gewählt werden kann. Für die Klassik bleibt weniger Raum als früher.“ Dieser Entwicklung könnte allerdings nach Baunis Ansicht eine einfallsreichere und mutigere Programmpolitik entgegenwirken. Stattdessen werde im landläufigen Konzertbetrieb unentwegt das „klassische Ewiggleiche“ praktiziert. Statt sich neuen Orientierungen und Klängen zu öffnen mit Mischprogrammen aus Klassik und Gegenwartmusik, schlafe man bei selig schöner Eintönigkeit ein. „Auf diese Weise schaufelt sich der klassische Konzertbetrieb sein eigenes Grab“, meint der Pianist. Mit dem früh erworbenen musikalischen Background hatte Bauni sein Studium an der Mannheimer Musikhochschule aufgenommen, das er in Berlin fortsetzte, in den Liedklassen von Aribert Reimann und Dietrich Fischer-Dieskau. Die Zusammenarbeit mit dem genialen Liedkomponisten Reimann, der früher auch als Begleiter am Flügel von absolutem Ausnahmerang konzertierte, war für Bauni „die entscheidende Begegnung am richtigen Ort zur rechten Zeit“. Heute ist er selbst ein überragender Pianist für Kammermusik, besonders für vokale, und eine Kapazität für das Kunstlied, natürlich international gefragter Partner von Spitzensängern. Neben dem Lied gilt Baunis Leidenschaft der Musik unserer Gegenwart. Die Zahl seiner Uraufführungen ist beeindruckend. Überdies vertritt der Pianist seine beiden Spezialgebiete mit bedingungslosem Einsatz und einer Begeisterung, die ansteckend ist. Dementsprechend fesselnd ist es, diesem überzeugenden Anwalt seiner Sache beim Gespräch in der Ludwigshafener Philharmonie zuzuhören. Bauni blickt mittlerweile auch auf bald drei Jahrzehnte ununterbrochener Lehrtätigkeit zurück. An der Universität der Künste in Berlin, an der er seit 2004 eine Interpretationsklasse „Zeitgenössisches Lied“ leitet, hat er mehrere innovative Projekte ins Leben gerufen, darunter das „Liedforum Berlin“, inzwischen mit EU-Unterstützung zum „European Liedforum“ erweitert, eine Plattform für den Austausch unter Kollegen: Lieddozenten und Studenten. Auf seine Initiative geht auch das Seminar für Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts an der UdK zurück. „Viele angehende Musiker und auch Professoren haben einfach Schwellenangst vor der Neuen Musik“, hat Bauni festgestellt. „Wenn diese Ängste abgebaut, wenn Interesse für das Ungewohnte geweckt wird, ist es für mich ein Erfolgserlebnis. Dazu gehört auch, den Seminarteilnehmern beizubringen, wie ein Klavier für moderne Klangwirkungen präpariert wird und ihnen zu zeigen, dass das Instrument dabei nicht kaputtgeht, wie einige glauben.“ Bauni gehörte auch zu den Mitgründern der Deutschen Liedakademie und war Gründer von „liednet.eu“, einem internationalen Netzwerk von Lieddozenten an Musikhochschulen. Seine Aktivitäten sind sehr vielseitig. So ist er beim Festival „Kissinger Sommer“ in Bad Kissingen seit 2004 künstlerischer Leiter der Liederwerkstatt. In den Programmen stehen Klassik, Romantik und Avantgarde einander gegenüber. In 13 Jahren fanden dort 81 Uraufführungen statt. Hinzukommt die editorische Tätigkeit des Pianisten. So erhielt der von ihm mit herausgegebene Band sämtlicher Lieder des in Auschwitz ermordeten Komponisten Viktor Ullmann 2005 den Deutschen Musikeditionspreis. 2009 publizierte Bauni eine Sammlung von Liedern aus fast allen europäischen Ländern und Nord- und Südamerika. Der Mann ist, wie gesagt, ein unverzagter Vorkämpfer für die Liedkunst.

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