Ludwigshafen Trostloses Pflaster

In diesem Fall von einem trostlosen Pflaster zu sprechen, ist durchaus angemessen. Rund um den kreisförmig angelegten Platz im Norden Friesenheims scheint die Geschäftswelt ausgestorben zu sein. Die Spielhölle Old Fashion Lounge ist ebenso seit geraumer Zeit dicht wie die ehemalige Metzgerei Baier schräg gegenüber. Die weißen Jalousien sind zugezogen, die Rollläden unten. Verwaist ist auch die Schaufensterauslage des Strickliesel-Ladens wenige Meter weiter. Doch es gibt auch Lichtblicke wie das türkische Bäckerei-Café Sarisoy, das für Ortsvorsteher Günther Henkel (SPD) ein Beleg dafür ist, dass man vor Ort auch etwas riskieren kann. An diesem Morgen sind viele Tische besetzt, der Espresso schmeckt ganz ordentlich. Ein Blick nach draußen zeigt indes: Zu Fuß ist hier kaum jemand unterwegs. Nur an der Rosen-Apotheke in der Carl-Bosch-Straße, die durch den Kreisel unterbrochen wird, herrscht Betrieb. Einige Arztpraxen haben im Umfeld ihr Domizil. Andererseits ist der Ruthenplatz ein Verkehrsknotenpunkt und hat deshalb eine wichtige Funktion. „Der Kreisverkehr ermöglicht eine gute und sichere Abwicklung des Aufkommens“, sagt die stellvertretende Ortsvorsteherin Constanze Kraus (CDU). Minütlich fahren zig Autos in das Areal ein und biegen in eine der sechs sternförmig abzweigenden Straßen. Hier endet von Süden kommend die Leuschnerstraße, das Bindeglied zum Hemshof. Carl-Bosch-, Ruthen-, Tauben- und Rheinfeldstraße (mit Blick zum Tor 3 der BASF) verteilen sich drumherum. Und natürlich die Hegelstraße – ein Schild Rue Hegel erinnert an einer Klinkerfassade noch an die französische Besatzung. Die um die Ecke liegende Gaststätte „Kleines Kreuz“, einst ein beliebter Treffpunkt, ist längst geschlossen. Das Leben in Friesenheim mit seinen rund 17.600 Einwohnern pulsiert anderswo – etwa in der nicht weit entfernen Sternstraße, wo der Wochenmarkt zu einer Marke geworden ist. Wer Ausschau nach einem Identität stiftenden Schild „Ruthenplatz“ hält, der sucht vergeblich. „Da der Platz keine postalische Adresse hat, ist es nicht unbedingt nötig, dort ein Schild aufzustellen“, sagt eine Sprecherin der Stadtverwaltung. Und: „Zu bedenken ist auch, dass die Stadt eher den Auftrag hat, den Schilderwald zu reduzieren. Der Aufbau eines neuen Schilds würde mehrere Tausend Euro kosten.“ Weder in der zweibändigen Stadtgeschichte noch in der Denkmaltopographie findet man detaillierte Informationen über den weitläufigen Platz, an dem es Henkel zufolge früher über ein Dutzend Metzgereien und andere Einzelhändler gab, bei denen sich vor allem Aniliner zur Mittagszeit eindeckten. Immerhin weiß der 59-Jährige selbst einiges über das Gelände, auch wenn er mit Blick auf den Ruthenplatz deutlich wird: „Er ist eine Katastrophe.“ 1937 beispielsweise, in der NS-Zeit, sei die Fahrbahn „umgepflastert“, sieben Jahre später sei der Platz von einem Bombenteppich „regelrecht umgepflügt“ worden. Die Versorgungsleitungen darunter seien alle zerstört worden. Bis 1950 hätten die Straßenbahnlinien 9 und 19 große Umwege fahren müssen. Seit mehreren Jahren werden die über den Platz führenden Gleise der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) zufolge nur noch im Notfall als Ausweichstrecke genutzt. Weil Schienen über den Platz führen, handelt es sich bei diesem laut Straßenverkehrsordnung streng genommen nicht um einen Kreisel. Um den fast ans Aschantidorf grenzenden Platz attraktiver zu gestalten, müsste die Stadt viel Geld in die Hand nehmen, sagt Henkel. Auch Hausbesitzer müssten tief in die Tasche greifen. Doch dafür fehle die Bereitschaft – und die Stadt sei hoch verschuldet. Vorerst werde sich daher wohl nichts ändern, vermutet Henkel. Den Namen des Platzes und der gleichnamigen Straße leitet er übrigens von einem alten Längen- und Flächenmaß („Ruthe“) ab. Viele Aniliner glauben hingegen, dass das chemische Element „Ruthenium“ ursächlich für deren Benennung ist. Zweifellos ein markantes Gebäude am Platz ist der Hochbunker – ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. „Vor einigen Jahren hat ihn die in der Nähe ansässige Kirchengemeinde St. Josef erworben und vermietet ihn heute als Lagerraum. Eine Begehung des Bauwerks ist ein eindrückliches Erlebnis“, berichtet Constanze Kraus. In der feuchten Dunkelheit stelle sich unwillkürlich ein beklemmendes Gefühl ein. „Reste der alten Beschriftungen aus Kriegszeiten weisen auf das Leid hin, das sich damals auch am Ruthenplatz abgespielt hat“, erzählt die 51-Jährige. Ihre Fraktion habe sich im Ortsbeirat dafür eingesetzt, dass der Ruthenplatz verstärkt gesäubert wird. In jüngster Vergangenheit sei dort immer wieder wilder Müll abgelagert worden. Weitgehend verschwunden sei der Einzelhandel. „Wir halten eine Umwandlung der Leerstände in Wohnraum für sinnvoll, allerdings geht es hier um Privateigentum. Wir können insofern nur an die Besitzer der Immobilien appellieren“, argumentiert sie ähnlich wie Henkel. Kaum eine Bedeutung für Friesenheim hat der Ruthenplatz laut Alt-Ortsvorsteher Carlo Saxl (CDU). „Es ist sehr, sehr schwierig, den Platz aufzuwerten. Dafür müsste man viel investieren. Aber daran besteht kein Interesse“, bedauert der 77-Jährige. „Man könnte den Mittelteil ganz auflösen, das würde nicht schaden.“ Aber dazu sei das Einverständnis der RNV notwendig. So bleibt der Platz auch für Saxl mittelfristig das, was er seit Jahren ist: „Ein trostloses Pflaster.“