Altrip RHEINPFALZ Plus Artikel Traditionsgeschäft in Altrip: Kotter's Markt schließt nach 43 Jahren

Ein bisschen Wehmut ist dabei, aber Joachim Kotter hat seinen Frieden damit gemacht, dass er nach 43 Jahren seinen Markt aufgebe
Ein bisschen Wehmut ist dabei, aber Joachim Kotter hat seinen Frieden damit gemacht, dass er nach 43 Jahren seinen Markt aufgeben muss.

Nach mehreren Jahrzehnten ist Schluss: Joachim Kotter gibt seinen Markt in Altrip auf. Potenzial hat das Geschäft nach wie vor, ist er überzeugt.

Joachim Kotter kann sich noch sehr gut an den 1. Juni 1983 erinnern. Das liegt allerdings nicht daran, dass an diesem Tag die deutsche Schauspielerin Anna Seghers im Alter von 82 Jahren verstorben ist. Oder dass die Gruppe Geier Sturzflug mit dem Song „Bruttosozialprodukt“ auf Platz eins der deutschen Single-Charts stand. An diesem Tag, ein Mittwoch, eröffnete der Altriper in seiner Heimatgemeinde „Kotter’s Markt“ in der Rheingönheimer Straße. „Es war warm. Die Sonne stand schön am Himmel. Und der Laden sah ganz anders aus als heute“, erinnert er sich.

Jetzt, fast auf den Tag genau 43 Jahre später, ist für Joachim Kotter Schluss. Aus gesundheitlichen Gründen muss er leider schließen. Am 20. Juni gehen für ihn die letzten Waren über die Theke, kann er zum letzten Mal seinen Kunden sagen, warum sie besser diesen Dünger statt des anderen nehmen sollten. Oder welche Zutat womöglich noch fürs Abendessen fehlt.

Zum 1. Juni 1983 hat Kotter den Raiffeisenladen in der Rheingönheimer Straße übernommen.
Zum 1. Juni 1983 hat Kotter den Raiffeisenladen in der Rheingönheimer Straße übernommen.
Das Schild über dem Eingang zeigt’s: Das Sortiment ist sehr vielseitig.
Das Schild über dem Eingang zeigt’s: Das Sortiment ist sehr vielseitig.
Besen, Gewürze, Wurst, ...
Besen, Gewürze, Wurst, ...
... Obst, Gemüse, Wein, Honig – das alles gibt’s in »Kotters’ Markt«. Und das nur im unteren Bereich.
... Obst, Gemüse, Wein, Honig – das alles gibt’s in „Kotters’ Markt“. Und das nur im unteren Bereich.
Wer die kleine Treppe in den hinteren Teil des Ladens in Angriff nimmt, kommt zum Tierfutter und zu Dekoartikeln.
Wer die kleine Treppe in den hinteren Teil des Ladens in Angriff nimmt, kommt zum Tierfutter und zu Dekoartikeln.
Auch Gartenfreunde kommen hier auf ihre Kosten.
Auch Gartenfreunde kommen hier auf ihre Kosten.
Dekoartikel, Willkommen-Schilder – auch das gibt’s in Joachim Kotters Laden.
Dekoartikel, Willkommen-Schilder – auch das gibt’s in Joachim Kotters Laden.
Für vierbeinige Freunde hat Joachim Kotter ebenfalls immer etwas in den Regalen liegen.
Für vierbeinige Freunde hat Joachim Kotter ebenfalls immer etwas in den Regalen liegen.
Seit 1. April ist die Postfiliale geschlossen. »Es war ein Fulltime-Job«, sagt Joachim Kotter.
Seit 1. April ist die Postfiliale geschlossen. „Es war ein Fulltime-Job“, sagt Joachim Kotter.
Hier war der Postschalter. 30 Quadratmeter Fläche nahm dieser laut Kotter ein. Ein Plakat an der Tür erinnert noch daran.
Hier war der Postschalter. 30 Quadratmeter Fläche nahm dieser laut Kotter ein. Ein Plakat an der Tür erinnert noch daran.
Erst später kamen Pflanzen in Kotters Sortiment.
Erst später kamen Pflanzen in Kotters Sortiment.

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„Etliche Besucher waren da. Auch der Bürgermeister“, sagt Joachim Kotter und grinst. Bürgermeister der Rheingemeinde war damals sein Vater Willi. Joachim Kotters ehemaliger Chef sei ebenfalls gekommen. „Ich war damals im Außendienst Vertreter für Industrieböden“, erzählt er. Ein riesiges Gebiet habe er da abdecken müssen, sei viel im Auto unterwegs gewesen. „Irgendwann kam mein Vater auf mich zu und sagte, dass Raiffeisen den Laden schließen will. Und dann hat er gefragt: Hast Du keine Lust?“

Tausch: Autobahnkilometer gegen Ladentheke

Kotter hatte. Er tauschte die etlichen Kilometer auf der Autobahn gegen den täglichen Kontakt mit den Altripern und Sortiment im Laden. „Wenn ich gewusst hätte, wie viel Arbeit das ist“, sagt er und lacht. Herausfordernd sei es schon gewesen. Aber Kotter vermittelt auf keinen Fall den Eindruck, dass er einen Tag in den vergangenen rund 43 Jahren im Laden bereuen würde.

Die Öffnungszeiten seien im Prinzip über die Jahre unverändert geblieben. Eine Verlängerung in den Abend hinein habe ihn nie gereizt. „Samstags war nach 12, 12.30 Uhr nichts mehr los. Und unter der Woche war nach 18 Uhr auch Feierabend.“ Warum die Supermärkte zum Teil bis 21 Uhr öffneten, erschließt sich ihm nicht. „Das Geld, das zur Verfügung steht, wird dadurch nicht mehr.“

Gewürze, Wurst, Besen, Tierfutter

Einen Laden wie „Kotter’s Markt“ sieht man nur noch höchst selten. Wer durch die Eingangstür das Geschäft betritt, findet rechts erstmal frisches Gemüse. Links hängen Beutel mit den verschiedensten Gewürzen, davor und daneben lagert Wurst im Kühlen. Wein aus der Pfalz, in der Spargelsaison selbstverständlich auch die Königin unter den Gemüsen. Dazwischen ein Ständer mit Besen, Holzkohle für traditionsbewusste Grillexperten. Damit ist aber noch nicht Schluss.

Weiter geht es in den hinteren Bereich, eine Treppe hoch. Tiernahrung, Deko, Gartenbedarf und Grußkarten findet man hier. Unter anderem. „Garten- und Handwerkerbedarf, Baustoffe, Tierbedarf, Blumendünger, Obst, Gemüse“, zählt Kotter auf. Vor allem frische Sachen hätten die Kunden stets zu schätzen gewusst. Den Verkauf von Obst und Gemüse beizubehalten, dazu habe ihm auch eine ehemalige Mitarbeiterin geraten. Später sei auch noch der Verkauf von Pflanzen dazugekommen, auch Getränke habe er irgendwann vertrieben. „Das habe ich sogar ausgebaut und auch Fischerfest und Parkfest beliefert“, sagt Joachim Kotter. In den ersten zehn Jahren habe er auch viel Arbeitskleidung verkauft. „Blaumänner. Aber das würde heute keiner mehr anziehen“, sagt er.

Kühlhaus gebaut

Ein Problem sei am Anfang gewesen, dass er keine Lagermöglichkeiten gehabt habe. Also wohin mit Erdbeeren und Spargel? „Der Keller war nicht das Gelbe vom Ei. Also habe ich ein Kühlhaus gebaut.“ Mit der Zeit sei der Anteil von Obst und Gemüse am Geschäft immer größer geworden. Andere Bereiche habe er dafür etwas zurückgefahren. „Was nicht ging, wurde aussortiert“, sagt Kotter.

Dafür kamen immer wieder Sachen dazu. Eier von einem Hühnerhof, zum Beispiel. „In der Nähe war eine Brennerei. Der Besitzer hat mich angesprochen: Willst Du nicht meinen Schnaps verkaufen? Plötzlich habe ich Schnaps verkauft.“ Kotter gesteht: Von der Materie, also, wie solch ein Geschäft zu führen ist, habe er zunächst keine Ahnung gehabt.

Kunden halten Laden die Treue

Und doch hat der Laden funktioniert. Trotz der Supermärkte im Ort, trotz des Internets. „Ein Sortiment wie hier, das finden Sie sonst nirgends“, ist er überzeugt. Er habe sich bei den Produkten immer auf hochwertige Dinge beschränkt. Selbstverständlich habe es zwischendrin auch mal Jahre gegeben, in denen es nicht so gut gelaufen sei. „Aber ich hatte immer meine Kunden. Sie wissen auch mein Wissen zu schätzen, fragen mich und bekommen eine befriedigende Auskunft“, erzählt er.

Vor allem im Bereich Garten habe er gepunktet. Das war ein Pfund, mit dem man vor über 40 Jahren noch viel mehr wuchern konnte als heute. „Damals hatte fast jeder seinen Garten und hat ihn auch bewirtschaftet.“ In den 80er- und 90er-Jahren seien in Altrip auch viele Baugebiete dazugekommen. „Die Menschen sind dann bei mir aufgeschlagen und wollten wissen, wie sie ihre Gärten anlegen sollen, was sie bei welchen Schädlingen unternehmen können. Langeweile gab’s nie.“ Auch nicht, als er sich Gartengeräte angeschafft habe, und diese vermietete.

Postfiliale aufgegeben

Einen Teil seines Ladens, der gar nichts mit seinem ursprünglichen Geschäft zu tun hatte, hat er bereits aufgegeben: die Postfiliale. Der Platz weiter hinten im oberen Bereich ist notdürftig mit ein paar Kartenständern aufgefüllt worden. Ein Plakat für Briefmarken an der Tür zum Lager zeugt noch von dem Betrieb, der zum 1. April eingestellt worden ist.

Zum 2. Januar 2000 hat er die Postfiliale übernommen, erzählt Joachim Kotter. „Die Ansage der Post war damals: Das können Sie so nebenbei mitmachen. Nach dreieinhalb Wochen Einführung ging’s los.“ Das mit dem „Nebenbei“ sei allerdings schnell ein Trugschluss gewesen. „Das war ein Fulltime-Job.“

Heimwerkerbedarf und Baustoffe mussten dafür weichen. Denn immerhin nahm die Postfiliale rund 30 Quadratmeter der Verkaufsfläche in Beschlag. „Der Rest ist ein bisschen zusammengerückt“, berichtet der 67-Jährige. So habe es fortan nur noch zwei Sorten Pflanzendünger gegeben.

Pläne für den Ruhestand

Joachim Kotter wird etwas wehmütig, wenn er an die vergangenen über vier Jahrzehnte zurückdenkt. Er habe seinen Laden immer als Teil der Dorfgemeinschaft verstanden. Und nicht nur sein Geschäft. „Früher hat es in jeder Straße zwei, drei Geschäfte gegeben“, sagt er und zählt aus dem Gedächtnis auf, wer wo seinen Laden hatte – sei es der Getränkemarkt, die Apotheke, das Schreibwarengeschäft, der Spielzeugladen, die Eisdiele, der Fahrradladen, der Schuhmacher, die Drogerie, der Spengler, die Bäckerei. „Gibt’s alles nicht mehr.“ Oft sei der Inhaber verstorben, und der Nachwuchs habe kein Interesse gehabt, den Laden weiterzuführen.

Und was macht er im Ruhestand? „Ich werde erstmal nix tun“, sagt er im Brustton der Überzeugung. „Aber dann doch irgendwas“, schiebt er hinterher. Was? Da will er sich noch nicht in die Karten schauen lassen. „43 Jahre Selbstständigkeit, da muss man erstmal rauskommen.“ Kein Einkauf mehr. Keine Planung mehr. Keine Saisonartikel wie Weihnachtsbäume mehr bestellen. Mit dem Kopf sei er ständig beim Geschäft gewesen.

Mittlerweile habe er seinen Frieden mit der Aufgabe seines Markts gemacht, sagt er. „Es wird nicht einfacher. Und jünger werden wir alle nicht.“ Die Suche nach einem Nachfolger laufe. Er glaubt daran, dass der Laden im Ort auch weiterhin eine Chance hat: „Auf jeden Fall. Wenn die Leute wissen, dass es weitergeht, bleibt der Laden.“

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