Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Strukturwandel in Mannheim: Vom Wirtschaftswunder in eine Abwärtsspirale

John Deere, einer der großen Betriebe in Mannheim, steckt Anfang der 1990er-Jahre in der Krise, schließt seine Gießerei. Hier ei
John Deere, einer der großen Betriebe in Mannheim, steckt Anfang der 1990er-Jahre in der Krise, schließt seine Gießerei. Hier ein Luftbild aus dem Jahr 2014.

Mannheim, einst Industriehochburg, kämpfte jahrzehntelang mit Strukturwandel, Firmenpleiten und Massenentlassungen. Ein Vortrag beleuchtet den tiefgreifenden Wandel.

Vom Wirtschaftswunder in eine Abwärtsspirale aus Firmenpleiten und Massenentlassungen. Nach dem Wiederaufbau endete in Mannheim der ökonomische Aufschwung ab den 1970er-Jahren. Ein Vortrag im Marchivum beleuchtet den bis heute anhaltenden Wandel vom Industriestandort zur Dienstleistungsgesellschaft. Und nimmt dabei auch die „Big Four“ – Daimler-Benz, BBC/ABB, Boehringer und John Deere – in den Blick.

Die 70er-Jahre in Mannheim: Da kommt einem zuerst die Bundesgartenschau 1975 in den Sinn. Nach außen inszeniert sich die Quadratestadt als zukunftsträchtig. Mit Schwebebahn und blühenden Parks, in der Keimzelle der Industrie aber brodelt es, kommt es zu einem handfesten Skandal. Die Strebelwerke, bis dahin eines der Aushängeschilder im Industriehafen, machen überraschend dicht. 2400 Mitarbeiter werden auf einen Schlag entlassen.

Konkurs der Strebelwerke

Die Zentralheizungsfabrik, die gusseiserne Heizkörper sowie Kessel produzierte, beantragt am 6. Februar 1974 Konkurs, was den industriellen Strukturwandel in Mannheim einleitete. Nicht nur für die Angestellten kommt das wie aus heiterem Himmel. „Es wurde verheimlicht, vertuscht, und Bilanzen gefälscht. Für die Mitarbeiter war es die Katastrophe, es war kein langsames Sterben, sondern ein plötzlicher Tod“, erklärt Harald Stockert, der sich als Historiker damit befasst, wie Städte im Südwesten Deutschlands den Strukturwandel durchlebt haben.

Aus Mannheimer Sicht (durchaus mit Bezügen zu Ludwigshafen) geht der Marchivum-Leiter am Mittwoch, 11. Februar, um 18 Uhr in seinem Vortrag „Badens Fabrik in der Krise. Industrieller Strukturwandel in Mannheim 1957 bis 2007“ ein. Von einem Stadtjubiläum zum anderen zeichnet er den ökonomischen Weg nach. Vom Aufschwung in den Nachkriegsjahren profitiert Mannheim stark, der industrielle Sektor prosperiert, doch schon in den 1960er-Jahren bröckelt es andernorts. Im Saarland und Ruhrgebiet werden Fabriken und Zechen geschlossen, in Mannheim aber ist zu dieser Zeit die Produktion noch einmal zehn Prozent stärker als in anderen Gebieten ausgeprägt.

Strukturwandel später, aber scharf

„Mannheim wird erst spät vom Strukturwandel erfasst, dann aber umso schärfer“, so Stockert. Diese Massenentlassung beim „Strebel“ leitet ein Jahr der Pleiten ein. Weitere Firmenschließungen folgen: die Stahlwerke Mannheim GmbH oder die für ihre Schildkröt-Puppen bekannte Rheinische Gummi- und Celluloid-Fabrik. Günstigere Produktionen im Ausland, internationale Konkurrenz und ein Übergang zu moderneren (oft auch schlankeren) Technologien prägen den Wandel.

Die vier großen Unternehmen – Daimler-Benz, BBC, Boehringer sowie John Deere – erweisen sich noch lange als gute Standbeine. Die 80er- und 90er-Jahre aber bringen auch die Big Four zum Umdenken, was oft zulasten der Arbeitnehmer geht. Brown, Boveri & Cie. fusioniert mit ASEA und wird zu ABB. Der Konzern expandiert, die Umstrukturierung aber führt zu einem Personalabbau in Mannheim.

Boehringer wird vom Pharma-Riesen Roche geschluckt, der Verkauf führt zu Protesten und Jobverlusten. Bei John Deere erreicht die Traktorfertigung 1993 einen Tiefpunkt, der Absatz stagniert, die Gießerei wird geschlossen. Auch Daimler bekommt die Krise der Metallwirtschaft zu spüren. „Es kam eine Unsicherheit in diese vier Standbeine, worunter die Stadt sehr litt. Die 90er waren aus Sicht der Industrie und vieler Mitarbeiter grausame Jahre, Mannheim wurde zum Armenhaus des Südwestens“, betont Stockert. 1997 steigt die Arbeitslosigkeit in Mannheim auf 9,6 Prozent, innerhalb von zwei Jahrzehnten halbierte sich die Anzahl der Arbeitsplätze in den vier großen Betrieben.

Stadt kämpft um neues Image

Doch die Stadt reagiert. Die Wirtschaftsförderung wird (wenn auch etwas spät) ausgebaut, mit neuen Flächen und flacher Bürokratie. Der Fahrlachtunnel öffnet neue Verkehrswege. Mit der Popakademie und anderen Projekten kämpft die Stadt um ein neues Image als Musik- und Kulturstadt. Aber ist Mannheim immer noch eine Arbeiterstadt?

„Im Vergleich zu anderen Städten gibt es immer noch einen sehr starken industriellen Sektor. Große Unternehmen wie Roche/Boehringer sind sogar stärker als früher, mit mehr Power und Bedeutung. Ja, Mannheim ist immer noch eine Arbeiterstadt, aber eben nicht nur“, sagt Stockert. Letztlich führte der Abzug von Industrie auch zu neuen Wohnflächen, zu Dienstleistungshochburgen wie das Glückstein-Quartier auf ehemaligen Flächen der John-Deere-Gießerei, zu neuen Gründungs- und Kreativstandorten, für die nun der digitale Strukturwandel Chance und Herausforderung darstellt.

Termin

Der Vortrag „Badens Fabrik in der Krise“ findet am Mittwoch, 11. Februar, um 18 Uhr im Marchivum, Friedrich-Walter-Saal (6. Obergeschoss) statt und ist auch als Livestream via YouTube zu sehen.

x