Ludwigshafen
Streit mit Abrissfirma bringt Ludwigshafens großes Verkehrsprojekt ins Stocken
Beim Bau der neuen Verkehrsinfrastruktur in Ludwigshafen ist es zu einer unerwarteten Verzögerung gekommen. Grund sind Streitigkeiten zwischen der mit dem Projekt beauftragten Bauprojektgesellschaft (BPG) und einem Bauunternehmen, das sich um den Auftrag für den Abriss des Nordbrückenkopfs beworben hat.
Nach Angaben der kaufmännischen BPG-Geschäftsführerin Nadine Hainbuch gab es im vergangenen Herbst einen Wettbewerb für die Baufirmen, die sich um das Millionenprojekt beworben haben. Ende Dezember blieben vier Bieter im Rennen. Bevor eine Entscheidung fiel, wer den Zuschlag für den Abriss bekommt, habe eine Firma die BPG für das Vergabeverfahren gerügt. Die BPG habe die Rüge als ungerechtfertigt erachtet. Daraufhin habe sich die Firma an die Vergabekammer Rheinland-Pfalz in Mainz gewandt. Nun stehe ein sogenanntes Nachprüfungsverfahren für die Auftragsvergabe an. Die Kammer müsse nun entscheiden, ob das Vorgehen der BPG rechtens war oder ob noch mal die Rahmenbedingung für die Auftragsvergabe geändert werden müssen.
Das Wirtschaftsministerium bestätigt, dass bei der Kammer ein sogenanntes Nachprüfungsverfahren für die Auftragsvergabe anhängig ist. „Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt und die Vergabekammer nicht öffentlich verhandelt, können Einzelheiten zu dem Nachprüfungsverfahren nicht mitgeteilt werden. Auch Angaben zum Abschlusszeitpunkt können nicht gemacht werden“, so eine Sprecherin.
BPG wagt keine Prognose
„Für uns heißt das: Wir können nicht im August den Nordbrückenkopf für den Verkehr sperren und mit dem Abriss anfangen. Wann es weitergeht, hängt vom Ausgang des Rügeverfahrens ab“, hat Björn Berlenbach, technischer BPG-Geschäftsführer, den Bauausschuss des Stadtrats am Montag informiert. Er wage keine Prognose, bis wann die Vergabekammer in Mainz eine Entscheidung treffen wird. Auch die Sperrung der Kurt-Schumacher-Brücke fällt damit erst einmal flach. „Wir gehen von einer Verzögerung von mehreren Wochen aus. Aber man weiß es nicht. Wir halten die Rüge des Bieters für inhaltlich unbegründet und gehen davon aus, dass die Vergabekammer das auch so sehen wird,“ meint Geschäftsführerin Hainbuch zur RHEINPFALZ.
Mehr als ungünstiger Moment
Die Verzögerungen kommen für das Abrissprojekt in einem mehr als ungünstigen Moment. Denn die Zeit drängt. Die Vorbereitungsarbeiten, um einen Bypass um die geplante Mega-Baustelle zu bauen, laufen auf Hochtouren. Zur Erinnerung: Ab Ende 2032 soll die ebenerdige Helmut-Hohl-Allee die abrissreife Hochstraße Nord (B44) ersetzen. Die neue Straße wird zur Schumacher-Brücke führen und bekommt eine völlig neu gestaltete Auffahrt. Zuvor muss der bestehende alte Nordbrückenkopf abgerissen werden, eine Ansammlung von Auf- und Abfahrten auf die Hochstraße Nord und die Rheinbrücke. Die Auffahrt von der Rheinuferstraße auf die Hochstraße in Richtung Bad Dürkheim ist bereits größtenteils verschwunden. Der Würfelbunker, der in diesem Bereich liegt, soll bis zum Jahresende folgen.
Zwei Behelfsstraßen
Bis zur vierjährigen Totalsperrung der Rheinuferstraße, die den Hemshof mit der City verbindet, werden behelfsmäßige Straßen gebaut: Die bisherige Auffahrt auf die Hochstraße Nord vom Hemshof kommend wird derzeit für zweispurigen Gegenverkehr umgebaut („Verkehrsspange“). Grund: Künftig endet die Hochstraße vor der Zufahrt zur Schumacher-Brücke und eine Art Bypass um die Mega-Baustelle ist nötig. Die Autos werden auf die bisherige Hochstraßenfahrspur in Richtung Bad Dürkheim geführt und fahren dort auf der „Spange“ in Richtung BASF/Oppau ab. Vor dem Hemshof-Tunnel wird der Verkehr über die Straßenbahngleise wieder auf die rechte Fahrspur geführt, dazu wird aktuell ein Bahnübergang gebaut. Ab August soll der Bypass zur Verfügung stehen.
Die zweite Behelfsstraße entsteht ebenenerdig und führt von der Pasadenaallee am Hauptbahnhof über den ehemaligen Messplatz, den früheren Parkplatz Jaegerstraße und das Areal des abgerissenen Rathaus-Centers bis zur Rheinuferstraße in Höhe der Rhein-Galerie. Diese sogenannte Rettungstrasse ist für Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten vorgesehen, um nicht im Umfeld der Mega-Baustelle steckenzubleiben. Auch Linienbusse, Fahrradfahrer und Fußgänger dürfen die Trasse nutzen. Die BPG übergibt das Areal kommende Woche an einen Bauunternehmer, der die Trasse baut.
Fortschritte im Süden
Trotz der aktuellen Ungewissheit beim Abriss des Nordbrückenkopfs läuft das Mega-Projekt an vielen anderen Stellen weiter: So wird momentan die sogenannte Westbrücke gebaut, die künftig die Autofahrer von der A650 auf die ebenerdige Helmut-Kohl-Allee führt. Die neue Brücke führt über die Gleise am Hauptbahnhof Ludwigshafen. Sogenannte Stahlhohlkästen sind zwischen den Brückenpfeilern mit einem Kran eingehoben worden. Die Verbindungsstücke bilden den Unterbau, auf dem einmal die Fahrbahn asphaltiert wird. Bis Jahresende sollen alle Hohlkästen der neuen Brücke eingehoben sein.
Neu Südtrasse wir im Juli eröffnet
Fortschritte gibt es auch beim zweiten Großprojekt zu vermelden: Im Süden der Innenstadt wird die in Teilen neu aufgebaute Hochstraße Süd (B37) am 3. Juli für den Verkehr freigegeben. Die Südtrasse wird während des Abrissprojekts im Norden die Hauptumleitungsstrecke und die einzige rheinübergreifende Verbindung nach Mannheim sein. Laut BPG ist der Ersatzbau für die wegen Einsturzgefahr abgerissene Pilzhochstraße fertig: Der Asphalt ist aufgetragen, Brückengeländer und neue Straßenlaternen wurden montiert. Am Montag wurde ein weiteres Teilstück freigegeben: die Auffahrt auf die Hochstraße von der Saarlandstraße aus. Doch bei den Autofahrern hat sich das anscheinend noch nicht herumgesprochen, denn es sind nur wenige Autos auf dem fertigen Teilstück zu sehen: „Viele Leute glauben wohl noch nicht, dass sie jetzt schon ein Teilstück befahren können“, sagt Berlenbach.
Modernisierung läuft noch
Gearbeitet wird noch an dem Teilstück, das den Neubau mit der A650 verbindet: die wegen der Pfeilerfarbe so benannte „Weiße Hochstraße“. Die Sanierungsarbeiten waren weit aufwendiger als ursprünglich gedacht. Schon vor einiger Zeit deutete sich daher an, dass die Hochstraßensanierung länger dauert und nicht zeitgleich mit der Fertigstellung des Neubaus abgeschlossen werden kann. Laut BPG ist das Personal auf der Baustelle aufgestockt worden, an allen vier Bauabschnitten wird parallel gearbeitet. Aktuelles Ziel: Die modernisierte „Weiße Hochstraße“ soll bis Ende des zweiten Quartals – also bis 30. Juni – soweit saniert sein, dass die 1,5 Kilometer lange Südtrasse, die den Verkehr von der A650 zur Konrad-Adenauer-Brücke führt, ab 3. Juli wieder befahren werden kann. Vor der Sperrung 2019 hatten täglich rund 50.000 Fahrzeuge die Hochstraße Süd in Ludwigshafen befahren.
Die Kosten
Die Gesamtkostenhochrechnung für die neue Verkehrsinfrastruktur beläuft sich laut BPG auf knapp 1,1 Milliarden Euro. 668 Millionen übernehmen Bund und Land. Für das Nordprojekt sind mittlerweile 940 Millionen Euro veranschlagt, für die neue Hochstraße Süd 147 Millionen Euro. Laut BPG hat es bisher keine Mehrkosten gegeben.