Mannheim
So haben Notfallseelsorger die Zeit nach der Amokfahrt erlebt
Nach der Amokfahrt im März führte die Notfallseelsorge in den Planken zwei Wochen lang über 800 Einzelgespräche mit betroffenen und zum Teil traumatisierten Augenzeugen – und erzeugte somit auch eine neue Sichtbarkeit für ein Ehrenamt, das sonst ganz im stillen, privaten Bereich abläuft.
Martina Egenlauf-Linner kennt die Schockmomente. Wenn sie bei einem Todesfall an der Seite der Polizei steht, welche die furchtbare Nachricht vom plötzlichen Tod der Ehefrau, des Ehemanns oder des Kindes überbringen muss. Dann versucht sie, die Hinterbliebenen aufzufangen, zu trösten, überhaupt zu erreichen und ihnen beizustehen. „Nachdem der Einsatz der Rettungskräfte vorbei ist, fängt unsere Arbeit erst an. Die Seele muss hinterherkommen“, sagt die Pfarrerin, die seit über 20 Jahren als Notfallseelsorgerin aktiv ist und das Angebot in Mannheim 2004 mit initiierte.
2025 war Ausnahmejahr
Rund 150 Einsätze haben die aktuell 24 aktiven Ehrenämtler im Jahr. Der März 2025 fließt allerdings nicht in diese Statistik ein. Nachdem der nun vor Gericht stehende Alexander S. am Rosenmontag mit einem Auto in die Mannheimer Einkaufsmeile Planken einbog, zwei Menschen tötete, weitere Personen schwer verletzte und Hunderte von Passanten traumatisierte, wurden auch die Notfallseelsorger gerufen. Noch am selben Tag leisteten sie eine emotionale Erstversorgung im Rosengarten, wo eigentlich eine Kinderfastnacht gefeiert werden sollte. In den folgenden zwei Wochen wurde ein Feuerwehr-Container am Plankenkopf und später am Paradeplatz zur Anlaufstelle für Menschen mit Redebedarf.
„Wir sprachen mit Augenzeugen, die eine Leiche durch die Luft fliegen sahen. Mit Bekannten konnten oder wollten sie nicht darüber sprechen, um sie nicht zusätzlich zu belasten. Mit manchen Menschen haben wir täglich gesprochen“, sagt Ulrich Nellen, evangelischer Koordinator der Mannheimer Notfallseelsorge, die damals Unterstützung von Kollegen aus Ludwigshafen, dem Rhein-Neckar-Kreis, aus dem Odenwald, Karlsruhe und aus Heilbronn erhielt.
Die ehrenamtlichen Helfer liefen mit ihren lila Jacken durch die Planken, waren immer ansprechbar. Vor allem dort, wo Kerzen angezündet und Blumen zum Gedenken niedergelegt wurden, gab es immer wieder spontane Gespräche, flossen auch Tränen. „Manche wollten einfach nur, dass man bei ihnen sitzt und gemeinsam schweigt. Andere wollten möglichst viel loswerden, über das Erlebte sprechen“, sagt Egenlauf-Linner, die im Anschluss auch auf einen Hausbesuch bei Betroffenen vorbeikam, wenn das erwünscht war.
Seelsorge auch in Schulen
Der Container, in den man sich für ein intimeres Gespräch bei Bedarf zurückziehen konnte, wurde zu einem Ort des Zuhörens. „Niemand von uns Helfern war Augen- und Ohrenzeuge, wir konnten mit etwas Distanz darauf blicken, waren nicht gelähmt, wir konnten funktionieren. Manche der Passanten haben sich nach zwei Wochen zum ersten Mal wieder in die Stadt getraut“, erklärt Nellen, der auch Kontakt zum Amt des Opferbeauftragten herstellte. „Wenn die Menschen merkten, diese Bilder lassen sie nicht los, wenn sie davon träumten, konnten sie dort anrufen“, sagt er. Noch nie seien so viele Anrufe in Stuttgart eingegangen wie nach diesem Einsatz. Auch beim Zentrum für Seelische Gesundheit (ZI) waren kurzfristige Behandlungen möglich.
„Es waren damals auch viele Kinder in der Stadt unterwegs“, erinnert sich Vesile Soylu. Sehr sensible Gespräche mussten geführt, in Schulen per Flyer auf das Redeangebot aufmerksam gemacht und im Bedarfsfall weitervermittelt werden. Zum Beispiel an Bulgarisch sprechende Psychotherapeuten. Als die Muslimin 2016 in die violette Jacke schlüpfte, war sie die erste islamische Notfallseelsorgerin Baden-Württembergs. „Ich fühle mich als Mannheimerin mit der Stadt und den Menschen verbunden. Daher wollte ich etwas weiter- und zurückgeben. Für alle Menschen, nicht nur für Muslime“, sagt Soylu, die auch als Krankenhaus- und Gefangenenseelsorgerin tätig ist.
„Menschen nicht alleinlassen“
Meist sind es für die Notfallseelsorge einmalige Kontakte, ohne Wiedersehen. „Man weiß nicht, wie es nach dem Besuch für die Person weitergeht. Vielleicht ist das ganz gut und sinnvoll. Damit leben wir und hoffen das Beste“, sagt Soylu, die wie ihre Kollegen in Akutsituationen zur Stelle sind, wenn etwa Kinder ihre Eltern verloren haben, oder nach Suizidversuchen. „Wir können den Menschen das Leid nicht nehmen, aber eine Stunde voll für sie da sein. Sonst könnte man es wohl auch nicht auf Dauer machen“, sagt sie über das Ehrenamt.
Es gibt Situationen, da ist in einer Wohnung der Abendtisch gedeckt. Aber der Mann wird nie nach Hause kommen. Stattdessen steht die Polizei an der Schwelle und überbringt die Todesnachricht vom plötzlichen Herzinfarkt. „In solchen Situation können es die Betroffenen gar nicht fassen, es braucht Zeit, bis es ankommt. In diesen Extremsituationen lassen wir die Menschen nicht alleine. Wir versuchen, mit ihnen die Schockphase zu überwinden, ihnen die Orientierung zu geben, was zu tun ist“, erklärt Pfarrerin Egenlauf-Linner.
Alle Gefühlslagen – Trauer, Wut, Aggression, Verzweiflung, Verdrängung, Schock und Schweigen – schlugen ihnen schon entgegen. In ihrer Rolle als Notfallseelsorger sind sie gefasst. Im Nachgang aber sind Supervisionen und ein Austausch mit den Kollegen sehr wichtig. „Das ist eine Stütze, um über belastende Fälle zu reden“, sagt Soylu über diese fachlichen und emotionalen Nachbesprechungen. Gerade die Erfahrungen nach dem Amoklauf seien viel thematisiert worden. Intern wie außerhalb.
Intensive Ausbildung
„Es gab danach ein großes Interesse und viele Anfragen für das Ehrenamt. Für die meisten war es dann aber doch zu viel“, erklärt Nellen. Die Ausbildung sei intensiv: 200 Stunden plus Hospitation und Gesprächsführungskurse. „Nicht alle werden mit dem Druck fertig, in stetiger Bereitschaft zu sein und die Distanz zu wahren. Für die meisten ist es etwas völlig Anormales, wenn jemand stirbt. Wir wissen inzwischen mehr darüber und können vermitteln“, betont sie.
Aktuell gebe es zehn Anwärter, für 2026 könne man keine Hospitanten mehr annehmen. Egenlauf-Linner hingegen verabschiedet sich. Auch als Pfarrerin in Neckarau wird sie sich in den kommenden Jahren zur Ruhe setzen. „Die Notfallseelsorge war für mich eine Uraufgabe für den Dienst am Menschen. Gerade in diesen Momenten wusste ich, warum ich Pfarrerin geworden bin.“
Info
Die Notfallseelsorge ist nicht mit Telefonseelsorge (0800-1110111) zu verwechseln. Die ehrenamtlichen Helfer werden nur über die Leitstellen der Feuerwehr und Polizei kontaktiert.