Neuhofen
Situation „sehr dramatisch“: 80 Prozent des Neuhofener Waldes sind von Fällung bedroht
„Eschen und Ahornbäume im Neuhofener Wald stehen unter massivem Krankheitsdruck“, warnt Förster Mirko Müsel. Um die Sicherheit zu gewährleisten und den Wald langfristig zu erhalten, lässt der Leiter des Forstreviers Speyer deshalb viele Bäume fällen – auch solche, die für Besucherinnen und Besucher des Waldes vermeintlich noch gesund aussehen.
„Ich kann verstehen, dass es für den einen oder anderen dramatisch wirkt, wenn Fahrzeugspuren tief in den Wald hineinführen und an den Wegen zahlreiche gefällte Bäume liegen“, sagt Müsel bei einem Ortstermin mit der RHEINPFALZ. „Sehr dramatisch“ sei allerdings auch die Situation im Neuhofener Wald. „Esche und Ahorn machen hier rund 80 Prozent des Baumbestandes aus“, schätzt der 24-Jährige, der Forstwissenschaft als duales Studium in Rottenburg am Neckar absolviert hat. Der Krankheitsdruck, den alleine diese beiden Baumarten hätten, summiere sich deshalb zu einem Gesamtausmaß, das vielen Bürgerinnen und Bürgern bislang noch gar nicht bewusst sei.
„Bäume verlieren den Halt“
„Die Esche leidet am aus Ostasien eingeschleppten Eschentriebsterben“, erläutert Müsel. Es handle sich dabei um eine inzwischen europaweit verbreitete Pilzerkrankung, die rund 95 Prozent der Eschenbestände bedrohe. „Nur wenige Eschen sind resistent gegen den Pilz, der von den Blättern in die Triebe wandert.“ Zuerst sterbe die Krone der Eschen ab, nach und nach würden auch die Wurzeln massiv geschädigt. Hinzu komme oft noch der Hallimasch-Pilz, ein weiterer Fäuleerreger. „Dadurch verlieren die Bäume Halt und können plötzlich einfach umstürzen – eine kaum kalkulierbare Gefahr, die konsequente Sicherheitsmaßnahmen nötig macht“, verdeutlicht Müsel das Gefahrenpotenzial.
Doch auch den Ahornbäumen im Neuhofener Wald geht es nicht gut: Die aus Nordamerika eingeschleppte Rußrindenkrankheit, erkennbar an einer rußschwarzen Sporenschicht unter abplatzender Rinde, breite sich immer weiter aus. „Die Sporen dieses Pilzes sind gesundheitsschädlich und können beim Menschen zu Atemwegserkrankungen führen“, erläutert der junge Förster, der im Rhein-Pfalz-Kreis auch zuständig für kommunale Waldflächen in Birkenheide, Bobenheim-Roxheim, Fußgönheim, Maxdorf, Altrip und Waldsee ist. Begünstigt werde die für Ahornbäume tödliche Rußrindenkrankheit durch Hitze und Trockenheit. Die Maßnahmen zum Waldumbau in Neuhofen seien vor diesem Hintergrund unverzichtbar.
„Noch haben wir hier einen grünen Wald“, betont Mirko Müsel. In Teilen der Nordpfalz und im Westerwald, wo große Fichtenmonokulturen abgestorben seien, gebe es hingegen große Kahlschlaggebiete. „Dort gibt es Dörfer, die haben nach über 300 Jahren erstmals wieder Sichtkontakt“, berichtet der gebürtige Kaiserslauterer – ein Szenario, das er in der Vorderpfalz unbedingt vermeiden will.
Keine Patentlösung in Sicht
Auch Müsel formuliert als Ziel, was schon etliche andere Förster angesichts des Klimawandels vor ihm kundgetan haben: Entstehen soll ein möglichst widerstandsfähiger Mischwald, der Extremwetter und Temperaturspitzen besser verkraftet. Das Anpflanzen mediterraner Arten sei dabei allerdings keinesfalls die Patentlösung. „Laut derzeitigen Prognosen wird es in unseren Breitengraden nicht nur in den Sommermonaten wärmer, sondern es bleibt bei frostigen Temperaturen im Winter“, erläutert Müsel. Im Neuhofener Wald will er deshalb vornehmlich auf Eiche und Feldahorn setzen. „Auch andere Baumarten werden jedoch hinzukommen“, betont der 24-Jährige.
Entscheidend sei, dass der Baumbestand rechtzeitig stabilisiert wird – und zwar bevor sich der Wald großflächig in einen Gefahrenbereich verwandle, der Arbeiten darin unmöglich macht. Neben den akut und sichtbar gefährdeten Eschen und Ahornbäumen würden teils auch schon diejenigen Exemplare aus dem Wald geholt, die aktuell noch so gut erhalten sind, dass sie als Stammholz einer möglichst hochwertigen Verwendung zugeführt werden.
„Abwarten hilft niemandem“
„Zwei bis drei Förstergenerationen vor mir haben diese Werte ja aufgebaut. Es hilft niemandem, wenn wir abwarten, bis dieses Holz in wenigen Jahren entwertet ist“, sagt Mirko Müsel. Gefällt worden seien nur diejenigen Bäume, deren Entnahme aus den bereits genannten gesundheitlichen Gründen unvermeidlich war, betont der Förster. „Die Erlöse aus dem Holzverkauf fließen unter anderem in neue Pflanzungen im Neuhofener Wald.“
In Teilen des Reviers funktioniere allerdings auch die natürliche Verjüngung gut. „Es wachsen junge Eschen und Ahorne nach“, berichtet Müsel. Obwohl deren Zukunft ungewiss ist, hofft er, dass sich diese jungen Bäume besser an steigende Temperaturen und vorhandene Schädlingspilze anpassen als die Vorgängergeneration, die aufgrund ihres Krankheitsbildes nun gefällt werden muss. Wo Lücken im Wald bleiben und es keine natürliche Verjüngung gebe, werde auf jeden Fall nachgepflanzt.
„Hier im Neuhofener Wald ist viel los“, sagt der junge Förster mit Blick auf die stark frequentierten Wege rund um die Waldfesthalle. Umso wichtiger sei es, vorausschauend zu handeln und den Wald für kommende Jahrzehnte zu sichern.