Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Schweinische Gemälde: In „Meisterwerk“ witzelt Jakob Schwerdtfeger durch die Kunstgeschichte

Dass Kunst zur Selbstdarstellung genutzt wurde und wird, erklärt Jakob Schwerdtfeger und spekuliert, wie sich wohl Bundeskanzler
Dass Kunst zur Selbstdarstellung genutzt wurde und wird, erklärt Jakob Schwerdtfeger und spekuliert, wie sich wohl Bundeskanzler Olaf Scholz in der Kanzlergalerie verewigen lassen könnte.

Die Epochen vom Mittelalter bis zu „Pig Casso“ erklärt der Comedian Jakob Schwerdtfeger auf amüsante Weise in der Mannheimer Kunsthalle.

Dass Kunst nicht elitär abgehoben erklärt werden muss, beweist der Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger in der Kunsthalle Mannheim mit seinem Auftritt im Rahmen der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“. Der 1988 in Hannover geborene Poetry Slammer hat ein neues Genre erfunden, die „Kunstcomedy“. Durch sein humorvolles Infotainment möchte er ein breiteres Publikum mit seiner Begeisterung anstecken und revolutioniert die klassischen Ausstellungsführungen. Wie er in Interviews sagt, sei das gängige Publikum in der Regel hochgebildet. Führungen setzten deshalb meist Wissen voraus, Bildbesprechungen würden durch komplexe Sprache mit einer gewissen „Hochnäsigkeit“ zelebriert. Das schrecke viele ab.

Heiligenschein verstellt die Sicht

Dass es anders geht, beweist der Comedian. Wobei er Kunstgeschichte als Wissenschaft nicht in Frage stellt. In seiner Show „Meisterwerk“ lehrt er am Samstag Grundwissen der Kunstgeschichte mit einem Augenzwinkern. Er erklärt in ein paar Sätzen mit Beispiel die Epochen Mittelalter, Renaissance, Barock, Rokoko, Romantik, Realismus, Impressionismus, Expressionismus, Konstruktivismus bis hin zur abstrakten Kunst – leider ohne Bildtitel, was sinnvoll für eine Nachbereitung wäre. Das Mittelalter charakterisiert er mit „golden, wirklich golden, mit vielen Heiligenscheinen“. „Manchmal verstellt dieser sogar die Sicht“, witzelt er.

Die Renaissance dagegen sei für ihn „Streberkunst“, „weil alle Themen wissenschaftlich angegangen werden“. Dazu präsentiert er Leonardo da Vincis „vitruvianischer Mensch“ von 1490. Das ist die Darstellung eines Mannes, der die Arme und Beine so ausbreitet, dass er jeweils durch ein Quadrat oder Kreis begrenzt ist. Allen bekannt ist das Bild durch den Aufdruck auf der Krankenkassenkarte. Einprägsam lässt der Comedian die Figur zwei Verkehrskellen halten. „Der sieht aus wie ein Verkehrspolizist“, sagt er dazu. Mit dem Hinweis auf die Versichertenkarte beweist der Kunsthistoriker zudem, wie sehr wir im Alltag unbemerkt von Kunst umgeben sind und nennt weitere Beispiele aus Werbung und „Wartezimmerkunst“. Kunst könne eben beruhigen oder Produkte aufwerten.

Otto Dix’ „begossener Pudel“

Angepasst an die aktuelle Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle ergänzt er seine „Epochenerklärung“ um Werke der „Neuen Sachlichkeit“. Er zeigt, wie Otto Dix die Gesellschaft kritisiert: „Hier sieht sogar der Dackel wie ein begossener Pudel aus“. In einem karikaturhaften Stil zeigt Dix schonungslos Elend und Armut seiner Zeit. Interessant ist Schwerdtfegers Erklärung abstrakter Kunst: Er blendet ein farbenfrohes, mit dynamischen Strichen gemaltes Bild ein, lässt die Zuschauer ihre Assoziationen benennen und löst dann auf: Der Künstler ist ein Schwein. „Pig Casso“! Obwohl das Bild in seiner Farbigkeit anspreche, könne man es nicht in Museen sehen. „Wir wollen immer in Bilder etwas hineininterpretieren: Der Künstler soll sich etwas dabei gedacht haben.“ Das könne man bei Bildern eines Schweines nicht. Dennoch zerstöre der tierische Künstler die gängige Argumentation, nach der abstrakte Kunst nicht beliebig sein könne, auch wenn abstrakte Werke häufig „ohne Titel“ daherkämen. Wichtig seien aber die Assoziationen beim Betrachter, die ein Werk hervorrufe.

Napoleon auf dem Maulesel

Weiter geht Schwerdtfeger auf die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft ein: Sie könne politisch zur Selbstdarstellung genutzt und benutzt werden. Als Beispiel zeigt er die heroische Darstellung Napoleons, der mit einem temperamentvollen Pferd die Alpen überquert, aber in Wirklichkeit dabei ein Maultier ritt. In der „Kanzlergalerie“ lassen sich heutzutage Bundeskanzler nach Beendigung ihres Amtes porträtieren und inszenieren sich damit selbst. Schwerdtfeger witzelt, wie sich wohl Bundeskanzler Olaf Scholz darstellen lassen könnte, und zeigt ein Bild eines schlafenden Menschen, dessen Gesichtszüge tatsächlich dem noch amtierenden Bundeskanzler ähneln. „Für dieses Bild musste ich lange suchen“, bekennt Schwerdtfeger.

Gefährliche blaue Pferde

Nicht fehlen darf bei allem Witz die ernste Bemerkung, dass alle Diktaturen Kunst zensieren. 1937 wurden in Deutschland Werke als „entartet“ verboten und Künstler verfolgt. Freie Kunst setze eine offene Gesellschaft voraus, „weil Kunst immer Fragen stellt. Kunst lehrt die Welt anders zu sehen, anders zu deuten“, erklärt der Kunsthistoriker. Diese Mehrdeutigkeit mögen Autokraten nicht, und daher seien für diese selbst die blauen Pferde von Franz Marc „gefährlich“.

Kunst sei außerdem mit den Werten einer Gesellschaft verbunden: So erkenne man daran die Einstellung zu Körperlichkeit und Prüderie. Was heute Algorithmen von Facebook zensieren, schränkte früher die Kirche ein. Schwerdtfegers Beispiel: Die frühgeschichtliche „Venus von Willendorf“, eine Plastik mit großen Brüsten, dickem Bauch und Oberschenkeln, würde Facebook nicht durchgehen lassen.

Als Zugabe überraschte der Poetry Slammer in Mannheim mit einem Freestyle Rap – spontan aus hereingerufenen Worten. Begeisterung pur. Die Veranstaltung war ausverkauft und damit ein Beweis, dass diese Art der Kunstvermittlung neugierig macht.

x