Mannheim
„Schwarzer Zucker, rotes Blut“: Der neue Film von Luigi Toscano
Alles, was sie wusste, war, dass sie als Kleinkind am 4. Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz stand – und eine Nummer trug: 69929. Weder wusste sie etwas über ihre leiblichen Eltern. Noch, wo sie geboren wurde. Mit diesen Anhaltspunkten lernte Luigi Toscano bei seinem großen Projekt „Gegen das Vergessen“ vor zehn Jahren Anna Strishkowa kennen. Als eine von über 400 Holocaust-Überlebenden hat sie der Fotokünstler porträtiert. „Doch ihr Schicksal ließ mich nicht los“, sagt der 52-Jährige gleich zu Beginn des 90-minütigen Films.
Das vererbte Trauma
Dieser ist mehr als klassische Doku, sondern auch Kriminalfall. Eine Odyssee, die Toscano von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern bis nach Jerusalem führt. Ein Spannungsbogen im True-Crime-Stil, bei welcher der Fotograf selbst den Ermittler mimt, wird so aufgebaut. Und doch wird auf sehr einfühlsame Weise die Geschichte erzählt. Von Anna, die trotz der Schatten ihrer Vergangenheit ein glückliches Leben führte, Mikrobiologie studierte und als über 80-Jährige einen wachen Eindruck macht. Aber auch von ihrer Tochter Olga, die mit Gedichten das vererbte Trauma, dieses Loch in der eigenen Biografie, zu verarbeiten versucht.
Konkrete Erinnerungen an ihre Zeit im Konzentrationslager hat Anna jedoch kaum. Da sind nur Fetzen wie eine Zwangsblutentnahme in einem geschlossenen Raum. Durch weiche, wie mit Kohle gezeichnete Comic-Einblendungen nähert man sich als Zuschauer diesem unvorstellbaren Grauen. Durchaus habe sie versucht, etwas über ihre leibliche Familie, über ihre Herkunft herauszufinden. Doch im KZ-Archiv von Auschwitz war nichts über ihre Nummer vermerkt. „Und irgendwann habe ich aufgehört zu suchen“, sagt sie.
Wie viel Wahrheit erträgt man?
Vielleicht sind Spuren aber auch bewusst verwischt worden. Denn als Quelle dient auch Toscano zunächst nur ein russischer Propagandafilm. Wie es der Zufall will, gibt es Originalaufnahmen von der jungen Anna: In der Kinderbaracke 16a soll sie gehaust haben. Filmsequenzen zeigen, wie ihr das Häftlingstattoo entfernt wird, als Heranwachsende wird sie beim Spaziergang mit ihrer Adoptivmutter begleitet. Das zunächst elternlose Kind wird in der Nachkriegszeit zur Heldin aufgebaut, die das Konzentrationslager überlebte. Doch an der bekannten Nummer gibt es irgendwann Zweifel. Toscano bittet sogar das Landeskriminalamt Baden-Württemberg um Hilfe. Durch den Ausbruch des Ukraine-Kriegs droht das ganze Projekt zu scheitern. Und auch für Anna stellt sich irgendwann die Frage, wie viel Wahrheit man eigentlich vertragen und an sein Herz lassen kann. „Du warst zufrieden mit den Narben, wolltest keine neuen Wunden, aber ich konnte nicht aufhören zu graben“, sagt Toscano an einer Stelle.
Und er wird fündig. Die Recherche führt ihn letztlich nach Weißrussland. Dort wurden unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung in den Jahren 1941 bis 1943 Tausende Dörfer von deutschen Soldaten überfallen. Viele Kinder kamen zunächst nach Auschwitz, Anna wurde danach in das Lager von Potulice verschleppt, wo ihr Blut für medizinische Versuche entnommen wurde. Eine systematische Kindesmisshandlung mit häufiger Todesfolge. Fast 1300 junge Menschen sollen im Zentralen Arbeitslager ganz nah an der Mannheimer Partnerstadt Bydgoszcz ihr Leben verloren haben. Darunter 581 Kinder unter fünf Jahren.
Anna ist eine der Überlebenden, deren Spuren unsichtbar wurden. Doch sie ist gewiss kein Einzelfall. „Viele dieser Schicksale sind bis heute noch nicht aufgeklärt“, weiß Toscano. „Menschen ohne Kindheit, Kinder ohne Schuld, kennen den Zucker, der schwärzer ist als Blut“, heißt es in einem Gedicht von Tochter Olga, das titelgebend für die ebenso kunstvolle wie nahegehende Dokumentation ist.
Termin
Der Film „Schwarzer Zucker, Rotes Blut“ feiert am Donnerstag, 21. November, um 18 Uhr im Atlantis-Kino in Mannheim Premiere. Im Anschluss gibt es ein Publikumsgespräch mit Protagonistin Anna Strishkowa und Regisseur Luigi Toscano.