TV-Kritik RHEINPFALZ Plus Artikel Schüsse beim Ludwigshafener „Tatort“-Jubiläum

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) fürchten eine gefährliche Eskalation ihrer Ermittlung.
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) fürchten eine gefährliche Eskalation ihrer Ermittlung.

80 „Tatorte“! Das muss der Ludwigshafener Kommissarin Lena Odenthal erst einmal jemand nachmachen. Nur das Münchener Duo Nemec und Wachtveitl und die Kölner Ballauf und Schenk haben diese stolze Zahl schon erreicht. Sonst in der über 50-jährigen Geschichte des „Tatorts“ noch niemand. Ulrike Folkerts verkörpert die Ermittlerin von Beginn an, seit dem 29. Oktober 1989, also seit genau 35 Jahren. Die 63-Jährige denkt, anders als etwa die Münchener Kollegen, nicht ans Aufhören.

Schön, dass die Jubiläumsfolge „Dein gutes Recht“ so gut gelungen ist! Bereits beim Festival des deutschen Films, bei der sie Anfang September uraufgeführt wurde, stand sie weit oben in der Gunst der Zuschauer und hätte beinahe den Publikumspreis gewonnen.

Dabei ist die Struktur schon besonders in diesem „Tatort“, der Aufmerksamkeit erfordert. Die Ludwigshafener Kommissarinnen müssen sich einer internen Untersuchung unterziehen, die sich über die gesamte Krimilänge erstreckt. Odenthal hat von ihrer Dienstwaffe Gebrauch gemacht, und nun soll geklärt werden, ob ihr Einsatz gerechtfertigt war. Von hier aus wie von weiteren Befragungen und Verhören wird „Dein gutes Recht“ in einer Vielzahl von Rückblenden erzählt. Die dabei getroffenen Aussagen sind nicht immer zuverlässig und wahrheitsgetreu, und es ergibt sich ein sehr wortreicher Krimi, der kaum weniger Dialoge als eine Talkshow enthält. Aber der stetige Wechsel der Perspektive macht ihn auch abwechslungsreich, unterhaltsam und spannend. Indem Odenthal und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) den Kriminalfall noch einmal nachzeichnen, wird in die Erzählung sozusagen eine zweite Ebene eingezogen.

Der Krimi beginnt in der nächtlichen Ludwigshafener Bahnhofstraße mit einem Notruf: Einbruch mit Schusswaffengebrauch. „Ich bin in der Nähe. Ich kann in einer Minute da sein“, erklärt Lena Odenthal, die zu so später Stunde noch unterwegs ist. Schon Sekunden später ist sie am angegebenen Tatort. In der Anwaltskanzlei Prinz trifft sie auf die Anwältin und findet deren Mann, der als Schussopfer mit dem Tode ringt, bevor sie selbst von der Polizei festgesetzt wird: „Runter auf den Boden! Keine Bewegung!“

Das Büro, in dem sie zur internen Untersuchung kurz darauf sitzt, sieht ein bisschen nach dem Rathaus-Center aus, dessen Abriss ja zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, im Sommer 2023, noch nicht so weit fortgeschritten war. In Wirklichkeit gedreht wurde jedoch in den ehemaligen Stadtwerken Karlsruhe. Ulrike Folkerts' Gegenüber ist Bernd Hölscher, der erst vor wenigen Wochen im Pfälzer SWR-Drama „Ein Mann seiner Klasse“ zu sehen war, und ihnen zur Seite sitzt Davina Chanel Fox aus Hochspeyer, die in Zukunft zur Assistentin der Kommissarinnen aufsteigen könnte.

Der aktuelle Fall führt Odenthal und Stern ins Hauptgebäude der Uni im Mannheimer Schloss, unter die Ludwigshafener Hochstraßen und ins Mosch-Hochhaus, das damit nicht zum ersten Mal in einem „Tatort“ zu Ehren kommt. Dabei rücken diesmal, unten an der Damm- und der Otto-Stabel-Straße, authentische Aufnahmen der Hochstraßen-Baustelle ins Bild, die seltene Einblicke ins Leben der Stadt vermitteln. Wäre es nicht schön, wenn die Ludwigshafener „Tatorte“ noch mehr solcher Eindrücke böten? Später geht es für eine spannende Viertelstunde hinaus auf ein paar Wege in den Feldern, die das Filmteam um den Autor und Regisseur Martin Eigler irgendwo bei Baden-Baden fand. Hier fallen auch die Schüsse, die Odenthal in ihrem Jubiläumseinsatz rechtfertigen muss.

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