Ludwigshafen
Sütterlin-Schrift: Eine Reise in die Vergangenheit
In mühevoller Kleinarbeit übersetzen die Mitglieder der IG Sütterlin historische Dokumente, alte persönliche Briefe oder amtliche Unterlagen in unsere heutige Sprache und ermöglichen so Einblicke in sonst verschlossene Quellen. „Als Erstes muss man wissen, dass in Deutschland bis zum Jahr 1941 offiziell und ganz allgemein mit der altdeutschen Kurrentschrift und dem etwas vereinfachten Sütterlin geschrieben wurde. Erst nach der Abschaffung durch das NS-Regime ab 1942 ist in den Schulen die lateinische Schrift eingeführt worden“, erzählt Vorsitzender Karlheinz Sausbier.
Praktisch bedeutet dies, dass heutige Generationen nicht mehr in der Lage sind, die handschriftlichen Aufzeichnungen ihrer Vorfahren zu lesen. Doch wer einen solchen Wunsch hat, kann sich an die IG Sütterlin wenden.
Aufruf in der RHEINPFALZ
Auslöser für die Bildung der Gruppe sei ein Artikel und Aufruf vor etwa 15 Jahren in der RHEINPFALZ zum Erhalt der Sütterlin-Schrift gewesen, erinnert sich Sausbier. Etwa 20 ältere Leute aus der ganzen Region seien daraufhin in den damaligen Hackerbräu-Stuben im Stadtteil Süd zusammengekommen. Auch er sei als einer der damals Jüngsten dabei gewesen. Nach dem altersbedingten Ausscheiden des Gründungsvaters Edmund Michel, der mittlerweile verstorben ist, wurde der 65-Jährige zum Vorsitzenden der Gruppe gewählt. „Ich bin über meinen Namen zum Sütterlin gekommen. Bei Nachforschungen über die Herkunft meiner Familie habe ich gemerkt, dass ich die Einträge in den alten Kirchenbüchern nicht lesen konnte“, erzählt Sausbier. Deshalb habe er angefangen, diese Schrift zu erlernen.
Nachdem seine Kenntnisse immer besser geworden sind, gibt er seit einiger Zeit selbst Sütterlin-Kurse an Volkshochschulen in der Region. Oft werde der Begriff Sütterlin für die altdeutsche Schrift verwendet. Es handele sich aber nur um die vereinfachte Reformschrift, die von Ludwig Sütterlin für Schüler entwickelt und ab 1911 zunächst an preußischen Schulen eingeführt worden sei. „Bis dahin gab es die altdeutsche Kurrentschrift“, macht er auf einen Unterschied aufmerksam.
Im Jahr 1941 sei dann das Verbot mit dem sogenannten Bormann-Erlass gekommen. „Die Nazis haben behauptet, die Schrift wäre ,verjudet’. Den wirklichen Grund für die Abschaffung weiß niemand“, sagt Sausbier. Heute gebe es nur noch wenige, die diese Schriftarten beherrschten. In der Kurpfalz böten die Mitglieder seiner Gruppe Übersetzungsdienste an. Benötigt würden diese zur Ahnenforschung, zum Lesen von historischen Dokumenten wie Kirchenbüchern, oft auch für Tagebücher und Briefe, erzählt der 65-Jährige.
Im Dienst der Wissenschaft
Wie die Chronik der Gruppe ausweist, wurden bereits Transkriptionen zu wissenschaftlichen Zwecken etwa für die Reiss-Engelhorn-Museen angefertigt. Übertragen wurden ein Ratsprotokoll der Stadt Mannheim von 1765 und Reiseberichte aus der deutschen Kolonialzeit in Afrika. Auch Gesuche aus den Jahren 1904/1905 von Frederic Trump, dem Großvater des Ex-Präsidenten, um Wiedereinbürgerung in die Pfalz sind darunter. „Das Problem dabei ist oft die Handschrift“, betont Sausbier.
Wenn es Aufträge gebe, organisiere und verteile er die Aufgaben innerhalb der Gruppe. Jeder übersetze selbstständig, bei Unklarheiten helfe man sich gegenseitig. „Ich bearbeite gerade ein Kriegstagebuch eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, der 1918 bei Amiens im Einsatz war“, sagt die 76-jährige Ursula Kelch. Gruppenmitglied Barbara Räder aus Ludwigshafen überträgt gerade ein Kriegstagebuch ihres Großvaters. „Die Familie wollte einfach wissen, was drin steht“, erzählt sie. Die Schrift habe sie noch von ihrer Mutter und Großmutter gelernt.
Kriegstagebuch in Arbeit
Teile eines Kriegstagebuchs hat auch Kai Bingenheimer in Arbeit, mit 54 Jahren der Jüngste der Gruppe. Der Frankenthaler ist nach einem Sütterlin-Kurs an der Volkshochschule dazu gekommen. „Ich habe als Einzige Sütterlin noch ab 1937 in der Schule gelernt“, betont dagegen die 90-jährige Inge Krehbiel-Hänßgen.
Sausbier bedauert, dass coronabedingt in der letzten Zeit viele Aktivitäten ausfallen müssen. Doch nun sollen wieder regelmäßige Treffen stattfinden, die Gruppe wolle nach der Pandemie nun wieder Aufmerksamkeit gewinnen und neue Mitglieder ansprechen. Voraussetzung sei echtes Interesse, denn für die Übersetzer-Dienste gebe es nur manchmal eine Spende, meint Sausbier. Damit finanziere sich die Gruppe einen schönen Ausflug oder ein gemeinsames Essen.
Kontakt
Telefon 0621 26256 oder E-Mail an ksausbier@t-online.de