Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Ran an die Wurzeln des Problems: Ein Zehn-Punkte-Plan für eine echte Schulreform

Bei der Bildungspolitik krankt es an vielen Stellen – in Ludwigshafen und Rheinland-Pfalz.
Bei der Bildungspolitik krankt es an vielen Stellen – in Ludwigshafen und Rheinland-Pfalz.

Ein Bayern-Star zeigt, wie Weltklasse geht, die Landesregierung in Mainz, warum Kreisklasse nicht reicht. Das muss sich ändern, damit Schule eine bessere Zukunft hat.

Nicht in Mailand, Madrid oder Manchester – nein, der formstärkste Fußballer Europas auf seiner Position glänzt derzeit in München: Michael Olise. Und wie. Vor einer Woche zerlegte der Franzose meinen Herzensklub, den SC Freiburg, beim 6:2 fast im Alleingang. Zwei Treffer erzielte der geschmeidige Linksfuß selbst, drei bereitete er vor. Seine Ballbehandlung, seine Schusstechnik, seine Dribblings, seine Lust, sein Tempo, seine Übersicht – eine Augenweide.

Kaum zu stoppen: Bayern-Star Michael Olise.
Kaum zu stoppen: Bayern-Star Michael Olise.

19 Pflichtpartien, 19 Torbeteiligungen: Der 23-Jährige bestätigt sein bereits herausragendes Debütjahr beim FC Bayern auch in der neuen Saison. Daran ändert auch die erste Saisonpleite der Münchner am Mittwochabend in der Champions League beim FC Arsenal nichts.

Das weckt natürlich das Interesse der üblichen Verdächtigen, weshalb der deutsche Rekordmeister dem gebürtigen Londoner dem Vernehmen nach schon mal ein Preisschild von weit über 100 Millionen Euro um den Hals gehängt hat – falls der FC Liverpool, Man City oder Paris Saint-Germain anklopfen. Im überhitzten Transfermarkt hat der FCB im Sommer 2024 mit dem Kauf Olises von Chrystal Palace so gesehen fast ein Schnäppchen gemacht: Offiziell wurden 53 Millionen Euro auf die Insel überwiesen, wobei der Stürmer mit 13,5 Millionen Euro Jahresgehalt ein durchaus kostspieliger Angestellter ist. Bis 30. Juni 2029 läuft sein Vertrag.

Auch in der Nationalelf Frankreichs ein Faktor: Michael Olise.
Auch in der Nationalelf Frankreichs ein Faktor: Michael Olise.

Den Jungen live in der Allianz-Arena zu erleben, war ungeachtet dieser absurden Summen und dem bitteren Einbruch meiner Breisgauer nach früher 2:0-Führung wirklich ein Genuss. Prädikat: einfach Weltklasse.

Schonungslos offen

Auf dem Niveau Kreisklasse bewegen sich derzeit eher manche Akteure auf der politischen Spielwiese in Mainz. Allen voran der Bildungsminister. Wie der aktuelle „Schulreport“ der RHEINPFALZ zeigt, sind die nach einem Amok-Fehlalarm Ende Oktober an der Karolina-Burger-Realschule plus in Mundenheim öffentlich gewordenen Probleme eben kein Einzelfall, wie uns der Sozialdemokrat gerne weismachen will.

In der Kritik: Bildungsminister Sven Teuber (SPD).
In der Kritik: Bildungsminister Sven Teuber (SPD).

Im Gegenteil: Der Fall hat Leiter und Lehrkräfte anderer Schulen ermuntert, ihr Schweigen zu brechen und von den bisweilen unhaltbaren Zuständen im Alltag schonungslos offen zu berichten. Beleidigungen, Bedrohungen, Gewalt, Krisenmanagement, Sanierungsstau. Es ist ein Fass ohne Boden.

Das Thema könnte der Regierung bei der Landtagswahl im März gehörig um die Ohren fliegen, wenn sie es weiter kleinredet. Müsste der neue SPD-Generalsekretär aus Oppau doch spüren, der früher ja selbst Lehrer war.

Autor Steffen Gierescher
Autor Steffen Gierescher

Schon zu Zeiten von Ministerpräsidentin Malu Dreyer wurde die bundesweit für Schlagzeilen sorgende Causa Gräfenau-Grundschule im Hemshof mit zahlreichen Sitzenbleibern in der ersten Klasse, auch wegen mangelnder Deutschkenntnisse, unterschätzt. Was auch dazu beigetragen hat, dass Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck die SPD Mitte 2023 nach 27 Jahren verlassen hat.

Seit nunmehr drei Jahren in Folge wiederholt an der Gräfenau ein Viertel aller Erstklässer bereits die erste Klassenstufe.
Seit nunmehr drei Jahren in Folge wiederholt an der Gräfenau ein Viertel aller Erstklässer bereits die erste Klassenstufe.

Die oppositionelle CDU sollte sich des Themas ebenfalls intensiver und ehrlicher annehmen als bisher, schließlich wird sie – in welcher Konstellation auch immer – vermutlich bald mit den Roten regieren, weil es rechnerisch kaum anders geht. Bildung bleibt das A und O, die Probleme müssen an der Wurzel gepackt werden, etwa von einer „Taskforce“, in der neben Lehrern auch Wissenschaftler und andere Fachleute sitzen sollten.

Hier zehn Punkte, die man unbedingt angehen sollte.

Nach meiner Meinung brauchen wir ...

1.) ... eine Kindergartenpflicht;

2.) ... besser ausgebildete, vor allem aber besser bezahlte Erzieherinnen und Erzieher;

3.) ... erste Klassen, in denen mindestens 30 Prozent, wenn nicht sogar mehr Schüler die deutsche Sprache beherrschen. Von einer solchen Quote profitieren letztlich alle;

4.) ... mehr Personal und professionelle Unterstützung (Psychologen/Sozialarbeiter/Security) für Schulen in Brennpunktvierteln;

5.) ... eine besser gesteuerte, ausgewogenere und den Realitäten angepasste Verteilung von Zuwanderung;

6.) ... die Rückabwicklung des „Etikettenschwindels“ Realschule plus. Was bitte war schlecht an Hauptschulen mit handwerklichem Schwerpunkt?;

7.) ... ein Ende des Catering-Wahnsinns, eigene Küchen und Gärten für Schulen, wo auch das auf den Tisch kommt, was geerntet wird;

8.) ... Berufsanfänger, die gezielter vorbereitet und nicht gleich an Brennpunktschulen „verheizt“ werden;

9.) ... eine Schulbehörde, die zuhört statt Druck auszuüben;

10.) ... Demokraten, die Gesellschaft wirklich gestalten, wenn nötig auch umgestalten und nicht nur Wahlen gewinnen wollen. Sonst regeln das Leute, die eigentlich keine Alternative sind und bildungspolitisch nix auf der Pfanne haben.

So oder so wird eine umfassende Reform eine ganze Stange Geld kosten. Zwei, drei Jahresgehälter von Monsieur Olise werden jedenfalls nicht dafür reichen ...

Bildungsminister in der Bredouille.
Bildungsminister in der Bredouille.
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