Ludwigshafen
Podiumsgespräch über Antisemitismus: Starke Persönlichkeiten gefragt
Der Religions- und Ethikunterricht fiel aus, dafür hörten sich die Oberstufenschüler gemeinsam das Podiumsgespräch an, passend zum Geschwister-Scholl-Tag. Am 22. Februar 1943 verurteilte das NS-Regime die Geschwister Sophie und Hans Scholl wegen Hochverrats zum Tode, noch am selben Tag wurden sie hingerichtet. Diese Geschichte begleitet die Schüler des GSG seit ihrer Einschulung. Gedenktafeln stehen ein Stockwerk oben drüber, erinnert sich eine 16-Jährige sofort.
Als Gäste in der Aula des GSG sprachen Monika Fuhr, Antisemitismusbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, und Cathy Field, Mitglied der jüdischen Gemeinde Mannheim, über aktuelle Herausforderungen für jüdische Deutsche.
Angriff auf die demokratische Gesellschaft
Das GSG reagiert mit dieser Veranstaltung, die von den Jugendlichen, ihren Eltern und Ehemaligen besucht wurde, auf Antisemitismus als aktuelle gesellschaftliche Herausforderung. Klaus Beckmann, evangelischer Schulpfarrer und ihr Lehrer, führte durch das Podiumsgespräch.
Antisemitismus sei aktueller denn je, begann Monika Fuhr: „Unsere Gesellschaft driftet auseinander, Hass und Hetze kennen keine Grenzen mehr und rechte Kräfte werden auch immer wieder stärker.“ Sie rahmte Antisemitismus ein: Er habe viele Gesichter, eine lange Geschichte, sei nie wirklich verschwunden und kein Vorurteil, sondern ein Welterklärungsmodell, in dem Juden für alles Negative in der Welt verantwortlich gemacht würden. Er erschüttere alle Demokraten, weil er die Grundlagen einer freien, offenen, demokratischen Gesellschaft angreife. Man müsse ihn bekämpfen: „Und dafür brauchen wir starke Persönlichkeiten, die Sie sind“, richtet sie sich an ihr junges Publikum.
„Shoah reicht bis in meinen heutigen Alltag“
Seit dem Beginn des neuen Kriegs in Israel und Gaza am 7. Oktober 2023 seien auch in Rheinland-Pfalz die registrierten antisemitischen Straftaten eindeutig gestiegen. Während 2018 bis 2022 32 bis zu 62 Straftaten im Jahr verzeichnet wurden, sind es 2023 schon 171, 2024 rund 140 und 2025 mehr als 145 Fälle gewesen.
Fuhr versteht die Antisemitismusbekämpfung als dauerhafte Aufgabe der Gesellschaft und dauerhafte Verpflichtung des Staates, der „ganz klar an der Seite von Israel“ stehe und die konsequente Bekämpfung des Judenhasses als zentrale Regierungsaufgabe sehe. Schulen könnten als Lern- und Lebensraum ihre Schüler motivieren, mit Respekt und Fakten zu diskutieren, Empathie zu erlernen, eigene Haltungen zu hinterfragen und zu stärken.
Cathy Field ist im späten Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, „was sich selbst gerne als reformiert verstanden hat“, wie sie sagte. In ihrer Grundschulzeit begegnete sie Lehrern mit antisemitischer Einstellung – ihrem Mathelehrer etwa. Dieser sei verwundert gewesen, dass Field nicht gut rechnen könne, dabei seien Juden doch gut in Mathe. Field schilderte das Erlebnis mit diesem antisemitischen Vorurteil mit einem sarkastischen Unterton. Dann wurde sie ernst: „Die Shoah endet für uns Jüdinnen und Juden nicht mit dem Kriegsende, der Schaffung des Staates Israel oder von Stolpersteinen. Sie reicht bis in meine eigene Kindheit, meine Schulzeit und in meinen heutigen Alltag hier in Deutschland.“
„Wir müssen es besser wissen“
Im Hebräischen bedeutet Shoah so viel wie „große Katastrophe“. Für Fields Familie bedeutete die Shoah, dass ihr Großvater vor dem NS-Regime nach Palästina floh und kurz darauf die restliche Familie von Nachbarn verraten, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Heute engagiert sich Field in Mannheim kommunalpolitisch im Bezirks- und Migrationsbeirat. Der alte Judenhass sei gesellschaftsfähig geworden, beobachtet sie. Man habe „nur was gegen Zionisten“, hieße es jetzt, also: Man lehne die Existenz des Staates Israel als jüdischen Staat ab.
Den 7. Oktober 2023, den Überfall der Hamas-Terroristen auf Israel, bei dem fast 1200 Menschen getötet wurden, bezeichnet Cathy Field als die Shoah ihrer Tochter, die gerade in Frankfurt studiert. An keinem anderen Tag als dem 7. Oktober 2023 wurden seit dem Holocaust mehr Juden ermordet, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. „Wir müssen es besser wissen“, schloss Field eindringlich.