Ludwigshafen
Pfalztram im Ludwigshafener Norden: RNV verteidigt Pläne – Gegner bleiben skeptisch
Die Skepsis gegenüber dem Pfalztram-Projekt ist im Ludwigshafener Norden groß. Eine Anwohnerinitiative lehnt den geplanten Straßenbahnausbau in Oppau, Edigheim und der Pfingstweide ab. Die Bürgerversammlung der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) am Dienstagabend nutzten die Aktivisten, um vor dem Oppauer Bürgerhaus weitere Unterschriften gegen das Projekt zu sammeln. Mittlerweile haben über 2000 Menschen die Petition gegen den Straßenbahnausbau unterzeichnet.
Die Pfalztram polarisiert. Die Stimmung im Saal war entsprechend emotional. Etwa 300 Menschen waren gekommen. Die Gegner des Ausbaus zeigten ihren Unmut mit lautstarkem Applaus bei kritischen Anmerkungen, Gejohle und Hohngelächter bei Aussagen pro Pfalztram. In so einem Klima hat es eine sachliche Diskussion schwer. Befürworter im Publikum griffen lieber nicht zum Mikro, um sich der massiven Ablehnung nicht auszusetzen. „Die ganzen Leute, die sich hier beschweren, sind einfach nur lächerlich! Ich hoffe, dass die Bahn kommt“, schrieb ein Besucher anonym in den Chat zu der Veranstaltung, der eigentlich dazu gedacht war, um Fragen zu sammeln. „Wieso seid ihr alle so respektlos? Mit eurem unnötigen Gelache! Seid ihr kleine Kinder? “, schrieb eine weitere anonyme Person. „Ich freue mich auf die Bahn“, schrieb ein Anwohner aus der Uhlandstraße, der auf die Vorteile des ÖPNV für Senioren hinwies.
Kritik im Forum
Die Gegner des Projekts unterstellten den Planern, dass sie „Unsinn erzählen“, warfen ihnen mangelnde Ortskenntnisse vor und bezweifelten, dass die Meinung der Bürger überhaupt gefragt sei und das Pfalztram-Projekt wirklich noch am Anfang stehe. „Warum eine Pfalztram, wenn nahezu alle Anwohner an der geplanten Strecke das nicht wollen?“, lautete eine der zentralen Aussagen. Befürchtet wurden außerdem Wertminderungen von Immobilien entlang der Strecke und ein Verlust an Lebensqualität für die Anwohner. Generell sei es sinnvoller, so viele Millionen Euro in Kitas und Schulen zu investieren. Meinungsbekundungen in dieser Form waren zahlreich in dem Chat, der am Ende wie die Kommentarspalte in den sogenannten Sozialen Medien wirkte. Zwischendrin gab es aber auch eine Menge Sachfragen zu den Plänen für den Ausbau.
Die Planer und die Verantwortlichen der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) hatten sich aufgrund der Erfahrung des ersten Pfalztram-Forums in der Pfingstweide, das zeitweise aus dem Ruder gelaufen war, besser vorbereitet. Sie konnten diesmal auch Zahlen für den Ausbau im Ludwigshafener Norden nennen: Die Verlängerung der Straßenbahn würde 3800 zusätzliche Fahrgäste pro Werktag bringen, so die Prognose der RNV. Das bisherige Busangebot werde aktuell von 4900 Fahrgästen täglich genutzt. Dies hätten Fahrgastzählungen ergeben, hielt das Verkehrsunternehmen den Kritikern entgegen, die behaupteten, dass die Busse oft leer seien und es daher überhaupt keinen Bedarf für eine Straßenbahn gebe.
RNV-Zahlen sprechen für Ausbau
Und die RNV legte nach: Die nach bundesweit einheitlichen Kriterien erfolgende Kosten-Nutzen-Rechnung zeige, dass der Straßenbahnausbau zwischen der Pfingstweide und Oppau den größten Nutzwert im gesamten Pfalztram-Projekt habe. In anderen Städten zeigten die Erfahrungswerte, dass der Wert von Immobilien entlang einer Straßenbahnstrecke gestiegen sei. Das wurde mit Hohngelächter aus dem Publikum quittiert.
Die Planer betonten außerdem, dass es aktuell drei Varianten für eine Trassenführung gebe – und nur in einer Variante die Pfalztram mitten durch Edigheim fahren würde, was wohl die meisten Leute zum Umstieg vom Auto auf den ÖPNV bewegen würde. Letztlich gehe es um die Frage, welche Variante die meisten Fahrgäste anziehe und was sich anhand der Betroffenheit von Anwohnern realisieren lasse. Offen räumten die Planer ein, dass die Überquerung des BASF-Güterzuggleises einer der Knackpunkte sei. Wie eine Brücke aussehen könnte, werde noch erarbeitet. Zum Vorschlag aus dem Publikum, dass der ÖPNV mit mehr E-Bussen ausgebaut werden sollte, meinte Frank Dommasch von der RNV: „E-Busse stehen auch im Stau. Busse sind Zubringer zum Schienenverkehr, aber nicht die Lösung. Straßenbahnen sind für Fahrgäste wesentlich attraktiver als Busse.“ Die vielen Millionen, die bei den Hochstraßenprojekten in Ludwigshafen investiert werden, würden von den Pfalztram-Gegnern nicht hinterfragt. Es stehe auch fest, dass Anwohner nicht über Ausbaubeiträge an den Kosten für die Pfalztram beteiligt werden, unterstrich Baudezernent Alexander Thewalt (parteilos). Nach knapp zwei Stunden wurde die Diskussion schließlich abmoderiert und auf Infostände im Foyer verwiesen, wo die Planer weiter Rede und Antwort standen.
Reaktionen danach
Die Reaktionen auf das Forum waren gemischt. „Ich finde es gut, dass es die Veranstaltung gab. Ich hätte mir mehr Sachlichkeit bei den Besuchern gewünscht“, sagte Kai Lieberwirth. Der 47-jährige Oppauer, der in einer Nebenstraße im Ortskern wohnt, bemängelte, dass die Pläne der RNV noch ziemlich unkonkret seien und eine Visualisierung es leichter machen würde, die Trassenvarianten nachzuvollziehen. Er sei nicht prinzipiell gegen die Pfalztram, befürchte aber, dass eine Straßenbahn im Ostring eine weitere Lärmquelle sei – auch, wenn die Grenzwerte eingehalten würden.
„Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie eine Akzeptanz für die Pfalztram erreicht werden kann, wenn die Gleise mitten durch Edigheim führen“, sagte Matthias Hetzel. Der 57-jährige Aniliner wohnt in einer Nebenstraße der Uhlandstraße, durch die eine der Trasse führen könnte. Hetzel befürchtet mehr Autoverkehr in den Seitenstraßen. Aus seiner Sicht wäre eine Trasse über die Felder an den weiterführenden Schulen in Richtung Pfingstweide eine bessere Option. Auch die bestehende Brücke der Ortsumgehung (K1) zwischen Oppau und Edigheim solle in die Pläne für den Straßenbahnausbau miteinbezogen werden. Generell sei ein ÖPNV-Ausbau begrüßenswert. Es seien auch nicht alle Anwohner dagegen, wie von den Gegnern behauptet.
Viel Skepsis
„Für mich stellt sich die Frage: Warum ein Straßenbahnausbau, wenn die Leute zufrieden mit dem Busangebot sind?“, sagte Jürgen Wolf. Der 67-jährige Rentner wohnt mit seiner Frau Martina (66) im Brüsseler Ring in der Pfingstweide, wo die Pfalztram ebenfalls eines Tages durchfahren könnte. Das Ehepaar steht den Ausbauplänen skeptisch gegenüber, befürchtet einen Wertverlust seines Wohneigentums und wollte sich aus erster Hand informieren. Die von der RNV genannten Zahlen seien relativ abstrakt. Die Bevölkerungszahl der Pfingstweide schrumpfe. Man dürfe sich aber auch den Argumenten pro Pfalztram nicht einfach verschließen. Einen Bedarf für eine Verlängerung der Straßenbahn nach Frankenthal sieht Martina Wolf nicht, die in der Nachbarstadt arbeitet. Die Frankenthaler wollten nicht nach Ludwigshafen fahren und mit der S-Bahn sei man von dort aus schneller in Mannheim als mit einer Straßenbahn.
„Ich sehe nicht den Nutzen einer Straßenbahn und auch keinen großen Bedarf außerhalb der Stoßzeiten dafür“, meinte Petra Kleemann. Die 64-jährige Rentnerin wohnt ebenfalls im Brüsseler Ring, hat in der BASF gearbeitet und fuhr mit dem Bus oder dem Fahrrad ins Werk. „Das ging gut.“ Das RNV-Forum fand sie informativ. „Aber da sind beide Seiten aufeinandergeprallt.“
Busse als Alternative?
Unzufrieden zeigte sich Klaus Müller, Vorsitzender des Liederkranzes Oppau, dessen Vereinsgelände mitten auf einer Trassenvariante liegt und der sich deshalb in der Initiative gegen die Pfalztram engagiert. „Die zentrale Frage – warum das Ganze, wenn es niemand will? – blieb unbeantwortet. Das hat mich geärgert“, sagte er. Er sei nicht gegen einen ÖPNV-Ausbau, sieht aber E-Busse als bessere Alternative. Der Ostring sei mit einer Straßenbreite von unter sieben Metern zu schmal für eine Straßenbahn mit Oberleitungsmasten.
Fazit des Abends: Die Skepsis im Ludwigshafener Norden gegenüber dem Straßenbahnprojekt ist nach der Veranstaltung in Oppau nicht kleiner geworden. Für reichlich Diskussionsstoff dürfte bei der nächsten Pfalztram-Bürgerinfo in Edigheim am 16. Juni in der IGS gesorgt sein.
Zur Sache
Bisher fährt die Straßenbahn in Ludwigshafen nur bis zu den Endhaltestellen in Rheingönheim und Oppau. Von dort aus geht es nur noch mit dem Bus weiter. Mit dem Projekt „Pfalztram“ plant die Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV), die Straßenbahn im Norden und Süden von Ludwigshafen zu verlängern Laut RNV sind bisher drei mögliche Trassenvarianten im Norden untersucht worden: Eine Variante sieht den Ausbau der Gleise entlang der Umgehungsstraße (K1) zwischen Oppau und Edigheim vor, bis zum sogenannten Rewe-Kreisel in Edigheim. Von dort würde die Strecke unter der B9-Brücke in die Pfingstweide führen und dort über den Brüsseler Ring um das Einkaufszentrum in den Londoner Ring führen. Diese Variante würde am östlichen Rand von Oppau und Edigheim vorbeiführen – und nicht mitten durch Edigheim. Vorteil: Der Ausbau ließe sich technisch einfacher realisieren, die Strecke wäre kürzer und beträfe weniger Anwohner. Nachteil: Bei dieser Variante dürften laut RNV die geringsten Fahrgastzuwächse zu erwarten sein. Eine andere Variante sieht vor, dass die Straßenbahnen von der Endhaltestelle ein Stück entlang des Ostrings fahren und dann in Höhe des BASF-Gütergleises zwischen Oppau und Edigheim nach Westen abbiegen würden. Dort ist eine Trasse seit vielen Jahren dafür freigehalten worden. Die Route würde in Höhe des Edigheimer Neubaugebiets Wolfsgrube durch die Uhlandstraße führen und über den Ostringplatz dann weiter in die Pfingstweide. Vorteil: Bei dieser Trassenführung rechnet die RNV mit den meisten Fahrgastzahlen, weil die Tram mitten durch Wohngebiete in Edigheim führen würde. Nachteil: Diese Route hätte die größten Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Anwohner. Die dritte Variante sieht vor, dass die Gleise in Höhe der Wolfsgrube nicht mitten durch Edigheim führen, sondern am westlichen Ortsrand an der Rückseite der Schulen entlang über freies Feld unter einer anderen B9-Unterführung an den westlichen Ortsrand der Pfingstweide und von dort über die Amsterdamer Straße in den Londoner Ring. Vorteil: Die Eingriffe in die Infrastruktur wären geringer. Nachteil: Die Strecke wäre am längsten und auch hier sei mit geringeren Fahrgastzahlen zu rechnen im Vergleich zu einer Trasse, die mitten durch den Ort führt.