Worms
Open Air-Konzerte: Wie die Stones den zündenden Anstoß gaben
Was für ein Erweckungserlebnis: Voller Abenteuerlust begab sich der Rheinhesse Peter Glasauer aus der Gemeinde Eich, die nördlich von Worms liegt, im Juli 1969 als Tramper mit dem Daumen im Wind auf Reise nach England. In London angekommen, entdeckte der erfahrungshungrige Jugendliche, der aus dem Staunen nicht herauskam, eine riesige Menschenmenge im Hyde Park. Es waren die Rolling Stones, die dort ein legendäres Open-Air-Konzert spielten, umsonst und draußen. Wieder zu Hause im heimischen Eich berichtete Peter Glasauer, der Feuer fing, seinen Freunden von diesem Erlebnis und drängte: „Das müssen wir auch mit zwei Bands machen!“ Es war die Geburtsstunde des Hamm Open Airs, das im Sommer 1970 seine Premiere auf dem Sportplatz in Eich feierte und seit 1981, nach einem erfolgreichen Festival-Jahrzehnt in Eich, in den heißen Monaten auf einer Wiese im idyllischen Grün am Altrheinufer der Nachbargemeinde Hamm am Rhein über die Bühne geht.
Eine farbenfrohe Sonderausstellung mit Fotografien und Plakaten rekapituliert nun „50 Jahre Hamm Open Air“ im Kulturzentrum Das Wormser in der Nibelungenstadt Worms. Am Samstag, 11. April, wird die Vernissage abends mit einem Auftritt der Cover-Rock-Band Deli Brothers stattfinden. Die Fotoschau bleibt bis 28. Mai hängen.
Persönliche Musiksozialisation
Für viele Heranwachsende war und ist das alternative Kleinfestival, das ein Gefühl der Gemeinschaft stiftet, am Ortsrand von Hamm am Rhein eine wichtige Stätte der persönlichen Musiksozialisation. Verbunden mit taschengeldfreundlichen Eintrittspreisen. „In den Anfangsjahren warb unser Open Air mit dem Spruch: Kostet zwei müde Mark“, vergegenwärtigt Vereinsmitglied Volker Kemmeter, der bis 2017 der Erste Vorsitzende des ausrichtenden Vereins Hamm Open Air war. Mittlerweile kümmert sich sein Nachfolger Martin Deubel um die Geschicke des zweitägigen Freiluftevents. In den zurückliegenden Jahrzehnten traten auf dem Hamm Open Air illustre Rockbands wie die Rodgau Monotones, Guru Guru, Embryo, Bananafishbones, Tankard, DeWolff, Wucan, Yeti Girls, Sanfte Liebe und die Pee Wee Bluesgang auf.
Zurück geht das Hammer Freiluftereignis auf die drei Gründungsväter Peter Glasauer, Joachim Müller und Georg Dehn. In den 1960er Jahren lebte ein Kollektiv unabhängiger Köpfe in Eich, die mit Begeisterung progressive Rockmusik von Led Zeppelin bis Pink Floyd hörten und Anti-Mainstream-Bücher amerikanischer Hippie-Autoren wie Jack Kerouac, Charles Bukowski, Ken Kesey und William S. Burroughs lasen. „Wir haben die Radiosendungen von Popmoderator Frank Laufenberg auf SWF3 gehört und mit dem Kassettenrekorder aufgenommen“, blickt Open-Air-Helfer Volker Kemmeter wehmütig zurück. Aus dieser kreativen Keimzelle der Subkultur in der rheinhessischen Provinz erwuchs das Hamm Open Air. Klein und entschleunigend, unaufgeregt mit kunterbunter Flower-Power-Atmosphäre und fernab trubeliger Großstädte.
Früher Buchungen per Handschlag
Gründungsmitglied Georg Dehn starb letztes Jahr. Wegen der Corona-Pandemie musste die bildstarke Jubiläumsausstellung verschoben werden – sonst hätte die ab sofort im Das Wormser zu sehende Bilderschau bereits 2020 im eigentlichen Jubiläumsjahr stattgefunden. Bis 2009 hieß der gemeinnützige Verein, der hinter dem Hamm Open Air steht, noch Jugendhaus Altrhein. Vor 17 Jahren erfolgte die Umbenennung in Hamm Open Air. Ohne die ehrenamtlichen Helfer, die jeden Sommer dazu beitragen, das zweitägige Minifestival zum Gelingen zu bringen, wäre dieses kollektiv organisierte Freiluftspektakel nicht zu realisieren.
Auf der Bühne des Hamm Open Airs rockten 2005 die Bananafishbones, die 1999 mit dem psychedelisch angehauchten Popsong „Come To Sin“ einen kommerziell erfolgreichen Sommerhit landeten, dessen Videoclip im Musikfernsehen auf Viva und MTV lief. „Wir hatten die Bananafishbones auf dem Open Ohr Festival in Mainz gesehen und uns war klar: Die müssen wir haben!“, erläutert Kemmeter, der 1958 geboren wurde und beruflich als Archäologe tätig war. In den frühen 1980er Jahren war Kemmeter außerdem Gitarrist der Fred Feuerzeug Kombo. Auf der Suche nach potenziellen Bands für das Hamm Open Air besuchte das Veranstaltungsteam alle möglichen Musikclubs, etwa in Mannheim und Frankfurt. „Früher besiegelte man einen Auftritt per Handschlag, das konnte aber schiefgehen“, weiß Festival-Urgestein Kemmeter aus Erfahrung. Während einer solchen Erkundungsreise lernte Kemmeter den 2023 verstorbenen Schlagzeuger Hans-Joachim Behrendt kennen, der für die NDW-Kapelle Ideal und in der Rockband Chinchilla Green trommelte. Eine herzliche Begegnung, die Kemmeter positiv in Erinnerung geblieben ist.
Info
Die Vernissage der historischen Fotoausstellung „50 Jahre Hamm Open Air“ findet am Samstag, 11. April, im ersten Stock des Kulturzentrums Das Wormser (Rathenaustraße 11) in Worms statt. Für die musikalische Untermalung wird die Cover-Rockgruppe Deli Brothers sorgen. Beginn 19 Uhr, Eintritt frei. Die Fotoausstellung mit alten Festivalplakaten gastiert bis Donnerstag, 28. Mai, im Das Wormser.
Das nächste Open Air am Altrheinufer in Hamm am Rhein (nördlich von Worms) wird am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli, stattfinden. Das Programm wird in den nächsten Wochen bekannt gegeben. Weitere Informationen auf hamm-open-air.de und das-wormser.de sowie auf Facebook oder per E-Mail bei Vereinsmitglied Volker Kemmeter über volkerkemmeter@yahoo.de