Ludwigshafen Obdachlosenheim in Ludwigshafen: Rainer ratzt

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Das Haus St. Martin in Ludwigshafen ist ein Heim für Wohnsitzlose – und Anlaufstelle für Durchreisende, die lieber für einige Nächte unter einem Dach schlafen, statt Platte zu machen. Und nicht zuletzt ist es ein geschützter Raum für Menschen, die alleine nicht klarkommen. Wir haben dort eine Nacht verbracht.

Rainer* schnarcht. Wobei der Ausdruck „Schnarchen“ nur unzureichend umschreibt, was Rainer da abliefert: Der 61-Jährige, seit um die zwei Jahren obdachlos, röhrt wie ein brünftiger Sattelschlepper. Er schiebt regelmäßig ein rasselndes Husten dazwischen, direkt danach spricht er im Schlaf, Sachen wie „ach Scheiße, mmrgrm“. Er setzt gelegentlich zu etwas an, das fast wie mongolischer Kehlkopfgesang klingt, und manchmal geht er vom Brust- ins Kopfregister und rasselt im Falsett: „pffuhi, och jo“. Rainer also schnarcht. Und Martin*, der 27-jährige Wohnsitzlose aus Kaiserslautern, psychische Probleme, Drogenkonsum („Kiffen, Amphetamin, Crystal Meth und so ...“) erklärt sich gerade solidarisch und fängt ebenfalls an zu sägen, im Vergleich zu Rainer zwar fast verschämt, aber passgenau in Rainers Schnarchpausen: das beruhigende Gurgeln eines Heizkörpers in der Kälteperiode. Und jetzt muss man so lachen, dass man die beiden fast aufgeweckt hätte. In aller Fairness: Rainer ist krank. Chronische Bronchitis vom Leben auf der Straße, und das Qualmen hilft sicher auch nicht. Beim Aufwachen gegen 7.30 Uhr am Samstagmorgen wird er übel husten. Die Matratzen im Notübernachtungsbereich des Hauses St. Martin sind wirklich gut, wesentlich besser als gedacht. Martin, der dem Vernehmen nach auch anders kann, bleibt friedlich. Das Vierbettzimmer ist nicht voll belegt. Und vor allem: Das war jetzt ein wirklich schöner Abend. Im Wohnsitzlosenheim. Steht man davor, vor dem ockerfarbenen Gebäude mit dem offiziellen Namen „Caritas-Förderzentrum St. Martin“, bekommt man so etwas wie dick eingekochtes Ludwigshafener Lokalkolorit: Rechter Hand, wenige Meter entfernt, die BASF, Tor 7. Linker Hand die Stadtentwässerung, etwas weiter ein Betonwerk. Liefe man weiter, dann tauchte man unter der Kurt-Schumacher-Brücke durch und landete an der Rhein-Galerie. Und im Rücken: der Rhein, Blick aufs Wasser und auf die Getreidespeicher auf der Mannheimer Seite. Für den Ausblick müsste man am Rheinufer Süd einiges hinblättern. Wer hier einkehrt, der hat allerdings schon bezahlt. Es gibt 40 Betten im Haus, vier zur freien Verfügung und vier im Zimmer für die Durchreisenden, in dem man heuer mit Rainer und Martin nächtigen wird. Acht Hausgäste wohnen im Langzeitbereich. Menschen wie Michael*, der mal beim VfR Mannheim gekickt hat, vor zehn Jahren eine Treppe runtergefallen ist, sieben Wochen im Koma gelegen hat und der einem später, beim Rauchen, seine Geschichte erzählen wird. Und 24 Menschen in der Wiedereingliederung, in die Wohnsitzlose kommen, die spezielle Hilfen bei der Resozialisierung benötigen. So wie Herbert* aus Speyer beispielsweise, mit dem man kurz nach der Ankunft am frühen Abend plaudert – und der, wenn die Geschichte so stimmt, so etwas wie einen Kollateralschaden der Flüchtlingskrise darstellt. Weil Herbert nämlich frisch aus dem Krankenhaus kam, Lungengeschichte, er braucht Sauerstoff – und feststellen musste, dass seine Lebensgefährtin einen neuen Freund in ihrer Wohnung hatte, „einen Syrer“, sagt Herbert. Die Freundin hat im Flüchtlingsheim in Schifferstadt gearbeitet, in der Küche, und dort jemanden kennengelernt. „13 Jahre jünger“, sagt Herbert und grinst matt. War Wochenende, keine Chance aufs Amt zu gehen, und auf Anraten seiner Schwester ist er hier im Haus St. Martin gelandet. „Es geht“, sagt Herbert, „es muss“, und zeigt dann noch freundlich sein Zimmer, das er zusammen mit einem Kollegen bewohnt: sehr ordentlich, die Bewohner machen selber sauber, aber eben auch sehr vollgestellt, mit einem Teil der Dinge, die man ansammelt in 40 oder 50 Jahren Leben. Wer hier im Haus St. Martin so etwas wie die berüchtigte Bayreuther Straße erwartet, städtisches Unterbringungsgebiet, architekturgewordene Hoffnungslosigkeit – der sieht sich angenehm überrascht. Hinter der Eingangstüre einige Treppen zum Empfang, hinter dem am frühen Freitagabend Caritas-Mitarbeiter Thomas Reichel sitzt, der jetzt allerdings in den Keller muss, um Probleme mit der Waschmaschine zu lösen. Linker und rechter Hand im Erdgeschoss Raucherraum und Speisesaal, drei Mahlzeiten am Tag, Foto von Bischof Karl-Heinz Wiesemann an der Wand. Und ansonsten: Einzel- und Doppelzimmer mit eigenem Fernseher, Gemeinschaftsduschen und -toiletten auf dem Gang, sehr sauber, alles. Und, wenn man für so etwas empfänglich ist: von einer Atmosphäre durchdrungen, die weit weg ist vom anonymen Leben und anonymen Verrecken in der Bayreuther Straße: „Brauchstn Hemd?“, fragt der junge Mann, der gerade vom Duschen kommt und ansonsten die Zähne nicht auseinanderkriegt. „Willstn Zigarillo?“, fragt Ex-Kicker Michael, der einen beim Kennenlernen ebenfalls erst mal für einen Wohnsitzlosen hält, muss am Parka liegen. „Unn – alles klar?“, fragt kumpelhaft der junge Mann, der gegen 22 Uhr ziemlich angesoffen bei Thomas Reichel an der Pforte klingelt. Bevor’s in Sozialkitsch abgleitet: Das hier ist Wohnungslosigkeit und kein Schäferidyll. Gibt hier gelegentlich auch Schlägereien, „glücklicherweise nicht so häufig“, sagt Stefan Syren, der Leiter der Einrichtung. „Wir haben hier eine ziemlich familiäre Atmosphäre“, so Rezeptionist Reichel, und Martin, der junge Mann mit Drogenproblemen aus Kaiserslautern, der spätabends zum Übernachten kommt, versucht wohl dasselbe zu sagen, kriegt aber nicht mehr so die Kurve: „Man kennt die Leute hier“, sagt Martin, „und die reden auch anders mit einem ...“ Martin kennt auch den Übernachtungsbereich in der Kaiserslauterer Caritas-Einrichtung, da hat er wohl inzwischen Hausverbot. „30, 40 Bundeswehrbetten im Keller“, sagt Martin, und jetzt kommt einem wieder die Flüchtlingsproblematik von ganz unten bei: „Viele Syrer.“ Der Bereich für die Durchreisenden, in dem man mit Martin und Rainer nächtigen wird, der war mal wesentlich größer: Über 30 Plätze hatte man am alten Standort in der Heinigstraße. „Die Durchreisenden gibt’s nicht mehr so wie früher“, sagt Hausleiter Syren. Was damit zusammenhänge, dass es „in manchen Bundesländern flächendeckende Hilfsangebote“ gebe. Und damit, dass Ludwigshafen von vielen Fahrenden gemieden wird, meint Mitarbeiter Reichel – weil die Stadt bei der Auszahlung des Tagesgeldes, rund 10 Euro stehen jedem Obdachlosen zu, ziemlich restriktiv auftrete. „Vertreibende Hilfe“, nennt Caritas-Mitarbeiter Torsten Rössler, der seinen Kollegen Reichel Samstagmorgen am Empfang ablösen wird, das Verfahren sarkastisch. Fairerweise: Die Kommunen versuchen sich bei der Versorgung Obdachloser auch nicht eben gegenseitig zu überbieten. Die Mannheimer Übernachtungsstelle nimmt nach Auskunft der städtischen Pressestelle Durchreisende und Wohnsitzlose aus Mannheim auf – nicht aber Menschen, „die ihren gewöhnlichen Aufenthalt in den umliegenden Gemeinden haben“. Wer im Ludwigshafener Kreishaus aufschlägt, wird an das Haus St. Martin verwiesen. Und dass da eine problembeladene Stadt wie Ludwigshafen wenig Anstalten macht, das Elend zu lindern, das anderswo entsteht, ist fast verständlich. Wie gut, dass es da die Kirchen gibt: „Beim Pfarrer klingeln hilft“, meint Rainer, mit dem man am Abend zusammensitzt, und Rainer weiß, wie’s läuft: Der 61-Jährige kennt Notübernachtungsplätze in ganz Deutschland. In Ostfriesland kann man von Einrichtung zu Einrichtung touren, Bingen ist gut, fast wie eine Pension. Grundregel des Fahrenden: „Je größer die Stadt, desto schlechter die Unterkunft“, sagt Rainer, der gelegentlich auch Platte macht, also im Freien schläft. „Nie in der Stadt schlafen“, weiß Rainer, von wegen Gewalt gegen Obdachlose, „immer außerhalb“. Auf der Walz ist er , wie er sagt, freiwillig. „Hatte ein Appartement – war nicht so gut.“ Ex-Kicker Michael ist aus der Fachklinik „Sonnenwende“ in Bad Dürkheim hierhergekommen, schweres Schädel-Hirn-Trauma nach seinem Treppensturz, „weil ich nichts getrunken hatte“, meint Michael, und lacht glucksend. Michael ist ein ausgesprochen netter Kerl, und erzählt gerne aus seinem Leben, manchmal zwei oder drei Mal die gleiche Geschichte: Ganz gut verdient, als Oberligakicker. Fast mal nach Nyköping gewechselt. Kroatische Freundin gehabt, ging dann auseinander nach seinem Unfall. Im Haus bewohnt er ein Einzelzimmer, und irgendwie träumt er doch von einer eigenen Wohnung. „Du bist hier halt nie allein“, sagt er. Und jetzt merkt man, Plattitüde, aber wahr, wie gut es einem selbst geht – und welch ungeheuren Luxus es darstellt, einfach die Tür hinter sich zumachen und die Welt ausschließen zu können. Wenn man sich mit Caritas-Mitarbeiter Torsten Rössler unterhält, erfährt man aber auch, welchen Luxus es darstellt, als Wohnsitzloser Gesellschaft und Betreuung zu haben: Rössler hat damals Eckes tot in der Wohnung gefunden, in der Bayreuther Straße, lange her. Eckes, stadtbekannter Ludwigshafener Trinker, hatte seinen Spitznamen dem Vernehmen nach wegen seiner Vorliebe für „Eckes Edelkirsch“ (Werbeslogan: „Nur Küsse schmecken besser“). Eckes jedenfalls lag damals tot in seiner Wohnung in der Bayreuther Straße, im Winter, Scheiben geborsten, Schneewehen im Zimmer. „Ist nie rausgekommen, ob er sich den Goldenen Schuss gesetzt hat oder erfroren ist“, sagt Rössler. Schlafenszeit. Rainer hat geduldig gewartet, bis man die letzte Zigarette des Tages intus hatte. Durch das Fenster im ersten Stock sieht man den Rhein, dreht man sich um, sieht man vier Betten, drei Spinde und einen Schrank. Martin guckt diskret in die andere Richtung, während man sich bis auf T-Shirt und Shorts auszieht, hält man genauso. Das Fenster bleibt einen Spalt offen, aber die Herren sind sowieso saubere Burschen: Es riecht nicht. Martin löscht das Licht. Die Matratze ist gut. Ein schöner Abend im Haus St. Martin. Und jetzt fängt Rainer an zu schnarchen. (*Namen geändert)

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