Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Niemand soll im Kalten sitzen: So will Ludwigshafen die Energiewende schaffen

„Wo kein Fernwärmeausbau wirtschaftlich möglich ist, sind nach heutigem Stand Wärmepumpen die Lösung“, sagt Thomas Mösl, technis
»Wo kein Fernwärmeausbau wirtschaftlich möglich ist, sind nach heutigem Stand Wärmepumpen die Lösung«, sagt Thomas Mösl, technischer TWL-Vorstand.

Wie sollen die Ludwigshafener künftig ihre Wohnungen heizen? Mit einem kommunalen Wärmeplan soll die Energiewende geschafft werden. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Was ist ein kommunaler Wärmeplan?
Die Bundesregierung hat verpflichtend für alle Städte eine kommunale Wärmeplanung eingeführt. Der Begriff meint eine Strategie zur Verwirklichung einer klimaneutralen Wärmeversorgung bis zum Jahr 2045, die auf fossile Energieträger wie Erdgas oder Heizöl verzichtet, um den Ausstoß des Treibhausgases CO2 zu reduzieren. Der Plan soll langfristig aufzeigen, wie das in einer Stadt erreicht werden kann. Für Ludwigshafen haben die Technischen Werke (TWL) im Auftrag der Stadt diese „Leitplanken“ seit Oktober 2024 erarbeitet. Der Entwurf ist ein Jahr früher fertig, als gesetzlich gefordert.

Wie ist die Ausgangslage in LU?
In der Stadt mit knapp 180.000 Einwohnern gibt es laut dem Wärmeplan 31.500 beheizte Gebäude – nicht eingerechnet ist dabei die BASF. Der Großteil (63 Prozent) wird mit Erdgas beheizt, dann folgt die Fernwärme (26 Prozent), jeweils sechs Prozent entfallen auf Öl- und Holzheizungen. Lediglich ein Prozent der Gebäude wird mit Strom beheizt, den beispielsweise Wärmepumpen brauchen. Pro Einwohner in Ludwigshafen werden jährlich umgerechnet 1,5 Tonnen des Treibhausgases CO2 freigesetzt.

Das Fernheizkraftwerk in der Industriestraße in West.
Das Fernheizkraftwerk in der Industriestraße in West.

Welche Potenziale gibt es?
Die TWL gehen davon aus, dass beim Heizen rund ein Drittel Energie eingespart werden kann. Ein Großteil der Gebäude in Ludwigshafen wurde vor 1968 gebaut und könnte gedämmt werden. Der Fernwärmeanteil der Haushalte soll außerdem gesteigert werden. Dafür sollen das vorhandene Fernwärmenetz in der Innenstadt und die kleineren Fernwärmenetze in der Pfingstweide und dem Rheingönheimer Baugebiet Neubruch erweitert werden. Der Großteil der Fernwärme wird derzeit im Müllheizkraftwerk produziert. Hinzu kommt noch die Verbrennung von Klärschlamm in einer Anlage der BASF. Eine weitere Quelle für Fernwärme ist die Nutzung von Abwärme in der BASF-Kläranlage, die ab 2028 beginnen soll. Noch in Planung ist ein Geothermieprojekt der BASF mit dem Unternehmen Vulcan Energy, das ebenfalls Fernwärme liefern könnte, die aus Thermalwasser gewonnen wird. Der restliche Wärmebedarf in Ludwigshafen könne mit erneuerbaren Energien gedeckt werden, die auch aus kleineren Luft- und Erdwärmepumpen gewonnen werden, sind die Planer überzeugt.

Was ist jetzt schon in der Stadt geplant?
Das bestehende Fernwärmenetz soll ausgebaut werden: Meilensteine der nächsten Jahre sind der Verbund mit der bestehenden Versorgung in der Pfingstweide, der Ausbau in Friesenheim und im Stadtteil Süd. Ferner ist der Anschluss weiterer Gebäude an bereits bestehende Fernwärmeleitungen (Verdichtung) geplant. Weitere Erschließungen von Stadtvierteln mit Fernwärmeleitungen werden in Oggersheim, der Gartenstadt und Mundenheim angestrebt. Bis 2045 soll sich der Fernwärmeanteil an der Wärmeversorgung in Ludwigshafen auf rund 40 Prozent erhöhen. In Stadtteilen, wo es keinen Fernwärmeausbau gibt, sollen dezentrale Wärmepumpen den größten Beitrag bei der Heizungswende leisten und die Unterschiede zwischen Temperaturen im Erdreich und der Luft ausnutzen. Im Gespräch dafür sind die Oppauer Ortsmitte, das Maudacher Schulviertel sowie die Gartenstadter Ernst-Reuter-Siedlung.

Fernwärme für die Pfingstweide wird auch bei der Klärschlammverbrennung in der BASF-Kläranlage gewonnen.
Fernwärme für die Pfingstweide wird auch bei der Klärschlammverbrennung in der BASF-Kläranlage gewonnen.

Welche Strategie steckt dahinter?
Der Fernwärmeausbau ist aufwendig und teuer. Für die TWL rentiert sich daher der Ausbau nur in dichtbesiedelten Gebieten wie der Innenstadt oder Vierteln mit großen Wohnblöcken. „Fernwärme muss vom Preis konkurrenzfähig sein“, sagt der kaufmännische TWL-Vorstand Dieter Feid. Und: „Je mehr mitmachen, desto weniger kostet es.“ Daher konzentriert sich der Ausbau auf den dichtbesiedelten Stadtkern (Nord, Mitte, Süd und West), die Pfingstweide und einen Teil von Edigheim sowie Rheingönheim, wo neue Rohre an das bereits bestehende Fernwärmenetz angedockt werden können. Ein Teil von Oggersheim hat laut Plan ebenfalls eine Fernwärmeperspektive ebenso wie Friesenheim und Teilbereiche von Mundenheim und der Gartenstadt. Auch das neue Stadtquartier City West soll einen Anschluss bekommen. Das restliche Stadtgebiet soll vor allem dezentral erzeugte Wärme nutzen. So bleiben beispielsweise Ruchheim und Maudach beim Fernwärmeausbau außen vor. „Wir lassen niemanden im Kalten sitzen. Wo kein Ausbau wirtschaftlich möglich ist, sind nach heutigem Stand Wärmepumpen die Lösung“, sagt Thomas Mösl, technischer TWL-Vorstand.

Was passiert in den kommenden 20 Jahren?
Laut Plan müsste die Wärmeversorgung von 85 Prozent der Gebäude in der Stadt schrittweise verändert werden. 27.000 Gebäude bräuchten eine neue Heizung, rechnet Armin Kraft von der Energieberatungsfirma Enerko vor, die von der Stadt für den Wärmeplan mit ins Boot geholt wurde. Die TWL haben ausgerechnet, dass bis 2040 rund 3500 neue Fernwärmeanschlüsse notwendig wären und rund 23.000 Wärmepumpenheizungen. Die Hälfte aller unsanierten Gebäude in der Stadt müsste energetisch saniert werden, wobei in vielen Fällen der Umstieg auf Wärmepumpen auch ohne Vollsanierung sinnvoll sei.

Die Bauarbeiten für Fernwärmeleitungen sind sehr aufwendig, weil wie hier 2012 an der Froschlache in Ludwigshafen für die Rohre
Die Bauarbeiten für Fernwärmeleitungen sind sehr aufwendig, weil wie hier 2012 an der Froschlache in Ludwigshafen für die Rohre ganze Straßenzüge aufgerissen werden müssen.

Was kostet das Ganze?
Welche Kosten die TWL, die Stadt oder das Land und der Bund übernehmen, steht offenbar noch nicht fest. Auch wäre für den Betrieb so vieler Wärmepumpen eine Verstärkung des Stromnetzes erforderlich. In früheren Schätzungen des Branchenverbands kommunaler Energieunternehmen wurden die Investitionen für die TWL in eine neue Wärmeversorgung auf bis zu 90 Millionen Euro geschätzt. Stadtweit beträt das Investitionsvolumen bis 2045 in einer Modellrechnung im Wärmeplan rund 2,1 Milliarden Euro – darin enthalten sind Schätzungen für Gebäudesanierungen, die Umstellung von Gas- und Ölheizungen auf Wärmepumpen sowie der Ausbau der Wärmenetze bis 2045.

Was sagt die Politik zum Plan?
„Das ist eine Riesenaufgabe. Wir brauchen viel Geld, wenn wir das umsetzen sollen“, sagte Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (parteilos) am Montag bei der Planvorstellung im Hauptausschuss des Stadtrats. Die Anschaffung von Wärmepumpen außerhalb der Fernwärmegebiete müsse öffentlich gefördert werden. Sinnvoll wäre eine Koordinierungsstelle bei der Stadt, aber auch die müsse finanziert werden. Der Bund habe Geld für die Kommunen aus dem Konjunkturpaket über 500 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Viele Mitglieder der Stadtratsfraktionen hatten Detailfragen zur technischen Umsetzung. Klaus Blettner (CDU) regte an, industrielle Abwärme aus dem BASF-Stammwerk auch zum Heizen für Privathaushalte zu nutzen. Eva Kraut (SPD) sorgte sich um die Akzeptanz in der Bevölkerung: „Man darf die Leute nicht alleine lassen.“ Das unterstrich auch ihr Parteikollege David Guthier, der von einer „Mammutaufgabe“ sprach. Susanne Großpietsch (Grüne) wollte wissen, ob es ein Abschaltdatum für das Erdgasnetz gibt. Sie gab zudem zu bedenken, dass 60 Prozent des Stadtgebiets dezentral versorgt werden sollen. Laut TWL soll das 430 Kilometer lange Erdgasnetz erst einmal nicht stillgelegt werden. Die Mehrheit der Fraktionen sprach sich dafür aus, den Plan als Grundlage für die weitere Entwicklung zu nehmen. Lediglich die AfD stimmte dagegen – ohne Begründung.

Was bedeutet das alles für Hauseigentümer?
Die Stadt rät Immobilienbesitzern, eine Energieberatung für ihr Haus zu veranlassen, um zu prüfen, ob in die Gebäudedämmung oder gut isolierte Fenster investiert werden kann, um Energiekosten zu sparen. Der kommunale Wärmeplan informiert lediglich anhand einer Karte darüber, wo welche Energiequelle als Alternative zu Erdgas und Öl zum Heizen zur Verfügung steht – ohne Garantie. Die Entscheidung über eine neue Heizung ohne fossile Energieträger liegt beim Immobilieneigentümer.

Wie geht’s jetzt weiter?
Ende August wird der Wärmeplan für alle Ludwigshafener 30 Tage lang offengelegt. Bürger haben die Möglichkeit, Stellungnahmen abzugeben. Der Stadtrat soll am 22. September den Wärmeplan beschließen, der in den Folgejahren weiterentwickelt werden soll. Über den laufenden Stand informiert die Internetseite www.ludwigshafen-diskutiert.de.

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