Meinung
Nicht nur in der Küche ständig im Weg: Wie man zum menschlichen Hindernis wird
Das Im-Weg-Rumstehen zählt zu den unterschätzten Fähigkeiten des Menschen. Ich habe dafür ein Naturtalent. Wenn meine Frau, die beste Ehefrau von allen, sich zielgerichtet in unserer Küche bewegt, stehe ich ihr oft im Weg. Zwischen Herd, Kühlschrank, den Küchenschränken und der Spüle bleibt für einen Rumsteher wenig Platz, wenn gekocht wird. Dann stehe ich ausgerechnet vor dem Schrank, in dem sich die Pfanne befindet, die gerade jetzt benötigt wird.
Wenn ich den Tisch fürs Essen decken will und dafür an die Besteckschublade unter dem Kochfeld muss, brät meine Frau gerade ein Steak in der Pfanne – dabei kommt es auf jede Sekunde an. Schließlich soll das gute Stück perfekt rosa in der Mitte sein, eine gute Kruste und eine karamellisierte Oberfläche bekommen. Und wenn das Kochwasser der Nudeln abgegossen werden muss, hantiere ich im Schrank neben der Spüle und will gerade dort einen Weinkühler holen.
Warum Timing zählt
Meine Frau braucht mich in solchen Momenten nur anzublicken und ich weiß sofort, was sie denkt: „Jetzt steht der Kerl wieder im Weg rum. Den Weinkühler hätte er doch schon längst aus dem Unterschrank holen können.“ Sie sagt meistens nichts, aber ihr Blick und die rollenden Augen sagen alles. Es ist wohl eine Frage des richtigen Timings. Ich sollte den Tisch vor und nicht während des Kochens decken. Auch die Suche nach Utensilien in den Küchenschränken sollte sich auf die kochfreie Zeit beschränken.
Wobei dies auch nicht immer ganz einfach ist, etwa, wenn Marmeladengläser und Butter nach dem Frühstück wieder in den Kühlschrank eingeräumt werden müssen. Ich bin einfach langsamer in meinen Bewegungsabläufen als meine Frau, und so passiert es dann wieder: Ich blockiere die Kühlschranktür, wenn meine Liebste die Milchtüte in die Flaschenablage stellen will. Trotzdem mag sie mich. Das ist toll!
Vorteile beim Fußball
Mein Talent beim Im-Weg-Rumstehen hat manchmal auch Vorteile. Im Sportunterricht wurde ich beim Fußball immer hinten in die Abwehr gestellt. Ich stand den Mittelstürmern und Außenspielern zuverlässig im Weg, wenn sie aufs Tor zuliefen. Meine technischen Fähigkeiten im Umgang mit dem Ball waren und sind eher begrenzt. Aber immerhin konnte ich mit dem Im-Weg-Rumstehen den ein oder anderen Konter der gegnerischen Mannschaft unterbinden.
Auf dem Bürgersteig passiert es mir als Fußgänger öfter, dass mir ein Mensch entgegenkommt, dem ich einfach im Weg stehe. Ich will zur Seite ausweichen, aber mache es dadurch eigentlich nur noch schlimmer. Es dauert einen Moment, bis sich das Gegenüber sortiert hat, sich die Blockade löst und wir dann aneinander vorbeikommen. Oft ist das mit einem Lächeln verbunden – das entschärft die Situation.
Rücksicht statt Raserei
Beim Einkaufen suche ich mir gerne eine wenig frequentierte Stelle im Supermarkt aus – zum Beispiel das Gewürzregal –, um dort mit dem Einkaufswagen möglichst wenig im Weg herumzustehen, während meine Gattin auf der Suche nach einer besonderen Ware in den Regalgängen unterwegs ist. Dieser „Stand-by-Modus“ mutet für Außenstehende wahrscheinlich seltsam an, aber ich will ja kein öffentliches Hindernis sein.
Es gibt im Internet mittlerweile Foren, in denen sich Leute über Im-Weg-Rumsteher aufregen, und sie als Autisten, Egoisten oder Soziopathen bezeichnen. Das zeugt leider von wenig Toleranz im menschlichen Miteinander und trifft nicht den Kern der Sache: Denn die meisten Menschen stehen unabsichtlich im Wege. Denen, die dafür kein Verständnis aufbringen, sei ein Wort des österreichischen Autors Ernst Ferstl mitgegeben: „Auch Umwege erweitern unseren Horizont.“
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.