Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Doppelspitze der Linken: Hoffnung organisieren für eine sozialere Gesellschaft

Linke Doppelspitze in der Vorderpfalz: Judith Huber und Jonas Leibig. Der Bezirksverband umfasst das Gebiet der Landkreise und k
Linke Doppelspitze in der Vorderpfalz: Judith Huber und Jonas Leibig. Der Bezirksverband umfasst das Gebiet der Landkreise und kreisfreien Städte Bad Dürkheim, Frankenthal, Ludwigshafen, Neustadt und Rhein-Pfalz-Kreis.

Die Linke in der Vorderpfalz hat seit Ende April mit Judith Huber und Jonas Leibig eine neue Doppelspitze. Was sie vorhaben und was sie zur BSW-Abspaltung sagen.

Frau Huber, seit Jahresbeginn hat sich die Mitgliederzahl im Bezirksverband auf 336 mehr als verdoppelt. Worauf führen Sie diesen Ansturm zurück?
Huber: Auf unsere gute Arbeit im Bundestagswahlkampf – und auf unsere klare antifaschistische Positionierung. Die hebt uns ab von der Konkurrenz. Wir haben sehr früh damit angefangen, das direkte Gespräch zu suchen. Allein im Bezirksverband Vorderpfalz waren wir an über 3000 Haustüren. Wir haben die Leute konkret nach ihren Problemen und Themen gefragt und uns diese zu eigen gemacht.

Im Nachhinein hat Ihnen Sahra Wagenknecht mit der BSW-Gründung sogar einen Gefallen getan, oder?
Huber: Ein klares Ja. Auch ich bin erst nach der BSW-Abspaltung in die Partei eingetreten, weil ich mich erst ab dann mit ihr identifizieren konnte.

Leibig:Am Umgang mit Katja Wolf in Thüringen hat sich gezeigt, welcher Teil die Partei verlassen hat. Diesen schlechten Stil haben die späteren BSW-Leute zuvor auch in der Linken gepflegt.

Hat sich von der Linkspartei abgespalten und das nach ihr benannte Bündnis gegründet: Sahra Wagenknecht.
Hat sich von der Linkspartei abgespalten und das nach ihr benannte Bündnis gegründet: Sahra Wagenknecht.

Bei der Kommunalwahl im Juni 2024 war das Bild noch ein anderes. Das BSW hat relativ kurz nach der Parteigründung in Ludwigshafen vier Mandate im Stadtrat gewonnen, Die Linke nur einen Sitz. Woran lag das?
Leibig: Die BSW-Abspaltung war nicht aufzuhalten, es war ein offenes Geheimnis, dass es zum Bruch kommen wird. Das BSW konnte sich neu aufstellen. Die Linke musste den Scherbenhaufen zusammenkehren. Die Abspaltung war zudem so terminiert, dass Die Linke bei der Europawahl und den drei Landtagswahlen im Osten möglichst schlecht dasteht. Wir mussten uns erst wieder sammeln. Das hat Zeit gebraucht.

Was war der Wendepunkt?
Leibig: Die Wahl der neuen Vorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken im Oktober 2024 beim Bundesparteitag in Halle. Jeder wusste, das ist unsere letzte Chance, wenn Die Linke weiter erfolgreich sein will. Da ging ein Ruck durch die Partei. Alle haben sich voll darauf fokussiert. Die Geschlossenheit war groß. Vor der Bundestagswahl hat einfach sehr viel gepasst. Wir haben alle Segel gesetzt, es kam ein Windstoß – und wir waren plötzlich voll in Fahrt.

Sie sagen, man spüre förmlich die Euphorie bei denen, die zur Linkspartei stoßen. Wie äußert sich das?
Huber: Es vergeht kaum ein Treffen ohne neue Gesichter. Die Leute bringen einen bemerkenswerten Tatendrang und eine große Lust auf Veränderung mit. Als ich vor einem Jahr zur Partei gestoßen bin, bin auch ich von Null auf Hundert aktiv geworden. Inzwischen gehöre ich dem Landesvorstand an und bin Teil der Spitze des Bezirksverbands. Wir befinden uns im Aufwind, das spüren alle. Wir werden demnächst wieder anfangen, jedes Wochenende Haustürgespräche zu führen – weil wir unsere Themen genau danach ausrichten wollen, was die Menschen bewegt. Darum geht’s – übrigens auch mit Blick auf die Landtagswahl im März 2026.

Leibig: Wir wollen Raum für Austausch schaffen und sichtbar Ansprechpartner für Probleme sein.

Jonas Leibig und Judith Huber wurden am 29. April für zwei Jahre gewählt.
Jonas Leibig und Judith Huber wurden am 29. April für zwei Jahre gewählt.

Klopfen vor allem jüngere Leute an?
Huber: Ja, die Partei hat sich extrem verjüngt. Viele sagen, wir brauchen wieder eine echte soziale Stimme, weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklappt. Zahlreiche Menschen machen sich unfassbar große Sorgen darüber, wie sie im Alltag über die Runden kommen, wie sie ihre Miete bezahlen oder wie sie günstigen Wohnraum finden sollen, wenn ihnen gekündigt wird.

Leibig: Am Tag, als die Ampel auf Bundesebene zerbrach, hatten wir in unserem Bezirksverband ein Durchschnittsalter von 46,6. Jetzt liegt es etwa zehn Jahre darunter.

Wie erklären Sie sich, dass die AfD bei der Bundestagswahl im Februar in Ludwigshafen mit über 24 Prozent der Stimmen stärkste Partei war?
Huber: Weil die Leute einerseits spüren, dass es so, wie bisher, nicht weitergehen kann. Andererseits ziehen sie daraus die falschen Schlüsse.

Leibig: Die Wahl der AfD ist häufig eine Verzweiflungstat. Statt die AfD zu bekämpfen, kopieren viele andere Parteien einfach deren Themen. Unsere Aufgabe ist es, eine demokratisch legitimierte Systemfrage zu stellen – ohne Rassismus, ohne Ausländerfeindlichkeit. Zu hohe Lebensmittelpreise, zu hohe Mieten, zu geringe Renten – das hören wir an den Haustüren immer wieder. Wir wollen eine sozialere und gerechtere Gesellschaft, in der für alle gut gesorgt wird.

Huber: Viele Leute sind weder ausländerfeindlich noch rassistisch unterwegs, sondern befürchten einen sozialen Absturz. Bei ihnen verfangen dann die vermeintlich einfachen Antworten auf komplexe Fragen, die eine AfD bietet.

Auch in vielen Nachbarländern ist ein Rechtsruck erkennbar – worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?
Huber: Mit Blick auf die sozialen Netzwerke, die von den Rechten extrem stark bespielt werden, würde ich sagen: Hass klickt sich gut.

Leibig: „Einfache Lösungen“ klicken sich auch besser. Ein Beispiel: Große Wohnungsgesellschaften sollten in Eigentum der Gemeinschaft umgewandelt werden und nicht Aktiengesellschaften gehören, die nur Gewinne abziehen wollen. Das ist unsere Auffassung. Das ist den Leuten aber schwieriger zu erklären, als ihnen einzureden, wie das Rechtspopulisten tun, dass Ausländer das Land verlassen sollten und dann wieder Wohnungen freiwerden, obwohl das natürlich völliger Humbug ist.

Wie kann man diesem Phänomen wirksam begegnen?
Huber: Indem auch andere Parteien ihrer Verantwortung gerecht werden und die von der AfD gesetzten Themen nicht weiter bespielen.

Leibig: Die CDU zum Beispiel hat der Demokratie einen Bärendienst erwiesen, indem sie bis zum Wahltermin an der Schuldenbremse festgehalten und sie danach doch gelockert hat. Das ist eine Form von Wählertäuschung, die letztlich allen Demokraten geschadet und den Rechtspopulisten in die Karten gespielt hat.

Wie verstehen Sie Ihren Job als Vorsitzende des Bezirksverbands?
Huber: Ich will Hoffnung organisieren, getreu des Slogans unseres Bundesparteitags. Parteimitglieder aktivieren, motivieren und in schwierigen Momenten auch solidarisch sein.

Leibig: Da schließe ich mich an.

Trat bei der Bundestagswahl am 23. Februar für Die Linke im Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal an: Jonas Leibig. Er holte 4,8 Pr
Trat bei der Bundestagswahl am 23. Februar für Die Linke im Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal an: Jonas Leibig. Er holte 4,8 Prozent der Stimmen.

Was schätzen Sie an Ihrem Co-Vorsitzenden, Frau Huber?
Huber: Jonas ist sehr willensstark, hat viele tolle Ideen und opfert sich für dieses Ehrenamt auf. Er hält den Laden am Laufen.

Leibig: Judith ist zu einem Zeitpunkt bei uns eingetreten, als ich kaum noch Hoffnung hatte, dass es mit der Partei bergauf geht. Ihr Einsatz hat auch mir den Glauben zurückgegeben, dass es wieder vorwärts geht. Außerdem hat sie ein enormes Organisationstalent. Wir ergänzen uns gut und schaffen es so, die Aufgabe gemeinsam zu rocken.

Was wünschen Sie sich vom neuen Ludwigshafener Oberbürgermeister, wenn dieser am 1. Januar startet?
Leibig: Dass er die strukturellen Probleme angeht und das alltägliche Leben der Menschen verbessert. Als Mitglied des Schulträgerausschusses weiß ich beispielsweise, in welch katastrophalem Zustand sich die Schulen befinden. Bildung in verfallenen Gebäuden ist ein Widerspruch in sich. Diese müssen gut ausgestattet und ein einladender Ort sein, an dem es Spaß macht zu lernen. Und die Innenstadt muss wieder so gestaltet werden, dass man hier gerne leben will.

Und was wünschen Sie sich als Kreisbewohnerin von Volker Knörr (CDU), dem neuen Landrat, Frau Huber?
Huber: Dass er den öffentlichen Nahverkehr weiter ausbaut. Ohne Auto ist man auf dem Land häufig aufgeschmissen. Und dass er mehr Orte der Begegnung schafft und finanziert, an denen sich Jugendliche treffen und austauschen können.

Zur Person

Judith Huber, 33 ledig, in Worms geboren, wohnt im nördlichen Rhein-Pfalz-Kreis und ist dort auch aufgewachsen. Von Beruf ist sie Ernährungsökonomin.

Jonas Leibig, 31, ledig, in Speyer geboren, wohnt in Ludwigshafen. Für eine Leiharbeitsfirma ist er als Ingenieur im Bereich Elektronik/Mechatronik tätig.

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