Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Museum in einer Minute: Porträt eines bewegten Lebens

Ölgemälde von Rudolf Schlichter (Ausschnitt): „Portrait Carola Neher“.
Ölgemälde von Rudolf Schlichter (Ausschnitt): »Portrait Carola Neher«.

Der Maler Rudolf Schlichter (1890-1955) porträtierte die Schauspielerin Carola Neher 1929. Die Kunsthalle Mannheim zeigt das Bild in der Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“.

Rudolf Schlichters Ölbild „Portrait Carola Neher“ zeigt eine moderne Frau, der man auch heutzutage begegnen könnte: Sie ist schlank, ihre kurzen braunen Locken sind verwuschelt. Der Mund ist sinnlich leicht geöffnet. Ihre Lippen und Wangen sind dezent geschminkt, die glänzenden Augen blicken in die Ferne. Sie trägt einen schwarzen Faltenrock, der kurz über den Knien endet, dazu eine Bluse mit langem Arm ohne Ausschnitt. Ihren Hals schmückt eine lange rote Korallenkette und ein rot-blauer Schal mit weißen Punkten. Die Hände liegen im Schoß, wobei eine Hand die andere seitlich gestikulierend berührt. An ihrem linken Ringfinger trägt sie einen Ring. Sie sitzt auf der Vorderkante eines dunkelgrünen Kastens. Ihre Erscheinung ist jugendlich, naiv, etwas zerbrechlich, zugleich weiblich und jungenhaft-androgyn.

Carola Neher ist 1900 in München geboren. Sie verkörpert die sogenannte „Neue Frau“ der Zwanziger Jahre, wie sie als Ideal vor allem in den Städten Europas aufkommt: sportlich, berufstätig, freizügig. Modische Stilmerkmale sind der Bubikopf und die korsettlose Kleidung. Oft sieht man diese Frauen rauchend. Die Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg ist im Umbruch: 1919 wird das Frauenwahlrecht eingeführt, Frauen dürfen studieren. In den Städten entstehen Angestelltenberufe wie Sekretärin und Verkäuferin. Als Kundinnen werden sie umworben für Angebote wie Kino, Theater, Mode, Zeitschriften und Kosmetik.

Glamourgirl und Femme fatale

Neher ist Schauspielerin, Modeikone, Glamourgirl, kindliche Femme fatale. Man sieht sie auf den Titelblättern von Modejournalen, auf Fanpostkarten und Einlegebildchen in Zigarettenschachteln. Werbewirksam erklimmt sie den Berliner Funkturm, posiert mit einem Zoo-Geparden. Fährt Auto. Doch sie erlebt nicht nur den Glamour der „Goldenen Zwanziger“, sondern auch die Schrecken zweier Diktaturen: Hitler und Stalin.

Lebenshungrig kündigt sie nach zwei Jahren ihren Job als Bankangestellte und macht sich, nachdem sie „heimlich“ Schauspiel- und Tanzunterricht genommen hat, als Künstlerin selbständig. Ihr Weg führt sie über mehrere Stationen von Breslau, wo sie 1925 den Schriftsteller Klabund heiratet, nach Berlin. Dort macht die Tochter eines Musikers und einer pfälzischen Gastwirtin Karriere: Sie wird Lieblingsdarstellerin von Brecht, der für sie unter anderem die Rolle der „Pollie“ in der Dreigroschenoper schreibt, die sie auch 1931 im Film verkörpert. 1928 stirbt der lungenkranke Klabund, 1932 heiratet sie ihren Russischlehrer Anatol Becker, mit dem sie über Wien und Prag in die Sowjetunion emigriert. 1934 wird sie aufgrund ihres Engagements gegen Hitler ausgebürgert.

Im Exil verarmt und im Arbeitslager gestorben

An ihre Erfolge in Berlin kann Neher im Exil nicht anknüpfen: Sie lebt in Armut, trennt sich von ihrem Mann, der 1936 als angeblicher Trotzkist verurteilt und hingerichtet wird. Sie selbst wird denunziert und stirbt nach fünf Jahren Arbeitslager 1942 an Typhus. Ihr Sohn Georg überlebt im Waisenhaus, erfährt 1946 von seiner Herkunft und emigriert 1975 nach Deutschland.

Der „Verist“ Schlichter stellt die Künstlerin nicht realistisch dar, sondern arbeitet „das Typische“ heraus: die wilden Haare stehen für den „Freigeist“. Das von oben auf die Stirn fallende Licht betont den Intellekt. Das Gesicht ist fein herausgearbeitet, die rechte Hand dagegen zeigt eine „Bewegungsunschärfe“ wie man sie aus der Fotografie kennt. Die Augen glänzen, der Blick geht nach oben. Das Halstuch mit dem „Polka Dot“-Muster betont die zarte Femininität. Schlichter stellt Neher als attraktive Frau dar. Ob auch er einer ihrer Verehrer war?

Die Serie

Egal, ob „Mona Lisa“ von Da Vinci oder der Tigerhai von Hirst: Besucher bleiben im Schnitt elf Sekunden vor einem Kunstwerk stehen, aber bis zu 30 Sekunden, falls sie ergriffen sind. Wer sich eine Minute Zeit nimmt, lernt in unserer Serie Werke aus Museen der Rhein-Neckar-Region kennen.

Heimstätte der Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“: die Kunsthalle Mannheim.
Heimstätte der Ausstellung »Die Neue Sachlichkeit«: die Kunsthalle Mannheim.
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