Mannheim
Mordversuch in Mannheimer Kiosk: Sind die Hintermänner in der Türkei?
Bei einem Prozess, der einen versuchten Mord aufrollen soll, konzentriert sich zunächst alles auf den Angeklagten. Das ist am Mittwochmorgen am Mannheimer Landgericht nicht anders. In Handschellen wird der 27-Jährige in den Saal geführt, der am 4. Oktober des vergangenen Jahres den Inhaber eines Kiosks im Quadrat G7 niedergeschossen haben soll. Zwei Kugeln trafen das Opfer, einen 39 Jahre alten Türken, in Bein und Oberkörper. Dann flüchtete der mutmaßliche Täter – offenbar im festen Glauben, den Mann getötet zu haben. Doch da irrte er sich. Der 39-Jährige überlebte nach einer Notoperation, ist aber bis zum heutigen Tag krankgeschrieben und durch seine Verletzungen stark eingeschränkt. Die Schüsse hatten unter den Anwohnern auch noch in den Tagen danach eine große Verunsicherung ausgelöst.
Über den Angeklagten erfahren die Prozessbeobachter, dass er in Bulgarien geboren und religiös verheiratet ist. Drei Kinder soll er haben und sich vor der Tat, die ihm vorgeworfen wird, in Berlin aufgehalten haben – ohne festen Wohnsitz. Ein erlernter Beruf? Fehlanzeige. Als Chauffeur will er zuletzt gearbeitet haben, wie aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hervorgeht. Der athletische Mann trägt einen Bart und Tätowierungen an Hand und Hals – möglicherweise weitere, die unter seinem fliederfarbenen Hemd verborgen bleiben.
Neben dem 27-Jährigen sitzen nicht nur seine zwei Anwälte, einer aus Berlin, der andere aus Ludwigshafen, sondern auch eine Dolmetscherin. Etwas aus seinem Munde ins Deutsche übersetzen muss sie nicht. Denn der Angeklagte, der in Berlin von der Polizei festgenommen worden ist, will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Jedenfalls zunächst, wie seine Anwälte sagen.
Videokameras liefern Bilder vom Tatabend
Der Angeklagte ist laut Oberstaatsanwältin Katja König einen Tag vor der Tat von Berlin nach Mannheim gefahren. Zwei Männer sollen ihn begleitet haben. Um wen es sich dabei handelte, ist unbekannt. Was sich an dem Samstagabend in dem gerade eröffneten Mannheimer Kiosk abgespielt hat, ist dagegen kein Geheimnis. Mehrere Videokameras haben das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven aufgezeichnet. Das Videomaterial zeigt, wie ein Mann um 18.47 Uhr den Laden betritt.
Nach allem, was man weiß, sind zu diesem Zeitpunkt neben Opfer und Täter zwei weitere Männer anwesend. Man soll sich auf Türkisch begrüßt haben und im nächsten Augenblick soll der Täter aus seiner rechten Jackentasche eine Pistole gezogen und abgedrückt haben – angeblich insgesamt dreimal. Als die Schüsse fallen und der Kiosk-Inhaber zusammensackt, steht ein Angestellter direkt neben ihm. Dieser bleibt ebenso unverletzt wie der Bruder des Opfers, der laut eines als Zeugen geladenen Polizisten im hinteren Bereich des Kiosks einen Kühlschrank einräumt. Auf einer Videoaufzeichnung ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter zum Ausgang rennt und flüchtet.
„Das Gesicht werde ich nie vergessen“
Was bislang völlig im Dunkeln bleibt, ist der Hintergrund des Verbrechens. Das Opfer, ein kräftiger Mann mit Glatze und Bart, kommt am frühen Nachmittag in den Zeugenstand. Gehen kann er nur mit einer Krücke. Auch ihm steht eine Dolmetscherin zur Seite. Dass es sich bei dem Angeklagten um den Täter handelt, da ist er sich sicher. „Er wollte mich töten. Das Gesicht werde ich nicht vergessen“, sagt er. Mehrere Wochen habe er in zwei Kliniken verbracht – dann sei er noch vier Monate zu Hause wegen seiner Verletzungen ans Bett gefesselt gewesen. „Ich fühle mich schlecht“, sagt er.
Den mutmaßlichen Täter will er vorher noch nie gesehen haben. Schon im Vorfeld des Prozesses ist von einem möglichen Auftragsmord die Rede gewesen. Doch wer dahinter stecken könnte, bleibt auch nach der mehr als einstündigen Befragung des Opfers unklar. Es gibt offenbar eine Vorgeschichte, die in die Türkei, nach Istanbul führt. Dort habe er ebenfalls einen Laden geführt, auf den in einer Nacht Schüsse abgefeuert worden sein sollen.
Vieles bleibt unklar
Dann habe er beschlossen, 2024 nach Deutschland zu gehen und in Mannheim einen Laden zu eröffnen. Dort angekommen, hätte ihn die Nachricht erreicht, dass man ihn auch dort sein Geschäft nicht betreiben lassen würde. Eine Person habe nach der Tat bei seiner Familie in der Türkei angerufen und gesagt, dass jemand beauftragt worden sei, ihn zu töten. Es fällt zwar im Zuge der hartnäckigen Befragung der beiden Verteidiger immer wieder ein Name. In welcher Beziehung dieser Mann zu dem Opfer steht, bleibt am ersten Verhandlungstag aber unklar.
Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat das Mannheimer Gericht weitere acht Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil wird für Mitte Mai erwartet.