Ludwigshafen
Mit Segnung eines homosexuellen Paars Neuland betreten
Sie haben Hindernisse überwunden, die so hoch schienen, dass sie schier nicht zu bewältigen waren. Zwei Männer - der eine Christ, der andere Buddhist, der eine schon weit jenseits der 50, der andere Mitte 20, der eine Deutscher, der andere Thailänder. All das hielten Paul Schröder und Suchat Papakdee nicht davon ab, zunächst eine eingetragene Partnerschaft einzugehen und rund ein halbes Jahr später die kirchliche Segnung folgen zu lassen.
„Herr, wir danken dir, dass du uns zusammengeführt hast, dass wir uns begegnen durften und dass du es uns ermöglicht hast, uns trotz aller Hindernisse kultureller, sprachlicher oder anderer Art näher kennenzulernen. Wir danken dir dafür, dass wir unseren Wunsch zusammenzuleben verwirklichen konnten, und dafür, dass wir uns so gut verstehen“, schrieb Paul Schröder in einem Gebet, das er eigens für den Segnungsgottesdienst verfasst hatte.
Neuland betreten
In Rheingönheim war man vor 20 Jahren der Zeit voraus, „denn die Segnung fand noch vor dem offiziellen Beschluss der Landessynode statt“, berichtet Frank-Matthias Hofmann, seinerzeit evangelischer Pfarrer im Stadtteil, mittlerweile Kirchenrat und Beauftragter der Evangelischen Kirchen im Saarland am Sitz der Landesregierung. Erst ein halbes Jahr später – im November 2002 – machte die pfälzische Landeskirche offiziell eine gottesdienstähnliche Begleitung möglich. Mittlerweile ist die Evangelische Kirche der Pfalz noch einen Schritt weiter: Homosexuelle Paare haben seit 2019 einen Anspruch auf eine kirchliche Trauung, die der für heterosexuelle Paare gleicht.
Die Initiative zur Segnung ging damals nicht von Paul Schröder und Suchat Papakdee selbst aus, sondern von Pfarrer Hofmann. Alleine wären die beiden wohl nicht auf die Idee gekommen, denn sie wussten um die Brisanz des Themas. Schröder war seinerzeit Lehrer am Heinrich-Böll-Gymnasium für die Fächer Deutsch und Evangelische Religion. Am 5. Dezember 2001 schloss das Paar eine eingetragene Lebenspartnerschaft im Standesamt Ludwigshafen. Davon Wind bekommen hatten Schröders Kollegen, die ihm im Flur gratulierten. Wie es der Zufall so wollte, sahen einige Schüler, dass es offensichtlich etwas zu feiern gab. „Als ich dann in meinen Deutsch-Leistungskurs in der 12. Jahrgangsstufe kam, sangen die Schüler „Happy Birthday“, erzählt der 78- Jährige lachend.
Er erklärte ihnen, dass er keinen Geburtstag hatte und berichtete stattdessen von der Besiegelung der eingetragenen Lebenspartnerschaft. Mit Beifall und Klopfen quittierten seine Schüler das freudige Ereignis, erzählt er. Natürlich machte die Neuigkeit schnell die Runde. Über die Mutter eines Schülers landete die Information bei Pfarrer Hofmann, der die kirchliche Zeremonie anbot.
Zunächst zwiegespalten
Schröder war zu diesem Zeitpunkt zwiegespalten. Auch in der evangelischen Kirche habe es viele Leute gegeben und die gebe es noch immer, für die Homosexualität und Kirche nicht vereinbar seien, sagt Schröder, der sich als Theologe schon länger mit der Thematik auseinandergesetzt hatte. Innerhalb der Evangelische Kirche der Pfalz wurde die Angelegenheit ebenfalls kontrovers diskutiert. „Natürlich bin ich auf entsprechende Stellen in der Bibel gestoßen, in denen Homosexualität negativ bewertet wird“, sagt der 78-Jährige.
Aber gerade auf Grund seiner Ausbildung als Theologe sei ihm klar geworden, dass man biblische Aussagen in ihrem Kontext und als Dokumente einer bestimmten Zeit mit einem gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund sehen müsse. „Daher war für mich Homosexualität nie ein Glaubensproblem und kein Grund, an der Religion zu zweifeln. Allerdings war mir bewusst, dass viele Leute dies anders sehen. In der katholischen Amtskirche sowieso. Obwohl hier die Ablehnung weniger von der Bibel als eher von einer eng geführten naturrechtlichen Ableitung herzurühren scheint“, unterstreicht der Rheingönheimer.
Wohlwollendes Echo
Schröder wollte eines nicht: Seinem Pfarrer zusätzliche Mühe, Arbeit oder gar Schwierigkeiten bereiten. Und so schrieb er in einem Brief an Hofmann: „Insofern würde ich es nicht als Problem ansehen, wenn ihr lieber Abstand nehmen oder zumindest die weiteren Entwicklungen und Entscheidungen noch abwarten wolltet und wir den Termin verschieben würden.“ Der Anlass für seine Zweifel: Ein Beitrag im „Evangelischen Kirchenboten“. In dem Artikel mit dem Titel „Für die einen Sünde und für die anderen ein Liebesgebot“, der Ende März 2002 erschien, hieß es, dass 20 Gemeinden in Bezug auf die Segnung homosexueller Paare ablehnend entschieden hätten.
Doch da tickten die Rheingönheimer anders. Vom Presbyterium bis hin zu Gemeinde – alle standen der Segnung positiv und wohlwollend gegenüber, berichten die Beteiligten. Wohl auch deshalb, weil Pfarrer Hofmann vorab reichlich Überzeugungsarbeit geleistet hatte und Schröder selbst lange Jahre dem Presbyterium angehörte. Zum Zeitpunkt der Segnung allerdings nicht. „Wir hatten das Glück, dass wir weder Negatives noch Ablehnung erfahren haben“, ist Schröder über die Offenheit dankbar. Unterstützung erhielten die Beteiligten auch vom damaligen Dekan Michael Gärtner, der zu den ersten Gratulanten nach der Segnung zählte.
In der Gemeinde verankert
Was bedeutete dem Männer-Paar die Zeremonie? An den Gefühlen füreinander habe die Segnung nichts geändert. „Wir hatten dadurch das Gefühl, in der Gemeinde verankert zu sein“, sagt der 78-Jährige. Gleich drei Pfarrer gestalteten den historischen Gottesdienst im Juni 2002: Frank-Matthias Hofmann, Silke Portheine-Hofmann und Schröders befreundeter Kollege Horst Hutter. Dem Glauben von Suchat Papakdee wurde dabei mit einem Buddhistischen Tempelgesang Rechnung getragen. Vor allem viele Freunde und Bekannte des Paares, darunter einige aus Suchat Papakdees Heimat Thailand, und Gemeindemitglieder hatten sich in der Paul-Gerhardt-Kirche eingefunden.
Eine große Öffentlichkeit, im Mittelpunkt zu stehen, das haben die beiden nicht gewollt. Es sei ihnen nie darum gegangen, Grenzen zu verwischen und die Segnung mit einer Hochzeit gleichzusetzen, betont der Lehrer und Theologe. Gefeiert wurde die Segnung dennoch – mit einem Sektempfang und am Abend in einem Ausflugslokal außerhalb der Stadt. Es war eine Zeremonie, mit der Schröder und Papakdee ungewollt Geschichte schrieben.