MannheimMit Expertin durch Quadrate: So schön können Bausünden sein
Das Stadthaus begeistert Architekturhistorikerin Turit Fröbe.
Gebäude, die auffallen und vielleicht aus der Zeit gefallen sind, gibt es in jeder Stadt. Einige sind schön, andere hässlich. Das Stadthaus erinnert Architektur-Historikerin Turit Fröbe an eine Pariser Sehenswürdigkeit.
Turit Fröbe schafft es, ein Stadtbild zu verändern, ohne auch nur einen Stein zu verrücken. Die Architekturhistorikern ist bekannt dafür, eher ungeliebte Gebäude in den Blick zu nehmen und sie mit der Kraft der Wahrnehmung und richtigen Perspektive in etwas Wunderschönes zu verwandeln. Nun begab sie sich unter dem Motto „Mannheims schönste Bausünden“ auf einen Spaziergang durch die Quadratestadt. Vor allem das viel diskutierte Stadthaus am Paradeplatz hat es ihr angetan.
Mit ihrem Bildband „Die Kunst der Bausünde“ platzierte sich die Stadtforscherin vor gut zehn Jahren in der Bestsellerliste. Ihre humorvollen Abrisskalender geben jedes Jahr deutschlandweit 365 Gebäuden die Chance, nicht nur belächelt, sondern auch bestaunt zu werden. Mit dem Werk „Eigenwillige Eigenheime“ nahm die 52-Jährige zuletzt auch die kleinen und großen Bausünden in Wohngebieten in den Blick. „Bausünden sind für mich eine eigene Baugattung, sie zeigen Ambitionen und zeugen von Fantasie, Mut und einem gewissen Risiko. Sie sind expressiv, ecken an und machen einen wach“, betont sie zu Beginn des Spaziergangs, der Teil der aktuellen Ausstellung „Gefährdete Arten“ des Mofa-Vereins (Mannheims Ort für Architektur) ist.
„Gute und schlechte Bausünde“
Die Stadtbibliothek ist derzeit noch im Stadthaus untergebracht.
„Hässliche Entlein“ nennt sie die meist ungeliebten Gebäude auch liebevoll, wobei sie zwischen guter und schlechter Bausünde unterscheidet. „Die gute Bausünde kommt für mich gleich nach der sehr guten und guten Architektur. Sie sind für mich viel besser als mittelmäßige Architektur und schützenswert, da sie sich vom Einheitsbrei, dem Immergleichen und Unscheinbaren abhebt“, macht Fröbe deutlich. Auch viele Mannheimer Gebäude wie das Collini-Center oder der frühere Karstadt landeten bereits in ihren Abrisskalendern. Darunter auch das Parkhaus N2, das tatsächlich abgerissen werden und einem Neubau der Stadtbibliothek weichen soll.
„Mit Blick auf die graue Energie können wir uns eigentlich keinen einzigen Abriss mehr leisten“, plädiert Fröbe für eine Umnutzung. Die schachtelartige Fassade empfindet sie als „kleinteilig und lebendig“. „Heutige Parkhäuser sind maskiert und unscheinbar, in den 60er- und 70er-Jahren aber war das Auto viel mehr Statussymbol, und Parkhäuser standen für eine freie Baukultur“, erklärt sie. Die Expertin erkennt in dem Bau auch ein historisches Zeugnis für eine Epoche einer autogerechten Stadt und somit eine erhaltenswerte Erinnerung. Zumal das schräge Dach, ein Geheimtipp für jugendliche Treffs, einen ungewöhnlichen Blick auf die Innenstadt ermöglicht und zum Beispiel als urbaner Garten genutzt werden könnte.
Ankunft am Lieblingsort
Dem ganz besonderen Charme des Parkhauses in N2 kann sich Turit Fröbe nicht entziehen.
Dass sich Geschmäcker und Perspektiven in der Architektur stetig ändern, macht sie am Brutalismus fest. Lange verpönt und verspottet, hat sich der Beton-Baustil der 60er-Jahre längst rehabilitiert. „Heute wird er sogar wieder gefeiert, dafür wird nun die Postmoderne sehr kritisch gesehen“, leitet Fröbe zur nächsten Station über – dem Stadthaus. Das 1991 eröffnete Mehrzweckgebäude am Paradeplatz stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Mitte der 80er-Jahre sprach sich die Mehrheit der Mannheimer Bürger für einen Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Alten Kaufhauses aus.
Stattdessen bekamen sie einen postmodernen Bau hingestellt, mit unklaren Eingängen, energetischer Fehlnutzung und einem seit Jahrzehnten wegen Brandschutz geschlossenem Turmcafé. „Es ist auf hohem Niveau gescheitert“, sagt ein Teilnehmer. Der Abriss war bereits freigegeben, bis der Denkmalschutz in letzter Sekunde dazwischen grätschte. Was nun, lautet seitdem die Frage. Turit Fröbe aber zeigt sich begeistert – die Sockel und Säulen an der Fassade als Anspielung auf den historischen Vorgänger, dazwischen die moderne, türkisgrüne Mittelturmfassade: „Es ist eine Kreuzung zwischen Postmoderne und Hightech gelungen, wie ich sie sonst von keinem Bauwerk kenne, es hat eine herausragende Bildqualität. Es sticht heraus und ist somit unverkennbar mit Mannheim verbunden, es ist kein 0815-Stadthaus“, erkennt sie ein Alleinstellungsmerkmal, eine mögliche Ikone für die Stadt.
Vorbild Helsinki
Ein wenig fühlt sie sich auch an das Centre Pompidou erinnert, wo die innere Gebäudetechnik bewusst nach außen gekehrt wird. Doch während das Kunstmuseum in Paris eine der Hauptattraktionen ist, fristet das Mannheimer Stadthaus trotz Bibliothek und gut funktionierender Restaurants eher ein Dasein als hässliches und unbeliebtes Entlein. „Ich hätte 10.000 Ideen für eine Umgestaltung“, stellt sie klar.
Die Oodi-Bibliothek in Helsinki zum Beispiel sei wie ein Wohnzimmer der Stadt, mit Bücherei, Gastronomie, aber auch Makerspace, mit Aufenthalts- und Spielräumen, leihbaren Geräten von der Gitarre bis zum Bügeleisen. „Es ist ein offenes Haus und Frequenzbringer“, betont Fröbe und stellt die große Frage: „Was machen wir mit unseren Bausünden? Zurzeit reißen wir sie ab, befinden wir uns in der Phase des Loswerdens. Auf lange Sicht aber tut das den Städten nicht gut, sie werden dadurch beliebig und unscheinbar“, sagt sie und plädiert vielmehr dazu, sich mit einigen Bausünden zu versöhnen, vielleicht sogar stolz auf sie zu sein, da gerade sie den Charme und Charakter einer Stadt ausmachen und ihren Teil einer nicht immer glanzvollen, aber ehrlichen Geschichte der Stadt erzählen.