Mannheim Misstöne am Nationaltheater: Künstler aus dem Atelierhaus demonstrieren

„Packt den Sickel am Wickel“ fordern die Künstler auf ihren Plakaten.
»Packt den Sickel am Wickel« fordern die Künstler auf ihren Plakaten.

Wenn die Musik von Richard Wagner und Ludwig van Beethoven gleichzeitig aus einem Lautsprecher dröhnt, dann muss das zwangsläufig schräg klingen. „Soll es auch, denn wir sprechen hier auch von heftigen Dissonanzen“, erläutert Markus Reindl. Der Mannheimer Musiker hat die schrillen Soundcollagen eigens für eine ungewöhnliche Demonstration zusammengestellt, die auf Misstöne in der Kulturpolitik der Stadt aufmerksam machen möchte.

Um was geht es am Mittwochnachmittag vor dem Mannheimer Nationaltheater eigentlich? Räumlichkeiten im Stadtteil Käfertal, die seit vielen Jahren von Künstlern der alternativen Szene belegt sind, sollen bis Ende Oktober geräumt werden. Auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern, verteilt auf zwei Etagen, befinden sich die Arbeitsplätze von sieben etablierten Künstlern, Tonstudios, mehreren Bands sowie eine gemeinnützige Bildungseinrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Jetzt ist das komplette, sanierungsbedürftige Gebäude in den Fokus von Marc Stefan Sickel, des geschäftsführenden Intendanten des Nationaltheaters Mannheim, geraten. Das Theater, das ab 2022 vier Jahre lang umgebaut wird und händeringend Ausweichquartiere für seine Sparten sucht, möchte das Atelierhaus nutzen.

Existenziell bedroht

Der Vermieter – eine Mannheimer Spedition – verweist jedoch darauf, dass er den bisherigen Mietern nur gekündigt hat, um das Atelierhaus zu sanieren und den Brandschutz zu verbessern. Die betroffenen Maler, Musiker, Schauspieler, die im Alten Trafohaus an der Boveristraße kreativ tätig sind, sehen das jedoch als vorgeschobenen Grund und akzeptieren den Rauswurf keineswegs. Für sie bedeutet die Kündigung eine existenzielle Bedrohung, sagt Mitorganisator des Protests, Manfred Binzer. Nicht zuletzt, weil die aktuelle Krise die Kunstwelt bereits jetzt schon an den Rand der Gesellschaft gedrängt habe. Das Rocktheater Mannheim ist bereits das erste Opfer, der Verein ist nach 25 Jahren nach Ludwigshafen abgewandert.

„Packt den Sickel am Wickel“

Vor etwa drei Dutzend Demonstranten mit selbst gebastelten Plakaten wie „Packt den Sickel am Wickel“ oder „Kunst braucht Platz“ ärgert sich Binzer über das Desinteresse des Kulturamtes an einer schnellen Lösung. „Auch mit dem Nationaltheater selbst haben keine Gespräche stattgefunden“, so der Redner. Rückenwind bei ihrer Forderung nach bezahlbaren Ateliers und Proberäumen bekommen die Künstler von einem aus ihren Reihen. Der Grüne Stadtrat und Sänger Markus Sprengler verspricht neue Räume oder zumindest eine Übergangslösung. „Bei der Kommunikation hat das Nationaltheater Fehler gemacht und bisher sehr unglücklich agiert“, glaubt der Musiker. „Wir sehen uns wieder“ wirbt das Vierspartenhaus an seiner Frontseite auf meterhohen Bannern. Wer die entschlossenen Künstler gesehen hat, darf davon ausgehen, dass in Sachen Atelierhaus der letzte Vorhang noch nicht gefallen ist.