Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Miss Sara Jevo im Thalia: Die Rolle seines Lebens

Die Drag-Queen „Miss Sara Jevo“ vom Nationaltheater mischte zum Welttag des Buches die Thalia-Filiale in Mannheim auf.
Die Drag-Queen »Miss Sara Jevo« vom Nationaltheater mischte zum Welttag des Buches die Thalia-Filiale in Mannheim auf.

Von der Bühne in die Buchhandlung: Im Nationaltheater Mannheim begeisterte Drag-Queen „Miss Sara Jevo“ mit einem Stück über Ex-Jugoslawien und schwache „starke Männer“.

Nun war die Balkan Beauty zum Welttag des Buches im Thalia zu Gast. Kaum wird aus Sandro Šutalo die queere Schönheit, bekommt sie Komplimente. „Sagenhaft schön! Wer Sie nicht liebt, ist einfach nur neidisch“, sagt eine ältere Dame zwischen Buchregalen anerkennend, als sich Miss Sara Jevo gerade noch im Verwandlungsprozess befindet, das Korsett eng geschnürt wird. „Danke, ihre bunte Bluse ist bezaubernd, die hätte ich auch gerne“, lobt die mit Stöckelschuhen locker zwei Meter große, hauseigene NTM-Diva gleich zurück. Den Akzent hat sie noch gar nicht aufgesetzt. Nur einen Wimpernschlag später aber geht Šutalo voll in der Rolle seines Lebens auf.

Stolz stolziert die Drag-Queen durchs Erdgeschoss, mischt die Kunden auf, zieht alle Blicke auf sich, verscheucht vielleicht ein paar Buchwürmer, lockt aber umso mehr Neugierige an – und alle, die ihr zuhören, mit ihrem Humor in den Bann. Da wären die Versprecher, manche gewollt, andere vielleicht nicht. „Meine Damen, Herren und alles zwischendurch. Heute ist Buch des Tages“, sagt sie mit slawischen Slang. Ein Lied aus ihrer One-Woman-Show, mit dem Miss Sara Jevo auch beim Britney-X-Festival in Düsseldorf ein Gastspiel gibt, wird angestimmt, dann aber die Thalia-Mitarbeiter ins Rampenlicht gerückt.

Von der Angst der Balkanmänner

Wie Derya, die mal als Weihnachtsaushilfe begann und einen Roman an einem Tag liest. „Ich glaube, ich lasse mein ganzes Gehalt wieder hier“, sagt sie lachend – und empfiehlt unter anderem „A Good Girl’s Guide to Murder“ von Holly Jackson. Eines dieser Young-Adult-Werke, die auf BookTok angepriesen, und nun sogar als Serie verfilmt werden. „Guckt das nicht, lest lieber. Sch** Fernsehen macht alles kaputt“, sagt Miss Sara Jevo. „Was hast du noch verbreitet?“, fragt sie wie ein russischer Mafiaboss geheimnisvoll. Verwirrte Blicke, dann lachen, denn die Funny Lady meint eigentlich „vorbereitet“.

Als es aber um Bosnien geht, um die Heimat, die Sandro Šutalo als Dreijähriger verlassen musste, legt die Drag-Queen den Akzent ab. „Die Sanftheit wurde nie gelernt, die größte Angst der Balkanmänner ist, einen schwulen Sohn zu haben“, zitiert Miss Sara Jevo aus ihrem Stück. Stärke hieße, keine Schwäche zu zeigen, das Wort des Nachbarn zähle mehr als was man selbst fühlt. „Lieber das Grab als die Schande, doch niemand sagt, dass es eine Schande ist, wenn zu Hause die Frau geschlagen wird.“

Internet sorgt für Umsatz

In Jacky Elfner findet die Balkan Beauty eine Verbündete. Die Thalia-Mitarbeiterin schlägt mit „Das Beste sind die Augen“ einen feministischen Horror von Monika Kim als Racheakt gegen den Male Gaze, den sexualisierten Blick von Männern auf Frauen vor. Und sie ist zugleich Expertin für BookTok- und New-Adult-Phänomene. Galt das Internet lange als der Feind der Buchhandlungen, sorgen nun virale Lektüreempfehlungen auf Social Media auch bei Thalia und Co. für einen Absatz, beeinflussen die von der TikTok-Community mit dem Hashtag #BookTok versehenen Bücher, ob Roman oder Sachbuch, die Verkaufszahlen.

Ein ganzer Belletristik-Bereich, Tische und Regale voller Romantasy-, Dark Romance- oder Young Adult-Romane wurde in den letzten Jahren geschaffen. Elfner ist ehrlich: „Es ist literarisch umgangssprachlicher. Aber wenn ich abends von der Arbeit komme, ist mir auch nicht immer nach Benedikt Wells zumute“, sagt sie. Dann liest sie gerne mal eher leichte Lektüre. Doch hinter den bunten Covern stecken auch ernste Themen. „Eine Autorin verarbeitet etwa eine Totgeburt. Man fühlt sich mitgenommen, es geht meist ums Erwachsen werden. Es sind Bücher von Frauen für Frauen“, verrät sie.

Bücher regen die Fantasie an

Auch Leserinnen über 29 zählen zu den Kundinnen. Und obschon die Bücher von Ali Hazelwood oder Coleen Hoover Literaturkritiker nicht beglücken, erfüllen sie die Aufgabe eines guten Buches: sie regen die Fantasie an. Auch das NTM will sich mit dem Übergängen von Jugend- zur Erwachsenenliteratur und der BookTok-Szene befassen. „Wir wollen Platz für dieses Phänomen schaffen“, sagt Riccarda Mager von der Kunstvermittlung. Im Februar sei ein „New-Adult-Book-Event“ für junge Leser geplant. Am am 12. Juni darf man nochmal „Miss Sara Jevo“ im Studio Werkhaus erleben.

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