Mannheim
Medizinhilfe in Mannheim: Malteser behandeln Menschen ohne Krankenversicherung
Das Wartezimmer ist voll, die wöchentliche Sprechstunde in der Neckarstadt-West wieder mal ausgebucht – und die frischgebackenen Eltern aus Afghanistan sehr dankbar. Der junge Sohn, der Anfang Januar zur Welt kam, ist in Decken gehüllt und wohlauf. „Er kann jetzt engmaschig kontrolliert werden und es gibt einen Mutterschutz“, sagt die pensionierte promovierte Gynäkologin Hildegard Kluding-Münch, die der Mutter wegen ihrer Blutarmut Eisentabletten verschreibt.
Ein Arztbesuch war für das Paar lange undenkbar. Da sie in verschiedenen Bundesländern leben, ist die Frau noch nicht krankenversichert und steckt in einer bürokratischen Warteschleife fest. „Sie hat keinen Termin bekommen, wir haben sogar schon einen Anwalt eingeschaltet“, sagt ein ebenfalls afghanischer Freund auf Deutsch, der die werdenden Eltern vor ein paar Monaten auf MMM, die Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung, aufmerksam machte. „Ein Glück, denn da war die Dame bereits in der 32. Schwangerschaftswoche und zum ersten Mal beim Frauenarzt. Es war höchste Zeit, das Kind kam dann dennoch mit unter 2500 Gramm in der Klinik zu Welt“, sagt Kluding-Münch und weiß: „Das ist kein Einzelfall.“
Im Schnitt 400 Patienten pro Jahr
Seit 2014 gibt es in Mannheim das MMM-Angebot, das von zwei promovierten Medizinern, Internist Ewald Jammers und Gynäkologin Ulrike Radde, aufgebaut wurde. Gab es zum Startjahr 201 Behandlungen, zählte man 2025 insgesamt 1238 Termine. „Im Schnitt werden pro Jahr 400 Patienten, davon 80 Schwangere betreut. Wir sind als kleines Projekt gestartet, doch die Notwendigkeit hat sich etabliert“, sagt Jasmin Zart, die Organisatorische Leiterin. Bundesweit gibt es 18 solcher Anlaufstellen der Malteser, das Einzugsgebiet ist enorm. In die Einrichtung in der Zehntstraße kommen Patienten von Karlsruhe bis Kaiserslautern. „Aber rund 60 Prozent sind aus Mannheim“, so Zart.
Die Gründe, um aus dem Raster der Krankenversicherung zu fallen, sind vielfältig: Armut, Obdachlosigkeit, Misserfolge in der Selbstständigkeit, zu hohe Versicherungsbeiträge. „Heimkehrer kommen aus dem Ausland, hatten aber ihre Versicherung gekündigt. Junge Menschen fallen vor ihrem Studium oder der Arbeitssuche manchmal aus der Familienkasse und befinden sich in einem luftleeren Raum“, erklärt Zart. Auch ehemals Inhaftierte finden nicht gleich eine Krankenversicherung, die Incoming-Versicherungen für Studenten aus dem Ausland decken nicht alles ab. Vor allem aber EU-Bürger aus Osteuropa, die zum Arbeiten kamen und ihren Job verloren oder als Partner(in) nicht familienversichert sind, sitzen im Wartezimmer.
Fokus liegt auf der medizinischen Versorgung
„Wir fragen nicht, der Fokus liegt auf der medizinischen Versorgung. Auch Menschen mit ungeregeltem Aufenthaltsstatus wissen, sie können herkommen und brauchen keine Angst zu haben, dass sie sich outen müssen, es gibt keine behördlichen Folgezwänge“, sagt Kluding-Münch. Denn die Hemmschwelle ist hoch: Manche gehen trotz Diabetes, Wundinfektionen oder eben auch einer fortgeschrittenen Schwangerschaft nicht zum Arzt. „Auch aus Angst, doch etwas zahlen zu müssen“, so Zart, die schon harte Fälle gesehen hat, „Bilder, die nicht mehr aus dem Kopf gehen“.
Wie ein Rentner, der aus der Privatversicherung gefallen war, dort Tausende Euro an Schulden angehäuft und sich den Arztbesuch fortan „gespart“ hatte. „Dann kam er mit einem Herzinfarkt zu uns, einige kommen auf den letzten Drücker. Von der Tumorerkrankung bis zum verschleppten Leistenbruch, Schlaganfall oder schweren Sturz“, sagt die Hauptamtliche. Mehr als 60 Prozent der Patienten sind Frauen. Von lebensnotwendigen Medikamenten bis zur Grippeimpfung für Risikopatienten, vom Blutbild bis zum MRT reicht die Palette. „Wir sind wie eine Hausarztpraxis für Menschen ohne Schutz. Bei Kindern können die U-Untersuchungen durchgeführt und Impfungen gewährleistet werden“, so Kluding-Münch.
Klienten an die Hand nehmen
23 Ehrenamtliche, pensionierte Ärzte, Allgemeinmediziner, Internisten und Gynäkologen, zwei Kinderärzte, Dolmetscher, Helfer für die Sprechstunde und Lotsen, die in prekären Situationen die Klienten an die Hand nehmen, beim Übersetzen und bei Behördengängen unterstützen, um einen Krankenschutz zu beantragen, gehören zur Einrichtung. Sowie seit Januar 2024 auch eine Clearingstelle.
Johanna Heintz hilft bei der (Wieder-)Eingliederung in eine Krankenversicherung. Die Erfolgsquote liegt bei 29 Prozent. „Manche wissen gar nicht, dass sie in Notfällen Anspruch haben“, sagt sie. Wenn Versicherte mit ihren Beiträgen im Rückstand sind, haben sie bei akuten Erkrankungen oder eben auch Schwangerschaft dennoch das Recht, über die Versicherung einen Behandlungsschein ausgestellt zu bekommen. Selbstverständlich scheint das nicht. Manchmal muss Heintz persönlich bei den Krankenkassen vorsprechen, um dieses Recht einzufordern. „Es gibt auch verheiratete Paare. Mit Dokument und Aufenthaltstitel. Und dennoch dauert es manchmal, bis die Frau auch familienversichert ist“, verrät Heintz, deren Posten für die MMM unverzichtbar geworden ist, über das Land vorerst aber nur bis 2027 teilfinanziert wird.
Bei Frauenärzten wird Verstärkung gesucht
Zum Großteil ist die ehrenamtliche Einrichtung über Spenden finanziert. Auch mit Zahnärzten, Neurologen und Orthopäden als Kooperationspartner ist man vernetzt. „Bei den Frauenärzten wird noch dringend Verstärkung gesucht“, sagt Kluding-Münch und erinnert sich: Eine junge Frau, die seit der russischen Invasion in Mannheim lebt, holte ihre Mutter aus der Ukraine, verpasste es aber, sie rechtzeitig anzumelden. „Dann bekam sie einen Herzinfarkt und war nicht versichert. Wir konnten helfen, auch finanziell. Sie hatte vor Freude geweint und wollte uns bekochen.“ Jetzt ist sie krankenversichert.
„Können wir trotzdem wieder kommen?“, fragen die frisch Versicherten dann oft. „Das geht leider nicht“, müssen die Gynäkologin und ihre Kollegen auf die wohl größte Anerkennung antworten. Denn es warten schon wieder andere Patienten ohne Schutz, die dringend Hilfe benötigen.