Mannheim
Maryam Aras mit „Dinosaurierkind“ bei lesen.hören
Dinosaurier, das ist eine ausgestorbene Tiergattung der Vorzeit. „Dinosaurier“, so wurden auch die vor der Diktatur Schah Mohammad Reza Pahlavi ins Exil Geflüchteten genannt. Maryam Aras, 1982 in Köln geboren, ist die Tochter eines solchen „Dinosauriers“. Auf die Spur der politischen Vergangenheit ihres Vaters kam sie zufällig bei einem Kinobesuch durch den Clip eines Schweizer Filmemachers, der einen Tag vor dem 2. Juni 1967 an der Freien Universität in Westberlin gedreht wurde. Der 2. Juni selbst wurde dann zu einem einschneidenden Datum in der Geschichte der Bundesrepublik.
Damals wurde der heftig umstrittene Staatsbesuch des Schahs mit gewalttätigen sogenannten Jubelpersern von schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und studentischen Organisationen begleitet. Der Student Benno Ohnesorg wurde von einem Polizisten, der sich erst viele Jahre nach der Wende als eingeschleuster agent provocateur des DDR-Geheimdienstes herausstellte, mit einem Kopfschuss auf offener Straße geradezu hingerichtet. Die Studentenbewegung radikalisierte sich daraufhin, und aus ihr ging die „Baader-Meinhof-Bande“ hervor, die der Bundesrepublik den Krieg erklärte und den Staat viele Jahre lang mit Terroraktionen herausforderte.
In Vergessenheit geratene Geschichte
Das Gesicht ihres damals 23-jährigen Vaters konnte Maryam Aras in dem Clip nur wenige Sekunden sehen. Kaum blickt er in die Kamera, bedeckt der Exilant es auch schon mit der Hand aus Angst, der Verfassungsschutz könnte sein Foto an den Geheimdienst des Schahs weitergeben. Während ihr Vater, auf den Film angesprochen, die iranische Exilbewegung, besonders aber seine eigene Rolle darin als unbedeutend einschätzte, machte sich Maryam Aras an die Aufarbeitung. Die Geschichte der studentischen Exiliraner sei weitgehend in Vergessenheit geraten und von den weittragenden Folgen überlagert worden, bedauert sie. Aus den Recherchen ging ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Dinosaurierkind“ hervor, für den sie mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet wurde.
Inzwischen haben die ständigen innen- und außenpolitischen Verwicklungen mit dem Iran, die Furcht vor dessen Atomprogramm und die Empörung über das jüngste äußerst brutale und skrupellose Vorgehen des despotischen Mullah-Regimes gegen einen Volksaufstand mit tausenden Ermordeten und Hingerichteten ihrem „literarischen Essay“ ein breites Publikumsinteresse beschert.
Mischung aus Erzählung und Dokumentation
Sie habe keine Dokumentation geschrieben, betonte die Autorin im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy, legte andererseits aber Wert darauf, dass das Buch auch keine Fiktion sei. Sie habe sich in verschiedenen Darstellungsformen versucht und schließlich ihre Befriedigung in einer lockeren Mischung aus Erzählung, Dokumentation und eigenen Reflexionen gefunden. Herausgekommen ist ein „dezentrales Erzählen“, wie sie selbst sagte. Kostproben aus dem literarisch anspruchsvollen Buch trug die Dichterin und gebürtige Iranerin Tanasgol Sabbagh sehr einfühlsam vor, eine Passage mit den Anmerkungen des Vaters auch im Wechsel mit der Autorin.
Das Buch schildert die Ankunft ihres Vaters 1964 in München und den Umzug nach Köln 1968, wo er sich an der Technischen Hochschule für Maschinenbau einschrieb und für den WDR arbeitete. Und es schildert die Anfang der 60er Jahre gegründete „Konföderation iranischer Studenten“, die damals bedeutendste Exilopposition gegen das Schah-Regime in Westeuropa und den USA. Ihr eigenes Verhältnis zum Iran, das sie nur aus Urlaubsaufenthalten kennt, beschrieb Maryam Aras als eines zwischen Sehnsucht und Demut, Demut gegenüber den Menschen, die dort im Widerstand ihr Leben riskieren.
Jüngste Vergangenheit des Irans wird nicht thematisiert
Leider ließ die Veranstaltung die tragische Geschichte der jüngsten Vergangenheit des Irans völlig außer Acht. Nach dem Sturz des demokratisch gewählten Premierministers Mohammad Mossadegh mit Hilfe des britischen und US-amerikanischen Geheimdienstes aufgrund der Verstaatlichung der Ölindustrie errichtete der Schah 1953 sein despotisches Regime. In der islamischen Revolution 1979 trieb ihn Ayatollah Khomeini ins amerikanische Exil und errichtete die iranische Republik. Sein „Gottesstaat“ erwies sich indes als nicht minder diktatorisch. Jetzt strebt der Sohn des Schahs zurück an die Macht. Die Veranstaltung endete mit einer Schilderung des Massakers an der aufständischen Bevölkerung im Januar in einem fiktiven Telefongespräch. „Das ist alles so sinnlos, murmelt sie.“ Mit diesem Satz schloss die Veranstaltung.