Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Mannheimer Arzt wird Schriftsteller auf Mallorca

Die Zeichen stehen für Stefan Kassner auf Neuanfang.
Die Zeichen stehen für Stefan Kassner auf Neuanfang.

Wenn Stefan Kassner in seiner Mannheimer Arztpraxis aus dem Fenster schaut, sieht er den Wasserturm, den Rosengarten, die Kunsthalle. Diesen Blick gibt der 42-Jährige nun auf. Und seine bisherige Existenz gleich mit.

Kaum hat man die HNO-Praxis im obersten Stockwerk eines Gebäudes am Ende (oder am Beginn) der Planken betreten, wuselt auch schon ein quirliger kleiner Hund um die eigenen Beine herum. Goliath ist der Name des zweijährigen Boston Terriers – ein Name, der den Beweis für den Humor seines Herrchens liefert. Aufgeregt springt er durch die Praxisräume. Vielleicht hat sie ihn angesteckt, die allgemeine Stimmung des Aufbruchs und Neuanfangs, die in den Räumen zu spüren ist. „Am schwersten ist es, mich von meinen vier Mitarbeiterinnen zu verabschieden“, sagt Stefan Kassner. „Zum Glück hat mein Nachfolger sie alle übernehmen können.“ Am 30. September übergibt Kassner die Praxis, am 31. Oktober setzt er sich in ein Flugzeug, Ziel: seine neue Heimat Mallorca. Mehr als 20 Jahre, nachdem er aus Mönchengladbach zum Studium nach Heidelberg gekommen ist, verlässt er die Rhein-Neckar-Region.

„Kann man davon leben?“

Wenn Kassner dieser Tage seinen Patientinnen und Patienten erzählt, dass er die Arzt-Existenz gegen die als freier Schriftsteller eintauscht, erntet er Bedauern, ungläubige Blicke und manchmal auch einen Anflug von Neid, dass er es einfach macht: aussteigen, alles loslassen, der eigenen Passion folgen. Und es wird ihm immer wieder diese eine Frage gestellt, die Künstler und Geisteswissenschaftler so gut kennen und die ein Arzt vermutlich nie hört: „Kann man davon leben?“

Blauäugig wirkt der 42-Jährige nicht: „Ich weiß, dass ich eine Zeit brauchen werde, um mich zu etabliere, aber ich bin fest entschlossen.“ Veröffentlicht hat er bisher die Anekdotensammlung „Let’s Talk about Medicine: Die Motte aus der Vagina“ und die Mannheimer Gay-Romanze „Kein Platz für die Liebe“. Sieben (!) weitere Projekte hat er fertig, vom Regionalkrimi bis zum Fantasyroman, Gruseliges zu Halloween, Weihnachtliches, eine Novelle aus der Sicht (s)eines Hundes: Er ist breit aufgestellt – und man mag sich gar nicht seinen Output ausmalen, wenn er nicht mehr hauptberuflich eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis leitet.

Startschuss vor eineinhalb Jahren

Mallorca hat Kassner – Stefan S. Kassner, wie er sich als Autor nennt – auch deswegen auserkoren, weil seine Literaturagentin dort lebt. Vor eineinhalb Jahren von ihr unter Vertrag genommen zu werden, gab den Startschuss für den Neuanfang. Schon vorher hatte er in einem Fernlehrgang seinen ersten, bisher unveröffentlichten Roman geschrieben. Gespürt hat er aber schon immer, als Jugendlicher und während des langen und harten Medizinstudiums, dass er insgeheim eigentlich lieber den Weg des Schriftstellers einschlagen würde. „Dafür brauche ich auch gar keinen großen Apparat“, sagt er. „Ich habe gar keine so großen Bedürfnisse. Ich will einfach gerne schreiben.“

Termin

Seinen Roman „Kein Platz für die Liebe“ stellt Stefan Kassner am Freitag, 12. August, 20.30 Uhr, bei einer Lesung bei Thalia am Mannheimer Paradeplatz vor.

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