Ludwigshafen „Man streicht das eigene Kulturgut“
Es gibt auch Lieder von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, die sehr kunstvoll sind. Aber wer konnte und wollte in der damaligen Zeit nach 16 Stunden Arbeit nach Feierabend noch einen vierstimmigen Chorsatz singen? Die einfachen Melodien haben sich deshalb durchgesetzt. Es sind Lieder, die man schnell mitsingen kann. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ ist noch mal etwas Besonderes. Bei den Sozialdemokraten war es ein ungeschriebenes Gesetz: Am Ende einer Veranstaltung ist man aufgestanden, hat sich an der Hand genommen und gesungen. Die Lieder haben wirklich Kraft. In den Konzentrationslagern hat das Lied geholfen, durchzuhalten. Sind Arbeiterlieder noch zeitgemäß? Ich benutze da als Beispiel gerne das von Brecht und Eisler geschriebene „Einheitsfrontlied“. Der Text ist 1933 entstanden. „Der Mensch braucht was zum essen, bitte sehr, der Mensch braucht Kleider und Schuh, der Mensch hat Stiefel im Gesicht nicht gern.“ Die letzte Strophe besagt, dass der Arbeiter sich nur selbst befreien kann, indem er sich wehrt. Das könnte gestern geschrieben worden sein. Den Mindestlohn gibt es ja noch nicht so lange und es gibt immer noch Leute, die für sehr wenig Geld arbeiten und schlecht leben. Auch bei uns. Sie waren bei verschiedenen Tarifstreiks musikalisch im Einsatz. Was waren prägende Erlebnisse? 1984, als für die 35-Stunden-Woche gekämpft wurde, stand ich acht Wochen lang fast jede Woche vor einem anderen Fabriktor. Da hätten Sie mal die Leute sehen müssen. Sie werden motiviert. Es entsteht eine Gemeinsamkeit, die schwer zu beschreiben ist. Die Lieder lassen einen durchhalten, ob’s regnet oder schneit. Sie führen zusammen, schaffen Identifikation, machen Mut und sind hörbarer Ausdruck der Gemeinsamkeit und der Solidarität. Wie oft haben Sie im Ebertpark schon am 1. Mai gesungen? Seit ich denken kann. Zuerst im Duo und, seitdem ich vor elf Jahren den Arbeitskreis Demokratisches Volkslied gegründet habe, mit denen jedes Jahr. In diesem Jahr spielt eine Rockband und Sie wurden nicht engagiert. Darüber haben Sie sich geärgert. Wir waren zunächst engagiert, dann hat man sich für die Band entschieden. Jetzt singen wir in Bad Dürkheim und einige Leute, die sonst nach Ludwigshafen kommen, gehen da hin. Aber darum geht es mir nicht! Meinetwegen soll jemand anderes singen. Alleine im Mai habe ich acht Termine. Ich habe keine Langeweile. Mir geht es wirklich nur um diese Lieder. Ich finde es nicht richtig, dass man dieses Kulturgut gerade an einem solchen Tag streicht. Die Band könnte ja traditionelle Arbeiterlieder modern interpretieren. Das wäre schön! Es kommen Leute zum 1. Mai extra wegen der Lieder. In der Vergangenheit war neben uns auch eine Band dabei. Da spricht nichts dagegen. Man hat einen politischen Inhalt und im Anschluss kann man feiern. Ich kritisiere lediglich den Beschluss des 1.-Mai-Ausschusses, dass man dieses Liedgut streicht. Kraft, Überzeugung, Spaß, Gemeinsamkeit, Geschichtsunterricht, Hintergründe erläutern – singen ist eine Verständigungsform, die durch nichts zu ersetzen ist. Wenn man sein eigenes Kulturgut streicht, streicht man sich selbst. Sie engagieren sich auch gegen Rechts. „Nazis verpisst Euch“ ist Ihr passendes Lied dazu. Was kann man mit Musik heutzutage noch bewegen? Wenn ich den Text singe „Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch“ wie in Ludwigshafen zuletzt auf dem Theaterplatz vorm Pfalzbau, dann singt man mit. Man vereint sich in diesem Moment, ist gemeinsam gut drauf. Bei so einer Veranstaltung hat man irgendwann genug Reden und Worte gehört. Man kann durch Lieder Themen an junge und alte Menschen bringen. Als Gewerkschafter wünsche ich mir von den Gewerkschaften, diese Kultur mehr zu fördern, anstatt sie zu streichen und hoffe, dass 2020 wieder Arbeiterlieder im Eberpark zu hören sind.