Mannheim
Mama und Papa sind ständig betrunken: Eine Frau erzählt von der Sucht ihrer Eltern
Der 23-jährigen Leo M. (Name von der Redaktion geändert) ist es ein Anliegen, dass darüber gesprochen wird, was Sucht mit Familien und insbesondere mit Kindern macht.
In ihrem Fall ist es die Alkoholsucht der Eltern, die für sie und ihre drei Jahre ältere Schwester von klein auf zum Alltag gehörte, wie sie in den Räumen von „Kisiko“ – Kinder sind kompetent, einem Unterstützungsangebot der Caritas-Suchthilfe Mannheim für Kinder und Jugendliche – erzählt. Dort hilft man Kindern aus suchtbelasteten Familien. „Kinder deren Eltern von Alkohol, Medikamenten oder Drogen abhängig sind, geraten in eine Situation aus Überforderung, Hilflosigkeit, Angst, Unsicherheit und Scham“, weiß „Kisiko“-Mitarbeiterin Charlotte Zimmer und betont zugleich, dass das Thema alle gesellschaftlichen Schichten betrifft.
„Ich wusste nicht, dass es eine solche Anlaufstelle gibt, sonst hätte ich sie sofort in Anspruch genommen“, sagt Leo, deren Eltern mit der Entzugstherapie anfingen, als sie selbst bereits volljährig war. Einmal habe sie sich einer Lehrerin anvertraut. „Da war ich sechzehn, der Leidensdruck war hoch, ich hatte Angst, die Schule nicht zu schaffen“, erinnert sie sich. Doch weil die Lehrerin ihre Mutter als engagiert und stets präsent wahrnahm, erschien es ihr nicht vorstellbar, sie mit Alkoholsucht in Verbindung zu bringen. Leos Hilferuf blieb ungehört. Etwa zwei Jahre zuvor hatten die Schwestern einen Brief an die Eltern geschrieben und sie aufgefordert, mit dem Trinken aufhören, sonst würden sie zum Jugendamt gehen. „Es blieb eine leere Drohung“, erinnert sich Leo, die in dieser Zeit bereits unter Depressionen und Angststörungen litt, und nach einem Suizidversuch mit zwölf Jahren selbst ins Krankenhaus kam.
„Waren finanziell gut versorgt“
Der Brief bewirkte, dass die Eltern versuchten, ihren Alkoholkonsum vor den Kindern zu verheimlichen. „Unsere Mutter hat weiterhin regelmäßig gekocht. Beide Elternteile sind arbeiten gegangen, wir waren materiell und finanziell gut versorgt“, sagt Leo. Vermutlich, weil nach außen hin alles funktionierte, wollte oder konnte niemand im familiären oder sozialen Umfeld das Offensichtliche aussprechen. Leo und ihre Schwester hingegen waren täglich damit konfrontiert, wie der Alkohol ihre Eltern veränderte: Während der Vater sich meist in sich zurückzog, sei die Mutter fast kindisch geworden, habe viel vergessen und immer wieder dasselbe gefragt. Zwischen den beiden habe keine laute oder körperliche Aggressivität geherrscht, sondern eine emotionale Kälte.
„Diese Lügerei und das Herunterspielen machte es für mich sogar noch schlimmer“, beschreibt Leo, wie sie die heimliche Trinkerei und das Abstreiten empfunden hat. Aus Traurigkeit wird unmäßige Wut, insbesondere auf die Mutter, die sich auf kein Gespräch einlassen wollte und später auch zu Wodka griff. „Zu dieser Zeit habe ich sie nur angeschrien, bin auch körperlich auf sie losgegangen, weil ich sie nicht mehr erreichen konnte“, sagt die Tochter. Als sie eines Tages mit ihrer Mutter telefoniert habe, während diese unverkennbar alkoholisiert am Steuer gesessen habe, habe sie die Polizei angerufen. „Ich hätte mir nie verziehen, wenn durch sie jemand zu Schaden gekommen wäre“, berichtet sie vom daraus folgenden Führerscheinentzug der Mutter und der Maßgabe ihres Arbeitgebers, sich einer stationären Therapie zu unterziehen. Leos Vater begann einige Zeit später auf eigene Initiative eine ambulante Therapie bei der Mannheimer Caritas-Suchthilfe.
Postraumatische Belastungsstörung
Leo ist stolz auf ihre Eltern, dass sie es nach so vielen Jahren geschafft haben, von ihrer Sucht loszukommen, und seit vier Jahren als trockene Alkoholiker gelten. Wenngleich ihr „innerer Teenager“ manchmal schon noch auf Rache sinne. Denn ihre Kindheit hat bis heute psychische Spuren hinterlassen, die sich unter anderem in einer posttraumatischen Belastungsstörung äußern. Doch die erwachsene Leo, die ihr Abi mit 1,2 machte, ein Fernstudium abschloss und im Berufsleben steht, weiß auch um ihre eigenen Stärken. „Ich spreche offen über das alles, um anderen zu helfen, aber auch, weil der Konsum von Alkohol gesellschaftlich immer noch heruntergespielt wird“, sagt sie und bietet Charlotte Zimmer an, gerne auch im Rahmen der Caritas-Suchtpräventionsangebote an Schulen über das Erlebte zu berichten.
Um Kindern aus suchtbelasteten Familien zu helfen, bedarf es nach Einschätzung von Zimmer eines aufmerksamen Umfelds. Das könnten Angehörige ebenso sein wie Erzieher, Lehrer, Schulsozialarbeiter oder Übungsleiter im Verein. „Im Idealfall merken Eltern selbst, dass ihr Konsum außer Kontrolle gerät, wenden sich direkt an uns oder auch ans Jugendamt“, sagt sie. Dieses Reagieren im Sinne der Kinder sei so wichtig, da Studien zeigen, dass zwei Drittel von ihnen als Erwachsene selbst sucht- oder psychisch krank werden. „Kisiko“ will ihnen einen geschützten Raum bieten, wo sie in altersgerechter Weise ihre Erfahrungen und Erlebnisse verarbeiten können. Neben dem Austausch mit anderen, erhalten sie kindgerechte Informationen zum Thema Sucht. Ziele sind die Entlastung von Schuldgefühlen und die Stärkung des Selbstvertrauens.
Kontakt
Kisiko – Kinder sind kompetent, in D 7, 5, 68159 Mannheim, Telefon: 0621 12506-117, Mail kisiko@caritas-mannheim.de.