Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Mal im Bademantel, mal ein Wochenrückblick im Video: ein Landrat auf der Jagd nach Likes

Kamera läuft! Landrat Volker Knörr, Anita Lozina und Lisa Cichuttek bei den Aufnahmen für einen Social-Media-Beitrag.
Kamera läuft! Landrat Volker Knörr, Anita Lozina und Lisa Cichuttek bei den Aufnahmen für einen Social-Media-Beitrag.

Viel Traffic auf den Kanälen des Rhein-Pfalz-Kreises. Volker Knörr postet seit Monaten täglich auf Instagram und Facebook. Dabei verschwimmen die Grenzen zum Privaten.

„Yes!“, ruft Landrat Volker Knörr (CDU) laut und ballt die Faust zur Siegerpose. Nein, er ist nicht auf dem „Betze“. Der Freudenausbruch überkam ihn im dritten Geschoss des Kreishauses vor seinem Büro. Die Aufnahmen für das Wochen-Update – ein Wochenrückblick und -ausblick – sind im Kasten. Oder besser gesagt: auf dem Handy von Lisa Cichuttek. Sie ist seit Januar „die Neue“ im Ressort Öffentlichkeitsarbeit der Kreisverwaltung und verantwortlich für die Veröffentlichungen über die Sozialen Medien.

Vier Anläufe hat Volker Knörr gebraucht für ein etwa einminütiges Video. In dem wird berichtet, was die Höhepunkte in dieser Woche waren und welche besonderen Termine in der kommenden Woche in seinem Kalender stehen. Jeder, der selbst einmal in eine Kamera gesprochen hat, weiß: Das ist nicht so einfach. Vor allem, wenn man – wie der Landrat – frei sprechen muss. Nur ein kleiner blauer Zettel klebt am Gimbel, einer Handystabilisierung für die Kamera, von Lisa Cichuttek, damit auch kein Thema vergessen wird. Hinter ihr steht Anita Lozina, Pressesprecherin der Kreisverwaltung. Sie beide sind die kritischen „Regisseurinnen“. „Du hast vergessen, zu erwähnen …“ Nun ein Versprecher! Also, noch mal! Und dann wird Volker Knörr zu seinem größten Kritiker. „Nee, das war nicht gut. Das machen wir jetzt noch mal von vorn!“

Was macht der so?

Seit Anfang des Jahres ist vom Landrat auf dem Instagram- und Facebook-Account des Rhein-Pfalz-Kreises täglich etwas zu erfahren. Neben dem Wochen-Update sind es zum Beispiel kurze Videos von größeren Veranstaltungen, Fotos von Terminen, aber auch Ankündigungen von Terminen des Kreises. Für diesen Output sei im Haushalt – noch unter Alt-Landrat Clemens Körner (CDU) – extra eine halbe Stelle geschaffen worden. Das habe Volker Knörr am Herzen gelegen. „Für mich war von Anfang an klar, dass wir solche Formate machen müssen, das ist in der heutigen Zeit absolut wichtig“, sagt er. Denn: Informationen würden von den jüngeren Generationen kaum noch über Printmedien wahrgenommen werden, sondern über das Internet und die Sozialen Medien. „Ich habe ja selbst Kinder“, sagt er. Die meisten jüngeren Kreisbürger wüssten vielleicht noch, was der Job eines Bürgermeisters ist. „Das Amt des Landrats ist für viele aber doch abstrakt“, sagt Knörr. Die Menschen sollen wissen, was er so den ganzen Tag macht.

Aus der Kameraperspektive: ein Ausschnitt aus dem Wochen-Update.
Aus der Kameraperspektive: ein Ausschnitt aus dem Wochen-Update.

Solche Formate haben die typische Pressearbeit ergänzt. Das sind die originären Aufgaben von Anita Lozina und Swea Münch. Diese Arbeit sei vorwiegend reaktiv. „Über die Sozialen Medien können wir auch proaktiv Inhalte vermitteln“, sagt der Landrat. Und es werde auch ein Stück weit Service geboten. Es können zum Beispiel Links zu Veranstaltungen oder Kontaktinformationen gepostet werden.

TikTok-Kanal liegt brach

Das Wochen-Update als regelmäßiger Post war für den Landrat von Anfang an gesetzt. Alle anderen Beiträge werden in der Regel redaktionell für vier Wochen geplant. Zudem werden offene Stellen über die Storys beworben, zusätzlich zu den klassischen Bewerbungsportalen. „Das ist enorm wichtig, um junge Nachwuchskräfte zu gewinnen“, sagt der Landrat.

Was auf Instagram gepostet wird, wird parallel auch auf Facebook ausgespielt. Facebook-User sind laut Lisa Cichuttek die größte Zielgruppe, die die Kreisverwaltung erreichen möchte, zweitgrößter Kanal sei dahingehend Instagram. Bei LinkedIn – einem rein beruflichen Netzwerkportal – möchte der Kreis schon bald als Arbeitgeber starten, um Stellen zu besetzen. TikTok, das vorwiegend von unter 25-Jährigen genutzt wird, liege derzeit noch brach. „Dennoch ist es wichtig, man darf es nicht ignorieren“, sagt seine Social-Media-Beauftragte Lisa Cichuttek. Doch die begrenzte Arbeitskapazität in der Abteilung erfordere es, die Prioritäten auf die derzeit bespielten Kanäle zu legen.

Verzerrtes Bild

Und das habe Erfolg: „Die Beiträge kommen sehr gut an, wir haben durchweg positive Resonanz, auch bei der Belegschaft“, sagt Anita Lozina. Die Auswertungen zeigten, dass sich viele Personen die Beiträge anschauen, gelikt werden diese weniger. Die Zahlen der Follower auf Instagram und Facebook seien deutlich gestiegen: Auf Facebook zum Beispiel um etwa 470 auf rund 6350. Etwa 484.000 Aufrufe werden bei Instagram verzeichnet, eine Steigerung seit Januar um gut 330 Prozent.

Noch mal kurz den Themenzettel checken!
Noch mal kurz den Themenzettel checken!

Klar ist aber auch: Es werden nur Ausschnitte – die Höhepunkte – gezeigt. Und das könne die Außenwirkung verzerren, gibt Knörr zu. Scrollt man durch die Beiträge und Reels, könnte man meinen, der Landrat sei immer auf Achse, auf Veranstaltungen, ehre Menschen und schüttle viele Hände. Sitzungen und Papierkram am Schreibtisch eignen sich eben nicht für spannende Bewegtbilder. Das hat Volker Knörr dann auch zum Thema eines Beitrags gemacht.

Langweiliges spannend machen

Die Wahrnehmung sei mitunter schwierig einzuschätzen, und Reaktionen seien manchmal überraschend. So habe es zum Beispiel Kritik gegeben, dass auf dem Foto zu den Ehrungen für die Dienstjubiläen „nur“ Männer zu sehen waren. Das Bild der Kreisverwaltung als reinen „Männerladen“ machte die Runde. Es seien aber auch Frauen geehrt worden, erläutert der Landrat, doch sie waren verhindert. Auch solche Erfahrungen seien für das Team wichtig.

Kleine Manöverkritik vor der nächsten Aufnahme.
Kleine Manöverkritik vor der nächsten Aufnahme.

Lisa Cichuttek ist gelernte Mediengestalterin und hat bei einer Werbeagentur gearbeitet. Die 33-Jährige möchte das Konzept ausbauen, auch klassische und vermeintlich langweilige Themen nicht außen vor lassen. Gut aufbereitet können auch diese Reichweite haben, sagt sie: „Unser erfolgreichster Beitrag mit über 100.000 Klicks war der über die neuen Altkleidercontainer.“ Darin erklären die Verantwortlichen am Container, was sich geändert hat. Ihr nächstes Projekt: die Heimatmuseen – 25 gibt es im Kreis – über Beiträge den jungen Menschen näherbringen. „Das sind tolle Einrichtungen für Familien, die diese Zielgruppe kaum kennt“, ist sie überzeugt.

Privates gehört dazu

Nach den ersten drei Monaten sind der Landrat und sein Team mittlerweile routiniert. Doch wo sind die Grenzen? Vor Kurzem grüßte Volker Knörr mit seiner Frau über seinen persönlichen Instagram-Account aus der Therme – im Bademantel. „Wenn man Landrat ist, verschwimmen die Grenzen, man ist nur noch wenig privat“, sagt er. Über die Sozialen Medien soll auch der private Volker Knörr gezeigt werden: „Ich möchte nicht das Bild vermitteln, ich sei der Dauer-Schaffer, der supertolle Landrat. Das Private gehört dazu.“ Ja, es habe da schon im Bekanntenkreis die eine oder andere Bemerkung gegeben. Volker Knörr habe dennoch seine Linie beibehalten: eine gute Mischung aus Privatem und Beruflichem zeigen. Auch seine Frau habe da keine Berührungsängste. „Wir sind damit gewachsen“, sagt er. Dennoch sei er wachsam: „Mein privater Account zum Beispiel ist nicht öffentlich.“ Nur seine Follower sehen dort seine Beiträge, zum Beispiel die Wochen-Updates.

Das aktuelle muss noch aufbereitet werden. Bis zu zwei Stunden benötigt Lisa Cichuttek dafür, dann geht es am selben Tag online. Zwar ohne Siegerpose, aber mit vielen Infos aus dem Kreis.

x