Meinung
Männer ohne Nerven: Wer entlang der BASF riskiert, vom Blitz getroffen zu werden
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Werden Routinen durchbrochen, sorgt das oft für Irritationen – auch im Straßenverkehr. Beispiel L523 im Norden von Ludwigshafen: Sie wird inzwischen nur noch als „Blitzerstrecke“ bezeichnet, seit dort das Tempolimit im Februar von ursprünglich 100 auf 50 Stundenkilometer drastisch gesenkt wurde.
Und weil viele Autofahrer, die auf der stark frequentierten Route bei Oppau entlang der BASF unterwegs sind, davon ziemlich überrascht wurden, schnappte die Radarfalle häufig zu, sprich: Tausende wurden geblitzt, Hunderte verloren den Führerschein. Der Ärger war groß, der Frust saß tief. Klar, dass dieses Aufregerthema auch die Politik erreichte: am Montag im Bauausschuss.
Fehlendes Fingerspitzengefühl
In der Sitzung zeigte CDU-Sprecher Peter Uebel zwar viel Verständnis dafür, dass auf der nach Frostschäden im Januar mit tiefen und scharfkantigen Schlaglöchern übersäten L523 die Geschwindigkeit gedrosselt werden musste – um weitere Schäden zu verhindern und Pkw-Fahrer sowie Biker vor Unfällen zu schützen.
Weil alle Motorisierten natürlich auch Wähler sind, zeigte der Christdemokrat aber mindestens so viel Verständnis für die Interessen jener, die zu schnell erwischt wurden. Uebel sprach von „drakonischen Kontrollen“ und fehlendem Fingerspitzengefühl der Behörden bei der abrupten Temporeduzierung. Zudem seien die neuen 50er-Schilder viel zu klein, zumindest aber nicht sonderlich auffällig gewesen.
Oberbürgermeister und Parteikollege Klaus Blettner nahm sich daraufhin gleich mal selbst aus der Schusslinie, indem er darauf hinwies, dass die konsequente Verkehrsüberwachung des Landes vor Ort nicht mit der Stadt abgesprochen gewesen sei. Den Temposündern gab er aber auch einen mit, als er in der Raum stellte, dass zu viel Handykonsum am Steuer durchaus von den geltenden Regeln und Hinweisen ablenken könnte.
Zumindest Bau- und Umweltdezernent Alexander Thewalt (parteilos) räumte ein, dass die Ad-hoc-Beschilderung nicht optimal gewesen sei – und versprach Besserung. Denn das Tempolimit 50 bleibt mindestens bis Ende Juli bestehen. Bis dahin, genauer gesagt: in den ersten vier Wochen der Sommerferien, soll die Holperpiste für schlanke 12,5 Millionen Euro saniert werden. Heißt im Klartext: Die Bedingungen auf der L523 sollte man weiter auf dem Radar haben, um nicht vom Blitz getroffen zu werden.
Enges Zeitfenster
Problem bei den Bauarbeiten: das enge Zeitfenster. Der Puffer bis zum Start des vier Jahre dauernden Eingriffs am Nordbrückenkopf der Kurt-Schumacher-Brücke beträgt nämlich nur ein Woche – und noch sind die Arbeiten nicht ausgeschrieben. Nicht wenige Politiker äußerten noch während, aber auch nach der Sitzung Zweifel daran, ob das alles wirklich hinhaut. Klappt das nicht mit dem sportlichen Sanierungsprogramm für die L523, dann droht der Stadt womöglich ein mittleres bis großes Verkehrschaos – angesichts der Megabaustelle am Rhein, die zum Beispiel die Sperrung der Rheinuferstraße und zahlreiche Umleitungen nach sich zieht. An sich schon ein Brett.
Der Beigeordnete bleibt entspannt
Aber im Dicke-Bretter-Bohren ist Ludwigshafen ja bekanntlich mindestens Weltmeister – dachte sich wohl auch Beigeordneter Thewalt, der entspannt blieb. Bei dem Kostenvolumen lohne sich das L523-Projekt für jedes Unternehmen, und im Umfeld werde sich schon eines finden, das freie Kapazitäten habe. So war sinngemäß seine in Zuversicht getränkte Reaktion. Kategorie: Männer ohne Nerven.
Viele Schlaglöcher, drohende Strafprotokolle: Bei Auto-, Lkw- und Motorradfahrern sollte sich die Lage an der L523 so langsam herumgesprochen haben – also Fuß oder Hand vom Gas. Kleiner Tipp am Rande für die Uneinsichtigen, die sich durchs Bremsen nicht die Felgen dreckig machen wollen: Ob dein Tacho richtig geht, siehst du, wenn das Blitzlicht angeht.