Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Luftschutzbunker und Mülltrennung: Neuer Integrationskurs hilft bei Alltagsfragen

Nochmal die Schulbank drücken – für wichtiges Alltagswissen.
Nochmal die Schulbank drücken – für wichtiges Alltagswissen.

Häufig fehlt Alltagwissen, wenn Menschen neu in Deutschland sind. Mit dem „Blauen Anker“ hilft die VHS jetzt bei den grundsätzlichen Fragen – in Muttersprache.

„Ich kenne den Schmerz“, sagt Saima Mahmood. Die 47-Jährige arbeitet in der Abteilung Integration der Stadtverwaltung. Mit Schmerz meint sie Schwierigkeiten, die sie hatte, als sie vor vielen Jahren nach Deutschland kam – und bei vielen Dingen einfach nicht wusste, wie es läuft. Vor zwei Jahren begann sie deswegen damit, eine neue Art der Integrationsveranstaltung zu entwickeln, bei der es ausdrücklich um die Vermittlung von Grund- und Alltagswissen geht. Ein wichtiger Punkt: die Vermittlung von Informationen in der Muttersprache der Teilnehmer. „Solche Infos habe ich nicht gehabt“, sagt Mahmood. Viele Tage und Nächte habe sie in Konzept, Planung und Durchführung des „Blauen Ankers“ gesteckt. Am Freitag konnten die ersten offiziellen Absolventen ihre Teilnahmeurkunden entgegennehmen.

Wo sind Ämter – und Bunker?

15 Geflüchtete aus der Ukraine sind es, die an zwölf Terminen mit der ehrenamtlichen Dozentin Valentina Sobetska alle Fragen stellen konnten, die sie im Alltag so plagen. Dazu gehörten ganz alltägliche, wie zu Behördengängen: Wo muss man hin, wie stellt man Anträge, wo bekommt man Hilfe? Ganz häufig seien auch Fragen zur Mülltrennung aufgekommen. „Einige wohnen noch in Unterkünften, wo es das für sie gar nicht gibt“, sagt Sobetska. Auch einen Rundgang durch Ludwigshafen zu wichtigen Orten gab es.

„Einmal gab es die Frage, wo man denn hingeht, wenn es einen Drohnenangriff gibt. Da musste ich dann erklären, dass es hier zwar Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg gibt, man die aber nicht benutzen kann.“ Sobetska kam selbst 2013 aus der Ukraine nach Deutschland. Dass man im Rahmen dieses neuen Programms aus nächster Nähe seine eigenen Erfahrungen teilen kann, schätzt die 56-Jährige sehr. Und auch bei den Teilnehmern ist diese Art von Wissensvermittlung wohl gut angekommen: „Sie haben an jedem Termin schon im Raum auf mich gewartet – und gesagt, dass sie ja nicht kommen würden, wenn sie es nicht gut fänden“, sagt Sobetska.

„Hilft, sich zu integrieren“

Das bestätigen auch die Kursteilnehmer. Die meisten von ihnen sind Frauen im mittleren Alter. Valeriia Tsyhankova fand vor allem wichtig, dass der Kurs auf Ukrainisch stattfand. Vor vier Jahren kam sie aus Kiew nach Ludwigshafen, kann sich auf Deutsch unterhalten – trotzdem habe sie viel Neues gelernt, wie sie selbst sagt. Zum Beispiel auch das mit der Mülltrennung. „Aber ich würde gerne noch mehr lernen, zum Beispiel zur Geschichte von Ludwigshafen“, sagt die 57-Jährige.

Hanna Mil hat ihr neu erworbenes Wissen sogar schon genutzt, um Bekannten zu helfen. Die 42-Jährige aus Charkiv arbeitet in einer Kinderkrippe in Mannheim, und habe Freunde mit Kindern im Kita-Alter. „Denen konnte ich erklären, welche Anträge man wo stellen muss“, sagt Mil. Als sie nach Deutschland gekommen sei, habe sie große Angst gehabt – der Kurs habe ihr geholfen. „Ich würde sagen, das hilft sehr dabei, sich zu integrieren“, sagt Mil.

Mehr Kurse in mehr Sprachen

Neben der Teilnahmebescheinigung, die die Absolventen auch in Lebensläufen verwenden könne, bekommen die 15 Teilnehmer auch noch einen großen, blauen Ordner, in dem alle wichtigen Informationen zusammengefasst sind. Dabei soll es aber nicht bleiben, sagt Koordinatorin Mahmood. „Wir haben schon die nächsten Kurse, unter anderem auf Arabisch und Somalisch, geplant, die finden bald statt. Einen zweiten Teil mit dem Titel ’Heimathafen’, der alles nochmal vertiefen soll, erarbeiten wir gerade.“

Auch Unternehmen hätten bereits Interesse an den Kursen gezeigt. Mahmood kann sich vorstellen, auch die mit ins Boot zu holen, und Kurse vor Ort abzuhalten. Das könnte sogar notwendig sein, denn die Finanzierung stehe auf tönernen Füßen, wie der Leiter der Integrationsabteilung Jörn Rebholz sagt. Die erfolgreiche Pilotphase Ende vergangenen Jahres hatte noch die BASF durch Spenden finanziert. Davon braucht es in Zukunft dann noch mehr.

Dozentin Valentina Sobetska (links, 56) und Gesamtkoordinatorin Saima Mahmood (47).
Dozentin Valentina Sobetska (links, 56) und Gesamtkoordinatorin Saima Mahmood (47).
Hanna Mil (42, links) und Valeriia Tsyhankova (57).
Hanna Mil (42, links) und Valeriia Tsyhankova (57).
So sieht der blaue Ordner aus, den die Teilnehmer bekommen. In den Händen hat ihn Leiter Jörn Rebholz.
So sieht der blaue Ordner aus, den die Teilnehmer bekommen. In den Händen hat ihn Leiter Jörn Rebholz.
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