Ludwigshafen Liebesduett für ein Mörderpaar

Nikola Hillebrand als Poppea und Magnus Staveland als Nero.
Nikola Hillebrand als Poppea und Magnus Staveland als Nero.
Gönnt dem Paar kein Happy End: Lorenzo Fioroni.
Gönnt dem Paar kein Happy End: Lorenzo Fioroni.

Diesmal geht es um Liebe und Leidenschaft, Verrat, Betrug und Mord: Mit der „Krönung der Poppea“ wird heute Abend die Monteverdi-Reihe des Mannheimer Nationaltheaters fortgesetzt. Der Politthriller um die skrupellos machtbesessene römische Herrscherin und ihren mordlustigen kaiserlichen Gatten Nero zählt zu den wegweisenden Werken der Operngeschichte. Es spielt das Ensemble „Il gusto barocco“ unter der Leitung von Jörg Halubek, Regie führt Lorenzo Fioroni.

Der in Locarno geborene, an der Hamburger Musikhochschule ausgebildete Regisseur, ehemaliger Mitarbeiter von Ruth Berghaus und Götz Friedrich, arbeitet regelmäßig bei wichtigen Bühnen und Festivals im deutschsprachigen Theaterraum. Für seine Inszenierungen wurde er mit dem Götz-Friedrich-Preis für Regie ausgezeichnet und zweimal für den Theaterpreis „Der Faust“ vorgeschlagen. Fioronis umfangreiches Repertoire reicht von den Ursprüngen der Gattung Musiktheater über Klassik, Romantik und Moderne bis zur Gegenwart. Früher hat er auch Schauspiel inszeniert, derzeit konzentriert sich Fioroni voll auf die Oper. Was auch seiner Ausbildung als Cellist entspricht, der auf eine Konzerttätigkeit zurückblicken kann. Fioroni ist jedenfalls ein brillanter Opernregisseur mit zündendem Bühnentemperament und vor allem überbordender Fantasie. Durch eine überwältigende Dynamik des szenischen Geschehens, einen hinreißenden Bilderreichtum und ganz besonders durch die Vielfalt der Ideen entfalten seine Arbeiten zwingende theatralische Kraft wie etwa seine Auseinandersetzung mit Arrigo Boitos „Mefistofele“ im Herbst 2013 am Mainzer Staatstheater. Mit großer Begeisterung hat der Schweizer Regisseur die Mannheimer Inszenierung der „Krönung der Poppea“ übernommen. „Monteverdis Epoche der Spätrenaissance und Frühbarockzeit“, sagt er, „finde ich aufregend: wegen ihrer Aufbruchstimmung, ihres Pioniergeistes, ihres furchtlosen Willens zur Innovation. Und die römische Geschichte faszinierte mich sogar schon als Kind.“ „Die Krönung der Poppea“ ist fragmentarisch überliefert. Eine Partitur im heutigen Sinne gab es nie. Im Urtext wurden lediglich die Gesangspartien und der Generalbass fixiert, den Rest hatten die Musiker zu improvisieren. Diese Fähigkeit ging allerdings abhanden während der Jahrhunderte. Die Arbeit am Stück vergleicht Fioroni mit der „Rekonstruktion einer antiken Vase, die aus Scherben zusammengesetzt werden soll. Außerdem gibt es in dieser Oper keine lineare Erzählstruktur, stattdessen arbeitet Giovanni Francesco Busenellos Libretto bevorzugt mit Sprüngen und Rückblenden.“ Während der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts, erklärt Fioroni weiter, sei zwar Vieles über Barockmusik und barockes Theater in Erfahrung gebracht worden. „Die authentische Wahrheit dieser Werke lässt sich aber bei aller Akribie nicht feststellen.“ Auf jeden Fall entsprechen nach Fioronis Ansicht die werkfremden Einlagen in der Mannheimer Monteverdi-Inszenierung der frühbarocken Praxis. Die Zwischenspiele sind Kompositionen des venezianischen Renaissance-Großmeisters Giovanni Gabrieli in der Krönungsszene, außerdem von Gesualdo und Michael Praetorius, dazu erklingt venezianische Volksmusik der Renaissancezeit. Venedig, die Stadt der Uraufführung von Monteverdis „Poppea“ im Jahre 1642 im Teatro „Santi Giovanni e Paolo“, spiele übrigens immer wieder eine Rolle in Paul Zollers Bühnenbildern. Wobei es sich nicht um Nachbauten handele, vielmehr um Assoziationen und atmosphärische Anspielungen, während Sabine Blickenstorfers Kostüme von Fioroni als „multiperspektivisch ohne Festlegung“ auf eine bestimmte Epoche bezeichnet werden. Außerdem spricht der Regisseur von Bildern einer „Traumtänzerwelt“. Bei der Sterbeszene von Neros Erzieher und Berater, dem stoischen Philosophen Seneca, der sich auf Neros Befehl das Leben nehmen muss, kann ein kleiner Chor oder ein Vokalquartett mitwirken. Und es kann auch auf beide verzichtet werden. In Mannheim wurde die erste Option gewählt. Ein Kapitel für sich bildet schließlich der Schluss der Oper, mit dem ekstatischen Glück des verbrecherischen Liebespaars Poppea/Nero zu den berückenden Tönen eines Liebesduetts, das zu den allerschönsten, poetischsten und subtilsten des gesamten Repertoires gehört. Es herrschte allgemeines Einverständnis darüber, dass so etwas zu komponieren nur ein Jahrhundertgenie wie Monteverdi fähig gewesen sei. Irren ist menschlich: Inzwischen scheint es nämlich sehr wahrscheinlich, dass das herrliche Duett vom vergessenen venezianischen Komponisten Giovanni Antonio Rigatti stammt. Unabhängig davon bleibt fraglich, ob diese Schlussszene nach all dem vorangegangenen Gräuel, dem zutiefst unmoralischen, mörderischen Plot von Tyrannei, Grausamkeit und Intrige als Happy End zu verstehen sei. Fioroni verneint es. Keineswegs zu Unrecht. Stattdessen spricht er vom Gefühl innerer Leere, von dem die beiden Protagonisten nach ihrem Triumph befallen werden. Termine Premiere heute um 19 Uhr im Mannheimer Opernhaus, weitere Aufführungen am 19., 27. und 28. April, am 5. und 6. Mai, am 5. und 6. Juni.
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