Ludwigshafen
Leute in LU: Vom Pfleger zum Experten für Pflegerecht
Thorsten Müllers Bürowand ist gepflastert mit Auszeichnungen, Abschlusszeugnissen und Urkunden. Er nennt es Angeberei und betont, wie wenig er sich daraus macht – und hat doch zu jedem Rahmen etwas zu erzählen. Die vielen Zertifikate zeugen von seiner Fülle an Kenntnissen und der Breite an Einsätzen, die er als gelernter Fachkrankenpfleger für Intensivmedizin, studierter Pflegewirt und Pflegewissenschaftler mit zahlreichen Zusatzqualifikationen bereits erlebt hat.
Der 63-Jährige hat sein Büro im „Freischwimmer“ in der Pettenkofer Straße 9, dort, wo früher das Hallenbad Nord war, und er arbeitet Tür an Tür mit der Kanzlei VSZ Rechtsanwälte Schabbeck und Partner. Das bedeutet: kurze Wege bei der Arbeit, aber auch für die Erstellung des „Praxishandbuchs Pflegerecht“, das Jan Schabbeck und Thorsten Müller nun in zweiter Auflage herausgegeben haben. Vorgestellt haben es die beiden Autoren kürzlich bei einer Book-Release-Party in der „Lucation“ im Alten Hallenbad und starteten ihre Ausführungen vom Drei-Meter-Brett aus.
Seit 2007 arbeiten Müller und Schabbeck zusammen: Ihr erster gemeinsamer Fall ging schon um Abrechnungsbetrug bei Leistungserbringern. Jahre später kam der Gedanke an eine gemeinsame Veröffentlichung auf. In allgemeinverständlicher Sprache sollten vor allem Pflegefachpersonen Antworten auf ihre rechtlichen Fragen erhalten und juristische Informationen auf täglich auftretende Probleme finden. Das Buch in zweiter Auflage ist erhältlich im Medhochzwei-Verlag für 59 Euro.
Im Gazastreifen und Irak gearbeitet
Müller ist gebürtiger Ludwigshafener und hat nach seiner Ausbildung am Klinikum Ludwigshafen und dem Wehrdienst bei den Sanitätern mit seiner Frau viele Arbeitsbereiche kennengelernt. Er arbeitete unter anderem in Israel, im Gazastreifen und im Irak, als dort die Intifada und der Golfkrieg tobten. Ein Studium an der Katholischen Hochschule in Mainz im Pflegemanagement und auch in der Pflegewissenschaft in Jena schlossen sich an, was ihm die Wege in Führungsebenen von Krankenhäusern und Krankenkassen bahnte. Er entschied sich 2004 dafür, eine eigene Praxis zu eröffnen, und ist seit 2021 außerdem Berufsbetreuer. Krankenpfleger wollte er schon seit seiner Jugend werden, „das ist einer der geilsten Berufe, die es gibt, man sieht viel und kann unheimlich viel machen.“ Dieser habe ihm den Weg ins Ausland und zur Selbstständigkeit geebnet. Er möchte ihn ausüben, so lange er kann.
Seine hauptsächlichen Kunden und Auftraggeber für Gutachten sind Staatsanwaltschaften, Gerichte und die Polizei wegen Pflegefehlern und Abrechnungsbetrugs. Rechtsanwälte kontaktieren ihn wegen verschiedener Gutachten. Zu ihm kommen aber auch Menschen wegen einer Beratung oder Fragen zu Gutachten des Medizinischen Dienstes, einem sogenannten Case-Management, oder Unternehmen wegen einer Beratung zur Prozessoptimierung.
Neutrale Instanz ohne geschäftliche Interessen
Ab Pflegegrad 1 werden seine Leistungen für Krankenversicherte von den Kassen übernommen. Müller hält auch Vorträge vor einem Fach- oder Laienpublikum. Er ist Dozent an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen und der F & U Akademie für Wirtschaft und Soziales in Heidelberg. „Viele Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen und Menschen mit Pflegebedarf kommen gezielt zu mir, weil sie in mir eine neutrale Instanz sehen, die keine geschäftlichen Interessen in der Beratung und Versorgung hat“, sagt er.
Nach einem Hobby gefragt muss Müller kurz lachen und meint: „Mein Hobby ist mein Beruf“. Allerdings entspanne er auch gern mit seiner Frau Karin im gemeinsamen Haus, dem Kleingarten und bei den Katzen. Abends und im Urlaub freue er sich einfach über Ruhe. „Ich bin den ganzen Tag am Babbeln und unter Leuten, ich mache gern Urlaub in der Wüste oder im Kloster.“ Eines seiner Ziele waren die Wanderdünen in Leba oder der Bialowieza-Nationalpark in Polen, aber auch Reiseziele wie das Elsass oder andere Regionen in Frankreich.
Ahrtal-Katastrophe: „Die Ruhe war schlimm“
Besondere Erinnerungen hat Thorsten Müller an die Corona-Zeit und seinen Einsatz während der Flutkatastrophe im Ahrtal. Während der Covid-Pandemie hat er erlebt, wie Menschen seines Berufsstandes über sich hinausgewachsen sind. Der Erkenntnisgewinn und internationale Austausch sei unvergleichlich, „solch eine Pandemie macht man ja hoffentlich nur einmal in seinem Berufsleben mit.“ Mit seiner Frau, die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin und studierte Pflegewirtin und Pflegewissenschaftlerin ist, habe er seine Intensiv-Pflegekenntnisse im Klinikum Ludwigshafen wieder aufgefrischt und stand bereit. Eine Teststelle mit Beauftragung durch das Gesundheitsamt wurde in ihren Räumlichkeiten eröffnet.
Für seinen Einsatz in der Ahrtal-Flut im Juli 2021 als Vorstandsmitglied des ASB Mannheim-Rhein-Neckar wurde ihm eine Medaille vom Bundesinnenministerium verliehen. An die Flutkatastrophe erinnert er sich mit Schrecken: Er kenne Kriegsgebiete, aber solche Verhältnisse im eigenen Land zu erleben, habe ihn tief erschüttert. „Wir sind als Kolonne der Blaulicht-Familie von der Autobahn dorthin gefahren und waren mitten im Chaos, auch die Ruhe dort war schlimm.“ Binnen kürzester Zeit konnten notdürftig die Kommunikationsinfrastruktur, die Straßen und Brücken hergestellt werden. „Die Bundeswehr hat mit ihren Bergepanzern den Schutt beiseitegeschafft, als wäre es Spielzeug“, erinnert er sich. Seither fahren er und seine Frau mindestens einmal jährlich ins Ahrtal, um den Wiederaufbau zu unterstützen und zu verfolgen. Die Solidarität aus dieser Zeit begleitet ihn weiterhin.