Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Landwirte: Warum Erntehelfer keinen Mindestlohn bekommen sollten

Sollen die Saisonarbeitskräfte den vollen Mindestlohn bekommen? Landwirte sagen: nein.
Sollen die Saisonarbeitskräfte den vollen Mindestlohn bekommen? Landwirte sagen: nein.

Alexander Friedrich, Vorsitzender des Bauern- und Winzerverbands im Rhein-Pfalz-Kreis, beklagt im Interview, wie unrentabel Landwirtschaft wird und was das für die Versorgung bedeutet.

Herr Friedrich, das Gutachten des Arbeitsrechtlers Christian Picker kommt zu dem Schluss, dass ein 20-prozentiger Mindestlohnabschlag rechtlich zulässig sei. Das Bundeslandwirtschaftsministerium kam im Juli noch zum gegenteiligen Ergebnis, und auch das Bundesarbeitsministerium hält eine solche Ausnahme für unzulässig. Warum sollte die Politik dem Verbandsgutachten dennoch Gewicht beimessen?
Aus Sicht der Landwirtschaft wäre das eine sehr wichtige Entlastung auf der Ausgabenseite. Alle Betriebskosten sind gestiegen, am meisten aber die Lohnkosten aufgrund des nach und nach angehobenen Mindestlohns. Dieser soll im kommenden Jahr von 13,90 brutto pro Stunde auf 14,60 Euro ansteigen, 2018 lag er noch bei 8,84 Euro. Unsere Kulturen hier in unserer Region werden größtenteils von Saisonarbeitskräften per Handarbeit produziert. Auf die Einnahmenseite haben die Landwirte aber kaum mehr Einfluss, diese zu erhöhen. Wir bekommen die Preise vom Lebensmitteleinzelhandel vorgeschrieben. Hier sehen wir seit Jahren Stillstand. Hinter der Forderung steht das Ziel, dass die heimische Produktion wirtschaftlich bleiben muss.

Wäre der 20-prozentige Abschlag für die Landwirte ausreichend?
Stand heute kann ich sagen: ganz klar, ja! Wir brauchen diese Perspektive, die uns zeigt, dass heimische Produktion wirklich gewollt ist und es sich lohnt, weiterzumachen.

Was hätte es für Konsequenzen für die Region und für Deutschland, wenn weiter der volle Mindestlohn an die Saisonkräfte gezahlt wird?
Langfristig werden bestimmte Kulturen nicht mehr in Deutschland produziert. Das wiederum bedeutet, dass noch mehr Obst und Gemüse importiert wird und wir uns im sensiblen Bereich Lebensmittelversorgung noch mehr in Abhängigkeiten von anderen begeben. Zudem fallen die Arbeitsplätze hier in der Region, aber auch in vorgelagerten Bereichen bundesweit weg. Der von uns gewünschte Abschlag sichert hier Arbeitsplätze.

Arbeitgeber in der Landwirtschaft klagen zunehmend, dass es immer schwieriger wird, genügend Saisonarbeitskräfte anzuwerben. Würde ein Abschlag des deutschen Mindestlohns nicht dieses Problem verschärfen? In den Niederlanden liegt der Mindestlohn zum Beispiel jetzt schon bei etwa 14,70 Euro brutto pro Stunde.
Nein, das glaube ich nicht. Viele Mitarbeiter kommen seit Jahren gerne zu uns, und nicht wenige fühlen sich auch verbunden mit den Betrieben, die sie am Laufen halten. Unabhängig davon sind die Tageslöhne in den Herkunftsländern weitaus geringer. Auch bei einem 20-prozentigen Abschlag ist Deutschland nach wie vor ein attraktiver Standort. Aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass sich der eine oder andere Erntehelfer für ein anderes Land entscheidet. Wir werden dennoch noch genügend Arbeitskräfte finden.

Alexander Friedrich
Alexander Friedrich

Kritiker sagen, es sei nicht gerecht, dass Saisonarbeitskräfte weniger Mindestlohn erhalten sollen. Was antworten Sie diesen?
Saisonkräfte haben deutlich mehr Netto vom Brutto, als ein Arbeiter, der in Deutschland lebt. Wenn Lohnsteuer abgezogen wird, dann ist es ein pauschaler Satz von 25 Prozent. Dieser kann über eine Steuererklärung zurückerstattet werden, wenn das Gesamteinkommen in Deutschland unter dem Grundfreibetrag liegt, was oft der Fall ist. Und: Je nach Dauer der Einsatztage in Deutschland müssen oftmals keine Sozialabgaben gezahlt werden. Bei kurzen Einsätzen entspricht also sehr oft der Bruttolohn dem Nettolohn.

Ist das Absenken des Mindestlohns die einzige Möglichkeit, um die Wirtschaftlichkeit zu erhalten? Oder gibt es Ihrer Meinung nach andere Möglichkeiten, gleiche Bedingungen herzustellen?
Meiner Meinung nach sollten in allen Ländern, die für den europäischen Markt produzieren, die gleichen Standards für den Anbau und die Produktion geschaffen werden. Alle sollten unter gleichen Bedingungen produzieren können, nur so können wir bestehen. Also: Wenn Mindestlohn, dann bitte in allen Ländern auf einem ähnlichen Niveau. Das Gleiche gilt für die Umweltstandards, Sozialstandards, Grenzwerte für den Einsatz von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln oder die Zertifizierungen.

Wären auch mehr Subventionen für die Landwirte für Sie ein gangbarer Weg?
Eigentlich wollen wir Landwirte am liebsten keine Subventionen. Am besten wäre es, wenn wir für unsere Produkte fair und ordentlich bezahlt werden würden.

Würde der Lebensmitteleinzelhandel den Landwirten mehr bezahlen, würde dieser die gestiegenen Einkaufspreise sehr wahrscheinlich an den Endverbraucher weitergeben. Die Menschen klagen schon jetzt über die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Laut Verbraucherzentrale kosten die Lebensmittel rund 30 Prozent mehr als 2021. Könnte das nicht nach hinten losgehen?
Von der Preissteigerung an der Ladentheke haben wir Landwirte aber nichts. Im Gegenteil: Unsere Ausgaben sind immer weiter gestiegen, aber unsere Erlöse nicht. Die höheren Preise werden in der Lebensmittelkette abgeschöpft. Wir als letztes Glied gehen leer aus. Wenn die Wirtschaftlichkeit weiter so sinkt, werden nach und nach Betriebe aufhören. Dass durch die Monopolstellung einiger weniger Lebensmitteleinzelhändler die Preise von diesen diktiert werden, ist ja bereits vom Bundeskartellamt kritisiert worden. Bisher ist aber nicht gegengesteuert worden.

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