Ludwigshafen
Kriminologe über Ludwigshafen: So könnte die Innenstadt sicherer werden
Herr Hermann, kürzlich hat die CDU in Ludwigshafen einen Fünf-Punkte-Plan aufgestellt, um die Sicherheit in der Innenstadt zu verbessern. Was halten Sie davon? Wären diese Maßnahmen aus Ihrer Sicht zielführend?
Die Vorschläge sind wahrscheinlich eher als grobe Skizzen zu verstehen. Sie enthalten keine fundierte Begründung oder Analyse der tatsächlichen Gegebenheiten aus, was eine Beurteilung schwierig macht. Ein zentrales Problem ist, dass Kriminalprävention auch kontraproduktiv wirken kann – insbesondere, wenn falsche Maßnahmen ergriffen werden, die in der Bevölkerung ein Problem suggerieren, das in dieser Form vielleicht gar nicht existiert. Das kann die Kriminalitätsfurcht erhöhen und dadurch letztlich genau das Gegenteil bewirken.
Wie meinen Sie das?
Nehmen wir an, in einer Region mit niedriger Kriminalitätsrate und geringer Kriminalitätsfurcht wird die Polizeipräsenz stark erhöht. Dies könnte eine fatale Botschaft vermitteln, nämlich dass dort ein Problem existiert, obwohl dies gar nicht der Fall ist. In solchen Fällen kann die Kriminalitätsfurcht steigen, was wiederum die soziale Kontrolle in der Bevölkerung schwächt und langfristig sogar die Kriminalität erhöhen kann. Es ist sinnvoll, dass Kriminalitätsrate, Kriminalitätsfurcht und Polizeipräsenz in einem Gleichgewicht stehen. Deshalb ist es wichtig, jedes Präventionsvorhaben auf einer soliden Wissensgrundlage aufzubauen.
Und wie schafft man eine solche Grundlage?
Man müsste zunächst die Kriminalitätsfurcht in der jeweiligen Region untersuchen und die zentralen Ursachen dafür identifizieren. Diese Ursachen können vielfältig sein – von mangelnder Polizeipräsenz bis hin zu gesellschaftlichen Phänomenen wie Respektlosigkeit. Erst wenn diese Faktoren bekannt sind, kann man gezielte Maßnahmen ergreifen – sonst verpuffen sie, oder werden im schlimmsten Fall eben kontraproduktiv.
Auf dem Berliner Platz in Ludwigshafen gibt es eine Baugrube und einen großen Umstiegspunkt für Straßenbahnen und Busse. Viele sagen, dass sie sich dort unsicher fühlen. Was kann man da tun?
Wenn tatsächlich eine hohe Kriminalitätsfurcht besteht, wäre der nächste Schritt, die Ursachen dafür zu erforschen. Es könnte sein, dass die fehlende Polizeipräsenz eine Rolle spielt – das ist jedoch nicht immer der Fall. In vielen Städten, in denen ich geforscht habe, hat sich gezeigt, dass Respektlosigkeit gegenüber Frauen, Migranten oder älteren Personen eine zentrale Ursache für Kriminalitätsfurcht ist. In Mannheim, Heidelberg und Stuttgart ist das zum Beispiel so. Sollten ähnliche Ergebnisse in Ludwigshafen festgestellt werden, müsste man gezielt an diesen Punkten ansetzen.
Wie könnte man denn so etwas wie Respektlosigkeit konkret bekämpfen?
Präventionsmaßnahmen sollten auf verschiedenen Ebenen ansetzen: bei den potenziellen Opfern, den potenziellen Tätern und der Situation. Beispielsweise könnte man Zivilcourage fördern, indem Bürger sensibilisiert werden, bei Respektlosigkeit einzuschreiten. Besonders gefährdeten Gruppen – etwa jungen Frauen oder Migranten – könnten Schutzmaßnahmen angeboten werden, um sie besser auf mögliche Übergriffe vorzubereiten. Gleichzeitig muss die Kommune klar signalisieren, dass Respektlosigkeit in ihrer Stadt keinen Platz hat. Auf der Täterseite kommen die entsprechenden Personen oft aus sogenannten Machokulturen, in denen es ein katastrophales Frauenbild gibt. Hier kann man ansetzen und dieses aus unserer Sicht falsche Rollen- und Frauenbild korrigieren. Solche Programme gibt es auch schon, da setzt man in der Regel in den Schulen an.
Die CDU bringt unter anderem auch Schwerpunktmaßnahmen und Videoüberwachung ins Spiel. Wären das mögliche Lösungen?
Solche Maßnahmen können durchaus sinnvoll sein, wenn sie von der Bevölkerung akzeptiert werden und die jeweilige Situation sie rechtfertigt. Ich habe beispielsweise die Einführung zweier Waffen- und Messerverbotszonen in Heilbronn untersucht. Dort konnte die Kriminalitätsfurcht in diesen Zonen deutlich reduziert werden. Interessanterweise lag das aber weniger an der Strafandrohung, sondern vielmehr an der erhöhten Kontrollkompetenz. Das heißt: Menschen verhalten sich in solchen Zonen anders, weil sie das Risiko, kontrolliert zu werden, als höher wahrnehmen. Wer sich zum Beispiel auffallend respektlos verhält, macht sich zur Zielscheibe für Kontrollen. Der Rückgang von Respektlosigkeit in den Waffen- und Messerverbotszonen hat zu einer Reduzierung der Kriminalitätsfurcht geführt.
Wir sprechen in der Debatte oft vom Sicherheitsgefühl der Menschen. Wie wichtig ist dieses Gefühl denn für die tatsächliche Sicherheit?
Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der sogenannten Kriminalitätsfurcht und tatsächlicher Kriminalität. Hohe Kriminalitätsfurcht führt oft dazu, dass sich Menschen aus dem öffentlichen Raum zurückziehen. Dadurch wird die informelle Sozialkontrolle – also das gegenseitige Aufpassen und Eingreifen bei Problemen – geschwächt, was wiederum Kriminalität begünstigen kann. Gleichzeitig fördert es die Kriminalitätsfurcht bei Personen, insbesondere wenn sie Opfer eines Hassverbrechens werden. Also dann, wenn sie wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe wie Migranten oder LSBTI+ angegriffen werden. Was auch erwähnenswert ist: Vertrauen oder Misstrauen in die Politik beeinflusst die Kriminalitätsfurcht stark. Menschen, die sehr misstrauisch sind, haben größere Angst vor Kriminalität.
Kann man das denn beheben?
Vertrauen in die Politik kann man herstellen, ja. Wenn Handeln berechenbar wird, wenn es nicht willkürlich wirkt und wenn Menschen von der Sinnhaftigkeit überzeugt sind, dann wächst auch das Vertrauen. Und die Kriminalitätsfurcht sinkt.
Zur Person
Prof. Dr. Dieter Hermann (74) lehrt am Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg und hat die Forschungsschwerpunkte Kriminologie, Kultursoziologie sowie Statistik und Methoden empirischer Sozialforschung. Der Forscher, der auch ein Studium der Mathematik absolviert hat, hat mehr als 150 Arbeiten zum Thema Kriminalität veröffentlicht, und war bereits mehrfach Referent beim Deutschen Präventionstag. Seit über 20 Jahren führt er in Kooperation mit Städten Sicherheitsbefragungen durch, mit deren Hilfe kriminalpräventive Maßnahmen passgenau auf die Besonderheiten einer Kommune abgestimmt werden können, unter anderem in Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart und Heilbronn.
Termin
Der Rat für Kriminalitätsverhütung der Stadt Ludwigshafen hat Hermann eingeladen, einen Vortrag zum Thema „Ursachen für Kriminalitätsfurcht“ zu halten. Termin: Mittwoch, 20. Mai , um 14 Uhr im Vortragssaal der VHS.