MannheimKriminalität: Kameraüberwachung läuft weiter
Oberbürgermeister Christian Specht führt Landesinnenminister Thomas Strobl durch die Mannheimer Innenstadt.
Die Sicherheitslage in Mannheim ist angespannt. Gründe dafür gibt es mehrere. Stadt und Land gehen in dieser Situation in die Offensive.
„Das hier ist kein einfaches Pflaster.“ Der das sagt, kennt die Sicherheitslage in ganz Baden-Württemberg. Innenminister Thomas Strobl (CDU) ist am Montag für mehrere Stunden in Mannheim zu Besuch, um sich über Probleme und Herausforderungen der nach Stuttgart zweitgrößten Stadt im Ländle zu informieren. Dabei geht es vor allem um Sicherheit, aber auch um die Situation des Einzelhandels, Verkehr und Stadtentwicklung. Anlass seines Abstechers in die Kurpfalz ist aber in erster Linie die Verkündung dieser Nachricht: Die Videoüberwachung – die Politik spricht im Übrigen lieber von Videoschutz – soll drei weitere Jahre laufen. Das im Dezember 2018 gestartete Pilotprojekt soll bis November/Dezember 2026 fortgesetzt werden.
Wenn sich eine Stadt gezwungen sieht, ihre Bemühungen in puncto Sicherheit zu verstärken, muss es einen Anlass dafür geben. In Mannheim gibt es gleich mehrere Gründe, sich über das Thema verschärft Gedanken zu machen. Wie Polizeipräsident Siegfried Kollmar in den vergangenen Wochen mehrmals zu verschiedenen Anlässen ausgeführt hat, wurden in der Innenstadt in den vergangenen Monaten mehr Straftaten registriert. Damit setzt sich ein Trend nach der von Lockdowns und Ausgehbeschränkungen geprägten Corona-Pandemie fort – OB Specht spricht von einer Tendenz, etwas nachzuholen. Sorgen bereiten Kollmar und seinen Kollegen vor allem Messerangriffe. Von 62 im Jahr 2020 über 98 im Jahr 2021 ist deren Anzahl im vergangenen Jahr auf 148 gestiegen. Und dieser Trend hat sich offenbar auch in diesem Jahr fortgesetzt. Kollmar sprach vor wenigen Tagen von einem großen Glück, dass in den vergangenen Monaten niemand ums Leben gekommen sei. Die Stadt hat auf diese Entwicklung mit einer Waffenverbotszone zu nächtlicher Stunde am Wochenende reagiert. All das ist Teil eines Aktionsplans, den Stadt und Land vereinbart und mit „Mehr Sicherheit für Mannheim“ überschrieben haben.
Nahost-Konflikt verschärft Situation
Dirk Herzbach erklärt im Lagezentrum, wie die auf Künstlicher Intelligenz basierende Überwachungssoftware funktioniert.
Zusätzlich verschärft wird die Sicherheitslage durch den Konflikt in Nahost. Der Oberbürgermeister führt aus, dass es seit dem Großangriff der radikalislamischen Hamas auf Israel 18 Großdemos in Mannheim gegeben habe. „Zum Glück waren alle friedlich“, betont Specht. Mannheim sei auch hier ein Oberzentrum für einen Raum, in dem 2,6 Millionen Menschen lebten. Innenminister Strobl kündigt an, dass die Stadt bei Demonstrationen die Möglichkeit habe, zusätzliche Einsatzkräfte der Polizei anzufordern.
Im Mittelpunkt des Besuchs steht aber das Thema Videoüberwachung. Vom weiteren Einsatz einer auf Künstlicher Intelligenz basierenden Technologie verspricht sich Strobl viel. Das Projekt sei eine Erfolgsgeschichte. 68 Kameras sind an fünf Kriminalitätsschwerpunkten über die Stadt verteilt – installiert sind sie zum Beispiel am Markt- und Paradeplatz und am Alten Messplatz in der Neckarstadt. Derzeit sind zehn von ihnen an die intelligente Software angeschlossen. Weitere Kameras sollen folgen.
Die vom Fraunhofer-Institut Karlsruhe entwickelte Software hat offenbar vor allem noch ein Problem: Umarmungen können kaum vom Würgen, eine Begrüßung per High five kann nicht gut von Schlägen unterschieden werden. Darum soll die Software in den nächsten Monaten weiter verbessert und zu einem marktreifen Produkt weiterentwickelt werden. „Der Praxiseinsatz bringt uns dem Ziel schwarzer Überwachungsmonitore näher, die sich nur noch in sicherheitskritischen Situationen einschalten und so den Datenschutz maximieren“, erklärt Markus Müller vom Fraunhofer Institut. Weitere Städte sind offenbar an der Technologie interessiert, laut Specht testet sie beispielsweise die Stadt Hamburg.
Ein Mensch hat das letzte Wort
Diese Kameras in luftiger Höhe sind auf den Marktplatz gerichtet.
Schlagen, treten oder stoßen erkennt die Künstliche Intelligenz bereits jetzt als Kampfhandlung. „Dann wird ein Alarm ausgelöst. Es bleibt aber die Entscheidung eines Menschen, ob ein strafbares Verhalten vorliegt und eine Streife losgeschickt wird“, erklärt Dirk Herzbach vor den Monitoren im Lagezentrum des Mannheimer Polizeipräsidiums. Laut Innenminister Strobl dauert es im Schnitt drei Minuten, bis die Polizei dann vor Ort ist. Für ihn ist der Aspekt Prävention nicht zu unterschätzen. „Das hat eine abschreckende Wirkung. Das Entdeckungsrisiko ist größer“, sagt er. Außerdem schone die Künstliche Intelligenz personelle Ressourcen, weil ein Beamter nicht ununterbrochen auf einen Bildschirm schauen müsse – diese laut Strobl „triste Aufgabe“ übernehme die KI, die aber noch weitere Situation dazulernen müsse.