Ludwigshafen Kinder vor Gewalt bewahren

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Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder an den Folgen von Misshandlungen. Rund 70 Kinder werden zudem so massiv malträtiert, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Die Dunkelziffer ist hoch. Kurz vor Weihnachten starb in Hamburg die dreijährige Yagmur an den Folgen innerer Verletzungen, die ihr mutmaßlich der eigene Vater zugefügt hat. Das Mädchen steht in einer langen Reihe von erschütternden Schicksalen und Namen, die im Gedächtnis haften bleiben. Wie etwa die in Hamburg verhungerte Jessica, der in Bremen getötete Kevin oder der in Berlin zu Tode geprügelte Yannik. In Ludwigshafen gibt es bisher noch keinen solchen Fall. Jugendamtsleiter Jürgen May und seine 120 Mitarbeiter sowie eine Vielzahl von freien Trägern und Kooperationspartnern in der Stadt tun viel dafür, dass das auch in Zukunft so bleibt. Der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos und seine Kollegin Saskia Etzold haben kürzlich ein aufwühlendes Buch vorgelegt: „Deutschland misshandelt seine Kinder“, lautet der provokante Titel. Die Autoren fordern: „Die Privatsphäre von Eltern muss dort enden, wo sie für die Misshandlung von Kindern missbraucht wird.“ Diesen Satz unterschreibt Jürgen May sofort. Er ergänzt jedoch: „Je früher wir Familien in schwierigen Lebenssituationen Hilfen anbieten und sie unterstützen, je besser werden Kinder davor geschützt, dass ihr Wohl gefährdet wird und sie vor den eigenen Eltern in Sicherheit gebracht werden müssen.“ Bei den Inobhutnahmen und dem Entzug der elterlichen Sorgen liegen die Zahlen in Ludwigshafen weit unter dem Landesdurchschnitt. Vorsorge ist für den 60-Jährigen die vordringliche Aufgabe der Behörde. In der Chemiestadt gibt es verschiedene Programme und Institutionen, die unter Federführung der Verwaltung vorbeugend wirken sollen. Dazu zählen neben den Hilfen zur Erziehung besonders das Projekt „Guter Start ins Kinderleben“, in Kooperation mit Klinikum und Marienkrankenhaus, und das Haus des Jugendrechts sowie die Schulsozialarbeit. May schätzt, dass über die Stadt 600 bis 800 Mitarbeiter in die verschiedenen Programme involviert sind. Im Jahr 2013 wurden 1970 erzieherische Hilfen erteilt. Tendenz steigend: Im Vorjahr 2012 waren es 1862. Wie May betont, werden weniger als fünf Prozent dieser Hilfen gegen den Elternwillen durchgesetzt. Der Landesdurchschnitt liege bei 17 Prozent, erläutert der Sozialarbeiter. Ludwigshafen sei auch deshalb eine sichere Großstadt in Rheinland-Pfalz, weil hier viel Geld für die Jugendhilfe in die Hand genommen werde. Das zahle sich immer aus, bilanziert May. Nach einer Studie spare jeder Euro, der in die frühen Hilfen investiert werde, die 16-fache Summe, wenn aus kleinen Kindern mit Problemen erst einmal große geworden seien. „Die Jugendhilfe investiert Geld, damit andere Rechtskreise sparen“, sagt der Amtschef. In der neuen Serie „Familie in Not“ stellen wir Hilfsangebote des Ludwigshafener Jugendamts vor. Je früher sich Eltern oder auch Kinder mit ihren Nöten an die Anlauf- und Beratungsstellen in der Stadt oder Ansprechpartner in Schulen und Kindergärten wenden, je eher könne Hilfe und Unterstützung organisiert werden, macht May deutlich. Und wirbt dafür, dass Familien das Jugendamt als Partner in schwierigen Lebensphasen erkennen. In der nächsten Woche berichten wir über die Geschichte von Scheidungskind Kai und seinen Eltern und erklären, warum ein Familientraining auch dann zur Lösung von verzwickten Problemen von längst getrennten Eltern beitragen kann, wenn es die Familie im eigentlichen Sinne gar nicht mehr gibt.

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