Bestseller der Buchhandlungen RHEINPFALZ Plus Artikel KI und „die litterarischen Straßenräuber“

Robert Seethaler ist mit „Die Straße“ neu auf den Listen.
Robert Seethaler ist mit »Die Straße« neu auf den Listen.

Marc-Uwe Klings „Känguru-Rebellion“ hat sich auch im April auf der regionalen Bestsellerliste mit hohen Verkaufszahlen behauptet. Er bekommt aber Konkurrenz.

KI, kurz für Künstliche Intelligenz, ist in aller Munde und dringt in immer mehr Lebensbereiche vor. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das erste KI-generierte Buch auf den Bestsellerlisten erscheinen wird. Da verschlägt es wenig, wenn die große amerikanische Hachette Book Group jüngst den Horrorroman „Shy Girl“ (Schüchternes Mädchen) wieder aus dem Programm genommen hat. Es handele sich wahrscheinlich um AI Slop, also KI-Müll, teilte die Verlagsgruppe mit.

Bei dem ersten KI-Bestseller wird es sich auf jeden Fall nicht um eine Schöpfung aus dem Nichts handeln. Denn Kreativität, originelle Schöpferkraft, wie sie die Kunst auszeichnet, geht der KI völlig ab. Im Gegenteil. Wäre sie ein Mensch, müsste man sagen: Sie ist strohdumm, völlig willenlos und ein Allesfresser. Die Maschinisten brauchen daher Futter für ihre Maschine. Dabei bedienen sie sich, ohne zu fragen und meist gegen den Willen der Autoren, bei deren Erzeugnissen.

Klagen vor Gericht

Langsam regt sich Widerstand gegen diese schon seit Jahren gängige Praxis. Die Verwertungsgesellschaft Gema hat jüngst einen Prozess wegen Urheberrechtsverletzungen durch die Musikindustrie angestrengt, weil Songs eines KI-Unternehmens denen von Helene Fischer, Lou Bega, Boney M. und Modern Talking „zum Verwechseln ähnlich“ klängen. Auch im Buchgeschäft ist in Deutschland die erste Klage gegen einen KI-Anbieter anhängig. Die Verlagsgruppe Penguin Random House hat beim Landgericht München Klage eingereicht, weil sie die Rechte ihres Autors und Illustrators Ingo Siegner an seiner Buchreihe „Der kleine Drache Kokosnuss“ durch den KI-Trainer ChatGPT verletzt sieht. Und auch in anderen Ländern ruft die seit Jahren grassierende Piraterie wachsenden Unmut hervor. So haben sich in Großbritannien nahezu zehntausend Schriftsteller, unter ihnen der Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro, zu der Aktion „Don’t Steal This Book“ zusammengeschlossen.

Ideendiebstahl und Bücherklau ist nun wahrlich nichts Neues. Die 68er-Bewegung hat ihn guten Gewissens mit Raubdrucken praktiziert („Eigentum ist Diebstahl“). Aber in erheblichem Umfang hat es ihn schon im 18. Jahrhundert gegeben, als sich nach und nach eine literarisch gebildete Gesellschaft herausbildete. Bei damals noch bescheidenen Auflagen von ein paar tausend Exemplaren machten sich Nachdrucker über jedes Buch, das einigen Erfolg, das heißt Absatz versprach, her.

Wütende Autoren

Mehr noch als die Verleger hatten die wütenden Autoren den Schaden. Christian Vulpius lässt in der fünften Auflage seines Bestsellers „Rinaldo Rinaldini“ einen solchen „litterarischen Straßenräuber“ kurzerhand am nächsten Baum aufknüpfen. Und für Aloys Blumauer sind in seiner 1784 erschienenen „Aeneide“ Nachdrucker „Das Aller unverschämteste Gezücht im Höllenschlunde“. Die besonders auf Recht und Moral pochenden Philosophen Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte forderten eine gesetzliche Regelung.

Sie ließ auf sich warten. Erst 1835 erließ der Deutsche Bund erstmals ein Verbot des Nachdrucks. Träge Bürokratie, die napoleonischen Kriege und die deutsche Kleinstaaterei, nicht unähnlich dem heutigen nationalen Kirchturmdenken, hatten wohl ein früheres Einschreiten verzögert. Heute schützt das Urheberrecht geistiges Eigentum schöpferischer Menschen. Es gilt ebenfalls für das Internet, nur müssten aufgrund der neuen digitalen Möglichkeiten die Gesetze novelliert und dann auch angewendet werden. Denn so einfach wie einst beim Büchernachdruck ist die durch KI geschaffene Rechtslage nicht.

Einfach klauen?

In den USA, zumal seit Donald Trump Präsident ist, neigt die Rechtsprechung dazu, zugunsten von Tech-Giganten zu entscheiden. So rief der ehemalige Google-Vorstand Eric Schmidt junge Start-up-Unternehmer unverblümt dazu auf, das Urheberrecht einfach zu ignorieren. Im Falle des Erfolgs könne man ja mit den durch KI gescheffelten Millionen hochkarätige Anwälte bezahlen. Die europäische Rechtslage ist zwar etwas schärfer. Aber auch hier stellen die Unternehmen sich auf den Standpunkt, dass die KI sehr wohl originell sei und nicht bloß abkupfere.

So wird die Entscheidung, ob eine Verletzung des Urheberrechts vorliegt, in jedem einzelnen Fall zu einer Frage richterlicher Abwägung. Ebenso wird es in naher Zukunft der Urteilskraft jedes Einzelnen überlassen bleiben, ob er einer Nachricht oder einem Bild im Internet Glauben schenken soll oder nicht. Mit Shakespeares „Hamlet“ möchte man da ausrufen: „Ist dies schon Wahnsinn, hat es doch Methode.“

Gleich mehrere Leben

Die US-Amerikanerin Freida McFadden sät mit ihren Thrillern Misstrauen. Titel früherer Bestseller lauteten: „Die Kollegin – Wer hat sie so sehr gehasst, dass sie sterben musste?“ „Der Freund – Ist er dein Traumpartner oder dein Killer?“ „Der Lehrer – Will er dir helfen oder will er deinen Tod?“ Jetzt ist also „Die Ehefrau“ dran und die Frage, was sie zu verbergen hat. Die eheliche Tarnung hat der Bestsellerautorin vielleicht selbst zu denken gegeben, denn kürzlich hat Freida McFadden ihre wahre Identität hinter dem Pseudonym enthüllt. Wen’s interessiert: Sie heißt eigentlich Sara Cohen und ist Neurologin.

Im Gegensatz zu ihr geht es Liz Tomforde darum, in ihren Romanen („In Her Own League“ auf Platz vier bei Thalia auf den Planken) von gesunden Beziehungen zu erzählen.

Der Neue

Neu auf den Listen ist Robert Seethalers Roman „Die Straße“ (Platz vier bei Thalia in Frankenthal und Platz drei bei Bücher Bender). Nach Bestsellern wie „Ein ganzes Leben“, „Der Trafikant“ und „Das Café ohne Namen“ erzählt der Österreicher diesmal von etlichen Lebensläufen der Bewohner einer Straße, denen der Rauswurf droht. Etwas enttäuscht zeigte sich RHEINPFALZ-Rezensent Udo Schöpfer von Seethalers neuem Roman. „Das ganze Leben von Andreas Egger in seinem Bergdorf ist dann doch als Bild viel abgerundeter“, meint er.

Lesetipp

Ann-Hélen Laestadius: Die Zeit im Sommerlicht

Wiebke Leifheit, die die Leseecke Oppau unterhält, empfiehlt „Die Zeit im Sommerlicht“ von Ann-Helen Laestadius: Schweden in den 50er Jahren. Else-Maj ist sieben Jahre alt, als sie das vertraute Leben im Sámi-Dorf verlassen und in ein sogenanntes Nomaden-Internat gehen muss. Hier trifft sie auf andere Sámi-Kinder, die wie Else-Maj von nun an all das verleugnen sollen, was sie ausgemacht hat. Ihre Kultur gilt als schlecht, sie dürfen nicht einmal ihre Sprache sprechen. Die Leiterin des Internats ist eine grausame Frau. Allein die gutmütige Erzieherin Anna, eine Sámi wie sie, hält eine schützende Hand über die Kinder. Doch eines Tages verschwindet sie ohne jede Spur.

„Mich hat an diesem Buch die wunderbare Beschreibung des Lebens dieser Menschen und der Natur begeistert“, sagt Wiebke Leifheit. „Außerdem klärt es darüber auf, dass es Rassismus leider überall gab und gibt. Am liebsten möchte man die Kinder in den Arm nehmen. Dieser Roman ist schonungslos und hat mich tief berührt.“

Bestsellerlisten

Buchladen Gartenstadt

1. Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion
2. Pierre Martin: Madame le Commissaire und die tödliche Rallye
3. Gina Greifenstein: Grumbeersupp
4. Thomas Schlesser: Monas Augen
5. Siri Hustvedt: Ghost Stories

Leseecke Oppau

1. Freida McFadden: Die Ehefrau – Was hat sie zu verbergen?
2. Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion
3. Regina Pietsch: Sommerkinder
4. Regina Pietsch: Herbsthimmel
5. Moni Reinsch und Susanne Querfurth (Hg.): Tabak, Tod und Traubenlese

Thalia in der Rheingalerie

1. Freida McFadden: Die Ehefrau – Was hat sie zu verbergen?
2. Annika Strauss und Sebastian Fitzek: REM
3. Lena Kiefer: Royal Fake
4. Navessa Allen: Lights Out
5. Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion

Thalia Frankenthal

1. Rosie Walsh: Du musst mich vergessen
2. Leonie Swann: Widdersehen
3. Hera Lind: Die Löwenmutter
4. Robert Seethaler: Die Straße
5. Claire Douglas: Geliebte Schwester

Frank und Hugendubel

1. Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion
2. Christian Huber: Solange ein Streichholz brennt
3. Freida McFadden: Die Ehefrau – Was hat sie zu verbergen?
4. Evie Woods: Das Geheimnis des Geigenbauers
5. Dora Heldt: Zwischen Gut und Böse

Bücher Bender, Mannheim

1. Lukas Rietzschel: Sanditz
2. Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben
3. Robert Seethaler: Die Straße
4. Bernhard Schlink: Gerechtigkeit
5. Hannah Häffner: Die Riesinnen

Thalia auf den Planken

1. Freida McFadden: Die Ehefrau – Was hat sie zu verbergen?
2. Lena Kiefer: Royal Fake
3. Ildikó von Kürthy: Alt genug
4. Liz Tomforde: In Her Own League
5. Benjamin von Stuckrad-Barre: Udo Fröhliche

x