Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel (Kein) Kinderwunsch: Lesung in der Alten Feuerwache

Verena Kleinmann.
Verena Kleinmann.

Kinderkriegen gilt noch immer als selbstverständlich. Verena Kleinmann stellt diese Selbstverständlichkeit in ihrem Buch „Alle bekommen Kinder, ich zweifle“ infrage.

Die 41-Jährige Heidelbergerin erzählt autobiografisch, ohne sich in Nabelschau zu verlieren. Ausgangspunkt ist das Gefühl, aus dem gesellschaftlichen Takt zu geraten, während Freundeskreis und Umfeld scheinbar mühelos in die Elternrolle wechseln. Schwangerschaftsankündigungen, Spielplatzgespräche und gut gemeinte Nachfragen werden zu Spiegeln eines wachsenden Unbehagens. Die Autorin fragt nicht nur, ob sie ein Kind möchte, sondern auch, warum diese Frage so viel Unruhe auslöst – und wer eigentlich erwartet, dass sie mit „Ja“ beantwortet wird. Denn – so ihre Beobachtung – wer aus der vermeintlich vorgesehenen Abfolge von Partnerschaft, Kind und Familie ausschert, gerät schnell in Erklärungsnot.

Kleinmann schildert sehr konkret, wie dieser Druck entsteht. Freundinnen werden schwanger, Treffen verlagern sich von spontanen Verabredungen hin zu durchgetakteten Familiennachmittagen, Gespräche kreisen um Kitas, Vereinbarkeit und Erschöpfung. Die Autorin beobachtet, hört zu, vergleicht – und spürt, wie ihr eigenes Leben zunehmend als Übergangszustand wahrgenommen wird. Der Zweifel wächst nicht aus einem klaren Nein, sondern aus einem dauernden Abwägen.

Angst, etwas zu verpassen

In kurzen, essayistisch geprägten Kapiteln nähert sich Kleinmann ihrem Thema aus unterschiedlichen Richtungen. Sie schreibt über die Angst, etwas Wesentliches zu verpassen, ebenso wie über die Angst, sich selbst aufzugeben. Sie hinterfragt romantisierte Bilder von Mutterschaft, den gesellschaftlichen Anspruch, dass Kinder dem Leben automatisch Sinn verleihen, und die Vorstellung eines „richtigen Zeitpunkts“. Immer wieder zeigt sie, wie sehr die Entscheidungen anderer zum Maßstab für das eigene Leben werden.

Das Buch lebt von seinen Ambivalenzen. Kleinmann beschreibt Nähe und Zuneigung zu Kindern ebenso wie den Wunsch nach Unabhängigkeit, Ruhe und Selbstbestimmung. Szenen aus dem Alltag – Begegnungen mit Familien, Gespräche im Freundeskreis, innere Monologe – verdeutlichen, wie präsent das Thema Kinder auch dann ist, wenn man selbst keine klare Entscheidung getroffen hat. Eine eindeutige Antwort verweigert die Autorin bewusst.

Keine einfachen Antworten

„Alle kriegen Kinder, ich zweifle“ bewegt sich zwischen persönlichem Erfahrungsbericht, gesellschaftlicher Analyse und leiser Polemik. Kleinmann lässt Freundinnen mit und ohne Kinder zu Wort kommen und spricht mit Fachleuten aus Psychologie, Soziologie, Philosophie, aus Zukunfts- und Glücksforschung sowie einer Mannheimer Seniorenheimleiterin. Sie beleuchtet tradierte Rollenbilder, die Verknüpfung von Weiblichkeit und Mutterschaft sowie den subtilen sozialen Druck, der Zweifel schnell als Defizit erscheinen lässt. Dabei vermeidet sie einfache Antworten. Stattdessen lässt sie Widersprüche stehen, tastet sich durch Ambivalenzen und macht gerade dadurch die Komplexität des Themas sichtbar.

Humorvolle Passagen wechseln sich mit nachdenklichen Momenten ab, ohne dass der Text je belehrend wirkt. Die Stärke des Buches liegt in seiner Offenheit: Kleinmann verteidigt weder das Kinderkriegen noch das kinderfreie Leben – sie verteidigt das Recht auf Zweifel. Ihr Werk ist weniger ein Plädoyer für eine bestimmte Lebensentscheidung als eine Einladung zur Ehrlichkeit. Es richtet sich nicht nur an Frauen ohne Kinderwunsch, sondern an alle, die spüren, wie stark gesellschaftliche Erwartungen private Entscheidungen prägen. Ein Buch, das Mut macht, Fragen zu stellen, wo sonst Antworten vorausgesetzt werden.

Lesezeichen & Termin

Verena Kleinmann: „Alle kriegen Kinder, ich zweifle“, Rowohlt Verlag, 208 Seiten, 18 Euro.
Lesung und Gespräch mit Verena Kleinmann am Freitag, 30. Januar, 20 Uhr, in der Alten Feuerwache Mannheim.

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