Festival des deutschen Films
„Köln 75“: Interview mit Regisseur Ido Fluk
Herr Fluk, sind Sie ein großer Liebhaber von Musik?
Ja, ich liebe Musik. Je öfter du Jazz hörst, umso heftiger verfällst du ihm. In New York bin ich in die Szene richtig reingerutscht und mit verschiedenen Bands aufgetreten. „Köln 75“ sollte aber nie ein Film über Jazz werden. Er feiert einen herausragenden Künstler und eine junge Frau, ohne die es sein wichtigstes Konzert nie gegeben hätte. Die spannende Frage bleibt ja bestehen, ob das Kölner Konzert so klingen würde, wie es klingt, und die Aufnahme noch heute die Menschen faszinieren würde, wenn es wie geplant unter perfekten Bedingungen mit einem Marken-Flügel gespielt worden wäre. Natürlich nicht, wer weiß das besser als ein Filmemacher. Wir haben jeden Tag mit äußeren Widrigkeiten zu kämpfen, die unsere schönen Pläne zunichtemachen. Dann müssen wir improvisieren.
Diese Geschichte hat Sie dann nach Deutschland gebracht?
Ich lebe seit 20 Jahren in New York. Die Geschichte von Vera Brandes kennt nicht nur hier jeder in der Jazzszene. Ausschlaggebend war der Eindruck, dass ich über ihr Engagement von einem legendären Kapitel der Musikgeschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählen kann. Die meisten Biopics konzentrieren sich auf den Aufstieg und Fall eines Musikers oder einer Musikerin. Aber hier war eine junge Frau, eine Teenagerin, ohne deren Leidenschaft es dieses Konzert nie gegeben hätte. Sie wurde dafür nie gewürdigt, nicht mal ein richtiges Dankeschön bekam sie von Keith Jarrett. Er tat sogar später so, als würde er sie kaum kennen.
Dann ist es nicht verwunderlich, dass in Ihrem Film keine Sekunde aus dem legendären „The Köln Concert“ zu hören ist?
Keith Jarrett wollte bei diesem Projekt nicht mitmachen. Soweit ich weiß, gefällt ihm die Aufmerksamkeit nicht, die diesem Auftritt zuteil wurde. Darauf reduziert zu werden, fühlt sich für ihn an, als wäre er ein One-Hit-Wonder. Vielleicht mag er auch den Fakt nicht, dass Brandes für diese Show so wichtig war wie er. Ich erzähle im übertragenen Sinne eine Geschichte, wie die Wurst gemacht wurde. Zu Hause kann der Zuschauer sie oder eben das Konzert genießen. Ich glaube, dass Jarrett mir zustimmen würde, dass das der richtige Weg ist.
Was hielt Vera Brandes von dem Projekt?
Mit dem Konzept weckte mein Produzent Oren Moverman, der meinen vorherigen Film „The Ticket“ sowie das Bob-Dylan-Biopic „I’m Not There“ und „Love and Mercy“ über die Beach Boys produziert hat, das Interesse von Sol Bondi und Fred Burle. Gemeinsam spürten wir Vera in Griechenland auf, wo sie nach einer unglaublichen Karriere lebt. Sie öffnete uns alle Türen. Über viele Stunden hat sie mir detailreich ihre Lebensgeschichte anvertraut. Ich habe dann das Drehbuch überarbeitet, das ich während der Corona-Pandemie ohne wirklichen Plan geschrieben hatte, wie ich es je umsetzen kann. Der erste Entwurf, den ich den Produzenten vorlegte, war eher ein von Ido Fluk improvisierter Text, der dazu einlud, einige filmische Regeln zu brechen und sich energiegeladen auf den starken Beat zu konzentrieren.
Haben Sie sich bei der Besetzung auf Ihre deutschen Produzenten verlassen?
Jördis Triebel kannte ich aus „Babylon Berlin“, „Dark“ und „Westen“, auch Ulrich Tukur war mir ein Begriff. Das Wichtigste war natürlich die Besetzung von Vera Brandes. Ich habe alle verrückt gemacht, weil ich nie zufrieden war und die Auswahl über etliche Casting-Runden ging. Als Mala Emde dann den Raum betrat, wusste ich, das ist sie. Ich spürte ihre besondere Ausstrahlung und Aura, sie hat Star Power, wie in den USA gesagt wird. Außerdem sah ich schon in ihren früheren Auftritten, dass sie einen Film auf ihren Schultern tragen kann.
Die Entscheidung haben Sie sicher nie bereut?
Nein. Mala hat alles für diesen Film gegeben. Sie hat in Griechenland viel Zeit mit Vera verbracht. Am Set lief sie stundenlang durch den Regen oder hetzte Treppen rauf und runter. Sie gibt Vera die Energie und die richtige Portion innerer Unruhe, die sie brauchte, um diese Konzerte zu organisieren und sich durchzusetzen. Diesen Geist, aber auch ihren Spaß an der Organisation der Konzerte wollte ich unbedingt zeigen. Mala hat es perfekt gespielt. Sie gibt Vera auch in diesen dunklen Tagen, in denen wir leben, einen Widerspruchsgeist, den wir dringend wieder brauchen.
Vera Brandes begann ihre Karriere Anfang der 1970er-Jahre, als die Jugend der BRD gegen die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen rebellierte, was in ihrem Film mitschwingt?
Die Geschichte von Westdeutschland oder Köln in den Siebzigern kann sicher auf tausend Arten erzählt werden. Das ist eine von ihnen. Ich hoffe, dass der Zeitgeist über die Plakate und die Demonstrationen spürbar ist. Es brodelte unter den Jugendlichen. Ohne es extra zu thematisieren, wollte ich dem Zuschauer unterschwellig das Gefühl mitgeben, dass Vera Teil der Umwälzungen in der musikalischen und politischen Landschaft und des Entstehens der feministischen Bewegung war.
Sie haben auf Deutsch gedreht. Hatten Sie einen Partner zum Korrigieren der Dialoge an ihrer Seite?
Als ich wusste, dass ich den Film machen werde, habe ich zwei Jahre lang rigoros Deutsch gelernt. Denn die Schauspieler sollten auf Grundlage des Buches die Freiheit zur Improvisation haben. Ich habe nicht jedes Wort, aber den Sinn verstanden und konnte korrigieren.
Kennt Vera Brandes den Film?
Nachdem sie den Film so großzügig begleitete, kam sie natürlich zur Berlinale. Sie las alle Fassungen des Drehbuchs und vertraute mir ihre Notizen an. Als wir ihr den Film zeigen konnten, war dies ein sehr emotionaler Moment. Sie hatte wohl das Gefühl, dass wir ihren Geist eingefangen haben.
Möchten Sie weiter in Deutschland drehen?
Es war eine wirklich tolle Erfahrung. Ich spürte immer, dass es hier ein Interesse an solchen qualitativ hochwertigen Stoffen gibt, die in den USA kaum noch produziert werden. Im Moment habe ich einige Projekte in der Schublade, darunter die Serie „Empty Mansion“, die ich mit Joe Wright für HBO und Fremantle entwickle.
Termine
„Köln 75“ läuft auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigshafen am Donnerstag, 28. August, 17.30 Uhr, Freitag, 29. August, 13 Uhr, Samstag, 30. August, 15 Uhr, Mittwoch, 3. September, 18.15 Uhr, und Samstag, 6. September, 12 Uhr.


