Ludwigshafen Interview: Warum Videos die Berichterstattung verbessern

Videos gehören mittlerweile zur Berichterstattung dazu.
Videos gehören mittlerweile zur Berichterstattung dazu.

Michael Schmid bringt bewegte Bilder in die „Ludwigshafener Rundschau“. Er schildert Lutz Schwab, was der Mehrwert für Leser ist – und was er nie zeigen will.

Lieber Michael, Du bist unser Videospezialist bei der „Ludwigshafener Rundschau“. Wie ist das denn gekommen?
Ich habe schon immer gerne fotografiert, als dann die RHEINPFALZ im Sommer 2022 einen Videokurs mit einem Profi angeboten hat, nahm ich teil und lernte die Grundlagen: Kameraeinstellungen, Perspektiven, Ton, Dreh und Schnitt von kurzen Filmen mit dem Smartphone. Und seitdem mache ich Videos für unsere Berichterstattung. Das macht mir Spaß, aber auch viel Arbeit. Als Spezialist würde ich mich selbst nicht bezeichnen. Das wäre vermessen.

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Du hast Videos auf den Hochstraßen-Baustellen gedreht, den Rathaus-Center-Abriss auf der Baustelle begleitet. Auch ein Video über die lange Grünphase an einer Ampel gibt es von Dir. Reicht es nicht mehr, einfach mit Block und Stift zu einem Termin zu gehen?
Doch, in vielen Fällen schon. Aber es gibt den alten Journalistenspruch: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – das gilt für ein Video noch in höherem Maße. Um die Dimension einer Hochstraßenbaustelle oder den Abriss des Rathaus-Turms zu zeigen, ist ein Video ideal. Auch wie quälend lang es sein kann, über eine Minute an einer Fußgängerampel auf Grün zu warten, zeigt ein Video besser als ein Text mit Foto. Andererseits kannst Du in einem Artikel viel mehr Informationen unterbringen als in einem kurzen Video.

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Stichwort Text: Einen Aufmacher in unserer Zeitung hast Du, wenn es sein muss, in weniger als einer Stunde im Kasten. Ich habe Dir schon über die Schulter geschaut. Wie groß ist der Zeitaufwand für ein Video?
Der Aufwand für einen richtigen Film ist viel größer als für einen Artikel. Du musst erst das gedrehte Bildmaterial sichten, dann schneiden und zusammenmontieren. Viel Arbeit machen auch die sogenannten O-Töne, denn unsere Gesprächspartner sind oft keine Profis vor der Kamera und erzählen nicht in zwei, drei Sätzen kurz und knackig, worum es geht. Also muss man die Zitate schneiden. Der Ton muss dabei stimmen, das kostet Zeit. Am Ende muss ich noch einen Text über die Bilder sprechen. Für ein Video von drei Minuten oder das Idealnachrichtenformat von 1:30 Minute, sitze ich schon mal zwei, drei Stunden an dem Film, der dann auch noch ins Netz geladen werden muss. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich als Videofilmer mit zweieinhalb Jahren Praxis noch ein Neuling bin. Artikel schreibe ich schon seit mehr als 30 Jahren – da habe ich eine viel größere Routine. Schneller geht es bei Videos, die nur kurz etwas zeigen, in einer aktuellen Nachrichtenlage.

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Was meinst Du damit?
Nehmen wir als Beispiel die Bombenentschärfung im Stadtteil West im August 2022. Dazu gab es auf der Internetseite der RHEINPFALZ einen Live-Blog, auf dem alle Nachrichten erschienen, um die Leute auf dem Laufenden zu halten. Dank einer Handy-App konnte ich den Blog direkt vor Ort mit kurzen Videoschnipseln füttern – den Fundort der Bombe zeigen oder Zitate von der Einsatzleitung zum Stand der Evakuierung einspielen. Das ging schneller, als einen Text zu schreiben.

Was sind die Voraussetzungen für Dich, zu einer Geschichte ein Video zu machen?
Ich überlege mir das vorher schon gut. Habe ich Zeit genug an diesem Tag, um einen Artikel zu schreiben und zusätzlich dazu noch ein Video zu machen? Lohnt sich das? Und dann muss sich die Geschichte auch dafür eignen. Manchmal entsteht ein Video auch spontan.

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Wann zum Beispiel?
Ich war im Dezember bei der Indienststellung des neuen Boots der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen. Wir Journalisten bekamen die Möglichkeit, von einem anderen Boot aus Aufnahmen zu machen – in voller Fahrt mit 50 Sachen auf dem Rhein. Das waren spektakuläre Bilder, da musste ich einfach filmen – obwohl ich das vorher gar nicht vorhatte. Das war auch bei der Messerattacke in Mannheim so. Ich war als Reporter kurz nach dem Angriff am Tatort. Als mir dort klar wurde, dass es sich um einen Terroranschlag handelte, habe ich einen kurzen Film gemacht. Ich hatte damals gar keine Ausrüstung dabei – kein Handstativ oder ein Zusatzmikrofon. Ich hatte das schlichtweg vergessen, weil es eilig war. Vor Ort hatte ich dann etwas Zeit und habe dann mit einfachsten Mitteln ein kurzes Video gemacht. Ein paar Einstellungen vom Mannheimer Marktplatz, ein Zitat eines Polizeisprechers und einen kurzen Text gesprochen. Das hat keine halbe Stunde gedauert und ich habe das auf den Stufen des Alten Rathauses fertig gemacht.

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Gibt es Grenzen? Etwas, was man nicht zeigen sollte?
Ja, auf jeden Fall. Im Netz kursieren nach Taten wie in Mannheim schnell Videos. Das waren teils Horrorbilder, die zeigten, wie der Täter den Polizisten mehrfach in den Hals stach. Ich finde, dass man solche Bilder ungeschnitten oder unverpixelt nicht einfach veröffentlichen kann. Es geht dabei auch um die Würde der Opfer. Nach den Morden an den beiden Handwerkern in Oggersheim kursierten Videos der Toten, die auf dem Straßenpflaster in ihrem Blut lagen. Wir haben das bewusst nicht veröffentlicht. Auch Tote haben einen Anspruch auf einen würdevollen Umgang. Wer das kritisiert, sollte sich fragen, ob er selbst mal so gezeigt werden will.

Viele Zeitungen haben inzwischen ihr Online-Angebot ausgebaut. Zu Beiträgen gibt es interaktive Grafiken, Videos, Podcasts zum Artikel. Meinst Du, das ist der richtige Weg für eine Lokalzeitung wie die RHEINPFALZ, ihre Zielgruppe zu erreichen?
Ja, ich denke schon. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft schreitet immer weiter voran. Fast jeder hat mittlerweile ein Smartphone. Das gilt auch für unsere Zielgruppe. Das Mediennutzungsverhalten hat sich geändert. Wenn Du Straßenbahn fährst oder in einem Café sitzt, siehst Du kaum noch jemanden mit einer Zeitung in der Hand. Stattdessen ist das Smartphone die Plattform, auf der unterwegs Nachrichten gelesen, Podcasts gehört oder Videos angesehen werden. Das hat ja auch einen Mehrwert für die Nutzer. Wenn sich eine Zeitung diesen Darstellungsformen verweigert, hat sie meiner Meinung nach keine Zukunft mehr. Das soll aber nicht heißen, dass es keine gedruckte Zeitung mehr geben soll. Ich sitze morgens auch lieber mit dem gedruckten Lokalteil der RHEINPFALZ am Frühstückstisch, den Mantelteil liest dann meine Frau. Ganz klassisch.

Was kommt als Nächstes von Dir? TikTok-Videos im Hochformat und mit Hunde-Emojis?
Nein, das glaube ich nicht. Ich bin eher der Nachrichtentyp und kein Entertainer. Glaub’ mir, auf TikTok will mich keiner tanzen sehen – ich jedenfalls bestimmt nicht. Aber die digitale Welt ändert sich ständig. Wer weiß, was da noch alles auf uns Journalisten zukommt. Wir sollten dafür offen sein, um die Menschen weiter zu erreichen und als Medium relevant zu bleiben.

Zur Person

Michael Schmid (57) ist stellvertretender Leiter der Lokalredaktion Ludwigshafen.

Michael Schmid
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