Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Institut für deutsche Sprache: „Die Sprache lebt, gedeiht und floriert“

Mannheim bezeichnet sich selbstbewusst als „inoffizielle Hauptstadt der deutschen Sprache“.
Mannheim bezeichnet sich selbstbewusst als »inoffizielle Hauptstadt der deutschen Sprache«.

Welchen Stellenwert nimmt Deutsch in den Nachbarländern ein? Mit dieser Frage hat sich die Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) befasst.

„Wir sind immer noch ganz enthusiasmiert“, sagt der Wissenschaftliche Direktor Henning Lobin, als er für die Pressekonferenz frisch vom Vortrag der Sprachforscher Ibrahim Cindark (IDS) und Serap Devran (Marmara-Universität in Istanbul) kommt. „Das Deutsche im Repertoire türkischstämmiger Rückkehrer- und Transmigranten“ lautete das Thema zum Abschluss des dreitägigen Programms. Und es zeigte, dass das Deutsche wie alle Sprachen eigentlich ein Phänomen ist, das in seiner gelebten Form kaum ganz überblickt werden kann.

Gerade deshalb lohnt sich ein genaues Hinhören. Schätzungsweise 140.000 deutsche Staatsbürger leben in der Türkei. Entweder, da sie als Erwachsene freiwillig migrierten oder als Kinder im Zuge der Migrationsentscheidung ihrer Eltern auswanderten. „Es gibt viele junge Menschen, die in Deutschland aufgewaschen sind, als junge Erwachsene aber in der Heimat ihrer Eltern Germanistik zu studieren, um in Unternehmen zu arbeiten, die zwischen beiden Ländern interagieren“, erklärt IDS-Forscher Heiko Marten. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird ein Switchen zwischen den beiden Sprachen beobachtet, auch werden Elemente vermischt oder Präpositionen weggelassen.

Sprache als Hin und Her

„Yani“ sagen Germanistik-Studentinnen etwa gerne in Istanbul, auch wenn sie untereinander Deutsch sprechen. „Es ist ein Füllwort, das so viel wie ,also’, oder ,eigentlich’ bedeutet“, so Lobin. Für ihn ein Beispiel, dass durch Sprache auch ganz unterschiedlichen Formen der Migration zum Ausdruck kommen. „Man kann nicht einfach pauschal von Rückkehrern sprechen, es gibt Mischformen, ein Hin und Her, welches man kaum gefasst bekommt, das aber sprachliche Realität darstellt. Das ist kein Kuriosum, sondern sprachliche Wirklichkeit“, so der IDS-Direktor.

Untersuchungen zu kontaktsprachlichen Varietäten des Deutschen seien im historischen Kontext mit Blick auf Namibia-, Russland- oder Brasiliendeutsch stark erforscht, das Deutsche von Auswanderern, die in den letzten Jahrzehnten nach Mallorca, Teneriffa, Ungarn oder eben in die Türkei migrierten, sei ein noch eher unerforschtes Terrain. „Aber gerade hier werden die vielen Zwischenstufen außerhalb des geschlossenen deutschsprachigen Raums sichtbar“, verdeutlicht Lobin.

Tagung als Generator der Ideen

Doch auch der Verfall, das mögliche Aussterben des Deutschen war Thema. Die Walser etwa gelten als alemannische Volksgruppe, die sich ab dem späten Hochmittelalter im Alpenraum verstreuten. Im Westen Norditaliens wurden vier Bergdörfer betrachtet, in denen der deutsche Dialekt ganz unterschiedlich weiterwirkte und über die Sprache hinaus Einfluss hatte. Etwa darauf, wer geheiratet wurde, welche Verbindungen zum Romanischen eingegangen und welcher Kontakt zum deutschsprachigen Raum gehalten wurden.

Die Tagung war daher ein „Generator der Ideen“, so Lobin. Die über 20 Fachvorträge und Diskussionen mit Beiträgen aus Zürich, Ljubljana, Lancaster oder Turn hätten verdeutlicht, warum sich eine „Feindifferenzierung“ statt ein grober Blick auf Sprachgruppen lohnt. „Wir müssen weg kommen von klaren Grenzen“, stimmt Marten zu, auch Deutsch als Fremdsprache sieht er trotz der zunehmenden Anglisierung in Europa nicht in Gefahr.

Interesse am Deutsch-Unterricht

In Lettland etwa habe sich das Interesse am Deutsch-Unterricht seit der russischen Invasion in der Ukraine verdreifacht. In Italien werde Germanistik immer beliebter, die deutsche Sprache auch mit „Wirtschaftskraft und Studienmöglichkeiten“ in Verbindung gebracht. Tatsächlich gilt Deutsch als die meistgesprochene Erstsprache in der Europäischen Union. Bei über 100 Millionen Erstsprachlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie weiteren 100 Millionen, die Deutsch als Fremdsprache beherrschen, sei die Sprache nicht gefährdet. „Sie lebt, gedeiht und floriert“, so Lobin. Die homogene Einsprachigkeit aus dem 19. Jahrhundert sei längst durchbrochen.

Info

Im nächsten Jahr werde man den Fokus auf „Sprache und Literatur“ legen. In der 62-jährigen Geschichte des Instituts habe man sich zuletzt 1973 eingehend damit befasst. Vom 9 bis 11. März 2027 solle der wissenschaftliche Austausch auch durch ein Begleitprogramm erweitert werden.

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