Ludwigshafen
Inselsommer: Auf Weltreise mit Stefan Hiss und Deniz Usun
Eigentlich hätte Hiss vor zwei Jahren das 25-jährigen Bestehen der Band gefeiert. Corona kam dazwischen. „Da haben wir eben zwei Jahre lang gefeiert und die ganze Welt bereist“, sagt der Frontmann dem Publikum. Stefan Hiss und seine Mannen haben Kap Horn umsegelt, nach Öl gebohrt, nach Diamanten geschürft und Rinder nach El Paso getrieben – und sie fürchten weder Tod noch Teufel, hört man staunend.
Ihre einzige Angst sei, in der Heimat begraben zu werden. „Auch wenn das Kaff ein Friedhof ist, man liegt nicht komfortabel“, singt Hiss und fügt noch an, dass er dort nicht mal tot am Zaun hängen möchte. Wie man das in seiner Heimat Stuttgart aufnimmt, ist ihm sowieso egal – die Band ist ja ständig auf Tour. Die rabenschwarzen Texte und die flott abgängige Tanzmusik machen riesigen Spaß. Es sammelt sich schnell ein großes Publikum um die Parkinsel-Bühne, und das bejubelt die Recken lautstark. „Polka halt. Kein Grund so auszurasten“, bemerkt Stefan Hiss so trocken, dass es staubt.
Jede Menge Seemannsgarn
Polka ist ein wesentliches Element dieser Musik, aber nicht das Einzige. Stefan Hiss, geboren 1965, fing schon im Alter von acht Jahren mit dem Akkordeonspiel an. Aber was er im Harmonika-Orchester so an deutschen Volksliedern spielte, genügte ihm irgendwann nicht mehr. Also hörte er sich um und übertrug Blues und Rock auf sein Instrument. Und dann entdeckte er etwas, das fortan seinen Weg als Musiker leiten sollte: Das Akkordeon ist überall dort zu Hause, wo Einwanderer und Abenteurer sich treffen, wo Kulturen verschmelzen. Fast immer ist eine Art von Polka mit dabei, die stampfende Rhythmen hört man in der mexikanischen Steppe ebenso wie in den Sümpfen des Mississippi Deltas. Cajun, Cumbia, Cowboylieder, Worksongs, Shanties: All das greift die Band daher furchtlos auf, und Stefan Hiss singt ohne eine Miene zu verziehen so, als hätte er das alles erlebt.
Und mit dem Publikum geht er mitunter nicht zimperlich um. „In der Südsee ist uns aufgefallen, dass alle Menschen so anmutig sind. Das ging uns nach ein paar Tagen gehörig auf den Sack. Deshalb sind wir so froh, wieder hier bei euch zu sein“, erzählt er. Es folgt ein Südsee-Song, an dessen Ende er dann aber doch selbstironisch feststellt: „Das einzige, das die Idylle hier stört, das bin leider ich.“
Nicht ganz jugendfrei
In einem Lied „für die Kinder“ singt er wiederum: „Wenn es trocken ist, dann rauch ich's, wenn es nass ist, na dann sauf ich's, wenn es fettig ist, schieb ich's mir in den Schlund“ – um im Refrain dann festzustellen „gesund ist das nicht“. Und im weiteren Verlauf erfahren die Zuhörer auch, dass ein früher Tod die Erben freue...
Bald hält es die Zuhörer nicht mehr auf den Sitzen, denn Hiss legt noch einen Zahn zu – es gibt Tanzmusik. Und zwar eine ungeheuer mitreißende. Besondere Erwähnung verdient noch Michael Roth, vorgestellt als einziger Apnoe-Mundharmonikaspieler der Welt, der scheinbar eine Dreiviertelstunde spielen kann, ohne Luft zu holen – und er spielt äußerst virtuos.
Lieder rund um den Bosporus
Ernsthafter aber ging es beim ersten Konzert des Abends zu. Fast wie ein Märchen klingt der Werdegang der Sängerin Deniz Uzun, die den Abend eröffnete. Die deutsch-türkische Künstlerin ist in Mannheim aufgewachsen, wo sie mit ihrem Bruder Straßenmusik machte und in der Band Alyuvar aktiv war. Ihre großartige Stimme und riesiges Talent wurden entdeckt und gefördert. Sie studierte in Mannheim und in Bloomington (USA). Heute singt sie an der Komischen Oper Berlin, zuvor gehörte sie zum Ensemble der Oper Zürich.
Auf die Parkinsel ist sie nun mit Jon Wassermann gekommen, einem früheren Kommilitonen, der eigentlich Spezialist für barocke Gitarre ist. Auf dem Inselsommer spielte er eine elektrisch verstärkte Konzertgitarre. Percussion steuerte Cris Gavazzoni bei, die wie Uzun am Nationaltheater gespielt hat, Klarinette spielt Onur Caliskan aus Istanbul. Volkslieder rund um den Bosporus, Lieder sephardischer Juden, Kunstlieder und Fischerlieder – das musikalische Spektrum war breit gefächert.
Allen gemein war die klangvolle und berührende Stimme der Sängerin, die jedes Lied mit großer Intensität vortrug. Sie trug auch vertonte Gedichte von Nazim Hikmet vor, dem legendären Erneuerer der türkischen Lyrik, der in seiner Heimat verfolgt und eingesperrt wurde. Da bekam sie Unterstützung von zwei türkischen Männern, die begeistert mitsangen, worüber sich die Sängerin freute.