Mannheim
Inklusive Mode: Claire Common erhält Existenzgründerpreis
Im Mannheimer Hometown-Glory-Store im Q6/Q7 hängen ihre Waren aus: T-Shirts, Hoodies, Pullover, Kleider. Meist in einem zurückhaltenden Schwarz oder Weiß. Alles ganz „normal“ – und das sollen die ästhetischen Kleidungsstücke auch sein. Nur eben auch divers, funktional und inklusiv. Mit speziellen Schnitten, gefertigt aus dehnbaren Stoffen, sodass sie zum Beispiel auch bei Rollstuhlfahrern bequem sitzen. „Mode ist ein Spiegel der Gesellschaft. Kleidung sollte aber auch dazu beitragen, dass Menschen sich darin wohlfühlen“, sagt Claire Common.
Doch nicht alle fühlen sich von der gängigen Mode mitgenommen. „Im Sitzen zum Beispiel beult die Kleidung aus, dadurch werden Nieren und Rücken frei“, erklärt die 29-Jährige. Ein Problem für Menschen im Rollstuhl, weshalb Claire Common bei ihren Kollektionen auf die Proportionen achtet, auf längere und somit wärmende Schnitte, auf kleine Details, wie Taschen für Handy und Geldbeutel, die auch in einer sitzenden Haltung erreichbar sind. Die Stoffe aus gestrickter, belastbarer Bio-Baumwolle sind zudem leicht an- und ausziehbar.
Mehr als nur Ästhetik
Vieles wird in ihrem Modelabel mitgedacht, doch bis dahin war es ein langer Weg. Zunächst studierte sie Geschichte und Politik an der Uni Mannheim. „Schloss, Studenten und die Themen, das war alles spannend. Ich habe mich aber weder im Lehramt noch in der Wissenschaft gesehen“, wusste sie schnell, was sie nicht wollte. Und der etwas abgedroschene Wunsch, „etwas mit Menschen zu machen“, wurde bei ihr Wirklichkeit. Sie studierte Modedesign in Pforzheim und fand so zu ihrem Stoff. „Aber mein altes Studium begleitete mich weiter. Ich sehe in Mode einfach mehr als nur Ästhetik und Optik. Es ist auch ein Kommunikationsmittel, das über Themen aufklären kann“, betont sie.
Als sie sich selbstständig machte, half ihr ein Zeitungsartikel über eine einbeinige Fußballmannschaft bei der Idee für ihre erste Kollektion. „Die Botschaft war, dass sie trotz eines Unfalls wieder an sich und ihren Körper glauben. Ich hatte mich zuvor mit Behinderungen nie groß befasst“, gesteht Claire Common. Doch sie wandte sich an Experten, stellte unter anderem der AG Barrierefreiheit Rhein-Neckar viele „doofe“ Fragen und bekam kluge Antworten. „Ich hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber ich konnte ganz offen über Dinge sprechen, die sie täglich betreffen“, erklärt sie.
„Menschen ernst nehmen“
Nicht nur wurden Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen aktiv beim Entwurf ihrer Kleidung mit eingebunden. Die Ware wird auch zu 80 Prozent im Inklusionsbetrieb „Blauherz“ in Weinheim produziert. „Diese Menschen rücken somit in den ersten Arbeitsmarkt, es ist ihnen viel zuzutrauen, sie sind sehr kreativ und lösungsorientiert. Mir geht es darum, dass wir Menschen mit Behinderung nicht nur wahr-, sondern auch ernst nehmen, von ihnen lernen, sie aktiv einbinden und als Experten sehen“, betont Claire Common. Aktuell arbeitet sie an T-Shirts, die auch von besonders reizempfindlichen und neurodivergenten Kindern (wie etwa Autismus) getragen werden können. Ausdrücklich handelt es sich bei ihren Kleidungsstücken aber nicht um eine Sonderkollektion. Im Gegenteil: Kunden, die im Laden stöbern, ist der Hintergrund der Artikel oft gar nicht bewusst.
Mode, die verbindet
„Dann werden sie neugierig und sind stolz, Träger einer sozialen Botschaft zu sein“, so Common. Diese Message wird nun auch durch T-Shirts mit Braille-Schrift sicht- und fühlbar. „Zwinkern geht auch ohne Augenlicht, Blödi!“ oder „Du kannst mich mal, ganzheitlich!“ ist darauf zu lesen. Für die 29-Jährige ein aktives Zeichen, dass sich Inklusion nicht nur auf soziales Engagement und Ehrenamt begrenzt. Und dass Mode nicht nur dazu da ist, um einem kaum zu erreichenden Ideal hinterherzujagen.
„Mode kann so etwas Verbindendes haben“, sagt sie, und dafür steht auch ihr französischer Name: Claire Common. Was wie ein Künstlername á la Coco Chanel klingt, ist echt. „Meine Familie war da sehr kreativ“, sagt sie und lacht. Der Name passt: Denn letztlich kann „common“ sowohl gemeinsam als auch gewöhnlich bedeuten. „Und darum geht es: um alltägliche und selbstverständliche, nicht exklusive Mode.“