Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel „Ich habe Zug“: Wie Verspätungen Menschen zusammenschweißen

Das kennt wohl jeder Pendler: Der bange Blick fällt auf die Anzeigentafel.
Das kennt wohl jeder Pendler: Der bange Blick fällt auf die Anzeigentafel.

Die Verspätungen auf der Strecke Neustadt – Ludwigshafen stellen selbst erfahrene Bahnfahrer auf die Probe. Der entstehende Mikrokosmos ist dafür umso spannender.

„Ich habe einen Termin, ich komme später rein.“ – „Und ich habe Zug.“ Vier Worte im Teamchat, und jeder wusste sofort: Es wird wieder einer dieser Tage. Sich über die Deutsche Bahn zu beschweren, ist billig, klar. Aber in letzter Zeit war es auf der Strecke LudwigshafenNeustadt so schlimm, dass selbst die Bahn kaum noch hinterherkam, neue Ausreden für Verspätungen, Teil- oder Komplettausfälle, Umleitungen und Gleiswechsel zu erfinden. Keine unvorhergesehenen Personalausfälle oder feuchte Witterung, diesmal war einfach eine Baustelle schuld: 4300 Meter Gleise und fünf Weichen wurden erneuert – genug, um eine ganze Region aus dem Takt zu bringen.

Unter der Woche, wenn die Arbeit ruft, ist das besonders schön. Am Montag hab’ ich vorsichtshalber einen früheren Zug genommen, weil ich pünktlich sein musste. Natürlich lief ausgerechnet da alles glatt. Also nicht einmal ein bisschen Anstandsverspätung, sodass ich mir noch eine halbe Stunde die Beine in den Bauch stehen konnte. Auf dem Heimweg ist es dann wieder anders: Man ist gedanklich schon auf der Couch, landet aber zuverlässig erst einmal am Bahnsteig. Auch eine Form von Entschleunigung. Jedenfalls so lange, bis nach drei ausgefallenen Zügen doch noch einer auftaucht und plötzlich jeder losrennt. Dann wird auch mal ein alter Mann mit Rollator wieder zum Sprinter.

Bis dass die Bahn sie scheidet

Richtig interessant wird es am Wochenende. Dann fahren keine Pendler, sondern Ausflügler – Menschen, die sich extra früh auf den Weg machen, um trotzdem ihren Anschluss-ICE zu verpassen. Aber sie regen sich anders auf: gemeinschaftlicher. Manchmal werden sie sogar zu unverhofften Reisegefährten auf Zeit.

So auch am vergangenen Samstag. Ich war selbst Ausflügler, der Zug fuhr pünktlich ab – also nach Bahnlogik, mit unter sechs Minuten Verspätung. Danach sammelte er fleißig weiter Minuten. Kurz vor Schifferstadt blieb er schließlich stehen. Und dann begann der Mikrokosmos Bahn zu blühen. Eine Frau ließ sich in einem halbvollen Vierer nieder, ein Mann folgte ihr wie selbstverständlich. Es sah so vertraut aus, dass jemand fragte: „Sie wollen doch sicher bei Ihrer Frau sitzen?“ Der Mann lächelte entschuldigend: „Das ist nicht meine Frau. Wir haben uns vorhin erst getroffen.“ Trotzdem saßen sie da wie ein altes Ehepaar: wortlos, solidarisch, gemeinsam genervt. Wie es weiterging? Keine Ahnung. Vermutlich sind sie noch einen Teil des Weges gemeinsam gegangen – bis dass die Ankunft sie schied.

Irgendwann meldete sich der Zugführer: Die Weiterfahrt verzögere sich um wenige Minuten. Also ab diesem Zeitpunkt. Die vorherigen Minuten Verzögerung galten offenbar nicht. Am Ende kamen wir mit einer Stunde Verspätung in Ludwigshafen an – das Doppelte der eigentlichen Fahrt. Aber immerhin: Seit dem 27. April ist die Strecke wieder zweigleisig befahrbar. Theoretisch. Praktisch bleibt es spannend.

Matthias Rinck
Matthias Rinck
Der Fahrplan: nichts für schwache Nerven.
Der Fahrplan: nichts für schwache Nerven.
x