Ludwigshafen Hunger an der Heimatfront

Der Erste Weltkrieg führte in ganz Deutschland zu einer prekären Versorgungslage der Bevölkerung, vor allem in den Städten. Die Knappheit und Rationierung von Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs traf auch Ludwigshafen schwer. Seine Einwohner mussten Kälte, Krankheit und Hunger erleiden – alles zum Wohle des Vaterlandes, wie es damals hieß.

Im November 1917 schrieb eine Ludwigshafenerin einen Brief an ihren Mann, der sich in England in Kriegsgefangenschaft befand. Darin versicherte sie ihm, dass seine Familie an Heiligabend an ihn denkt. Sie sehne sich nach einem Wiedersehen. Erreicht hat der Brief seinen Empfänger nie. Nach Ansicht der Behörden schrieb die Frau zu deutlich über die katastrophale Versorgungslage in der Stadt: „Wir mussten ja so viel entbehren (…) Kartoffeln will ich dir in dein nächstes Paket beilegen. Speck kann ich leider nicht bekommen.“ Trotz der Umstände bleibt sie optimistisch: „Es wird doch bald wieder eine bessere Zeit kommen.“ Schon bei Kriegsbeginn hamsterte die Ludwigshafener Bevölkerung Lebensmittel, was zu erheblichen Preissteigerungen führte. Um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, wurde bereits am 3. August 1914 ein „Wohlfahrtsausschuss“ eingerichtet. Erste Engpässe gab es schon im Oktober. Importe blieben aus, ländliche Produzenten verfolgten eine Zurückhaltungspolitik. Tiefgreifende Veränderungen von Seiten der Behörden gab es in den ersten Kriegsmonaten nicht, da niemand mit einer langen Kriegsdauer rechnete. Zunächst beschränkte der Staat sich auf die Preispolitik. Eine Großhandelspreisfestsetzung wurde am 28. Oktober 1914 vom Bundesrat beschlossen. Im Verlauf des Krieges wurde die ausreichende Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln immer schwieriger. Im Februar 1915 wurde vom „Brot- und Mehlverteilungsausschuss“ in Ludwigshafen die erste „Ordnung für den Brot- und Mehlverbrauch“ erlassen. Der Brotverbrauch wurde rationiert und Höchstpreise festgesetzt. Ludwigshafener Wirtshäuser und Hotels wurden angewiesen, statt Semmeln, Brezeln oder Weißbrot nur noch Schwarzbrot anzubieten. Wer an begehrte Lebensmittel kommen wollte, musste Marken vorweisen, die von der Stadt ausgegeben wurden. Schwer- und Schwerstarbeiter der Rüstungsindustrie, beispielsweise der BASF, erhielten Sonderrationen. Ähnliche Regelungen betrafen andere Produkte, bei denen sich Engpässe und Preistreibereien bemerkbar machten. Die Stadtverwaltung sorgte im Verlauf des Jahres 1915 dafür, dass auf den städtischen Grünanlagen Obst, Gemüse und Kartoffeln angebaut wurden. Am 10. Dezember wurde per Stadtratsbeschluss der Milchverbrauch geregelt. Berechtigungsmarken wurden nur an Kranke, Kinder, Schwangere und stillende Mütter ausgegeben. Der Kartoffelverbrauch wurde im Jahr darauf staatlich reglementiert, im März 1916 Fleischkarten eingeführt. Die größten Engpässe gab es allerdings bei der Versorgung mit Milch, obwohl im „Hofgut Friesenheim“ eine städtische Molkerei eingerichtet worden war. Milch von außerhalb kam meist schon sauer in Ludwigshafen an. Mit der Quantität sank auch die Qualität der Lebensmittel. Das Brot war nur noch „eine nasse, klebrige, zusammengefallene Masse“, wie es in einem Bericht des Bürgermeisteramtes von 1917 heißt. „Das „Butterbrot“ war zu einem Märchen aus vergangenen Zeiten geworden“, schrieb ein Zeitgenosse. Im Winter 1916/17 waren durch den riesigen Kohleverbrauch der Rüstungsindustrie die städtischen Reserven aufgebraucht. Es fehlte an Brennmaterial zum Kochen und Heizen. Ob die Kinder sich darüber freuten, dass Schulen geschlossen wurden und sie „Kohleferien“ bekamen, darf bezweifelt werden. Denn auch zu Hause waren Kälte und Hunger ständige Begleiter. Hinzu kam, dass man auch an Kleidung und Schuhe nur noch schwer herankam. Die Versorgungslage in Ludwigshafen wurde immer schlechter. Es mussten „fleischlose Wochen“ eingeführt werden. In einem Aufruf im General-Anzeiger hieß es hierzu: „Die bessere Einsicht sollte allen guten Frauen predigen, dass dieses kleine Opfer und diese geringe heimatliche Entbehrung des Fleischgenusses (...) mit einigem guten Willen leicht getragen werden kann zum vaterländischen Besten.“ Bis Kriegsende gab es kaum ein Produkt, dass nicht der Zwangsbewirtschaftung und der behördlichen Preisreglementierung unterstand. Die Verknappung der Lebensmittel während des Krieges wurde am lautesten von den Frauen beklagt, die die Verantwortung für die Gesundheit der Familie zu tragen hatten. Eine ordentliche Versorgung konnte mit den rationierten Lebensmitteln nicht gewährleistet werden. Ihre Beschaffung erwies sich ebenfalls als schwierig und zeitaufwendig. Vor den Geschäften bildeten sich lange Schlangen. Erschwerend kamen die begrenzten Frischhaltemöglichkeiten hinzu, besonders im Sommer, weshalb die meisten Ludwigshafenerinnen täglich einkaufen gehen mussten. Die Bevölkerung versuchte bald, sich selbst zu helfen. Auf den Balkonen und Hinterhöfen der Arbeiterquartiere wurden Kaninchen in Käfigen gehalten. Ein kleiner Teil der Arbeiterfamilien kam sogar in den Genuss von „Kriegsgärten“, die von der Stadt und der BASF bereitgestellt wurden. Die schlechte Versorgungslage führte außerdem zu einem Anstieg der Kriminalität. Betrug war an der Tagesordnung: Wucherpreise, der Verkauf gefälschter Lebensmittel und das Zurückhalten von Waren für den Schwarzmarkt sind nur einige Beispiele. Eine weitere Begleiterscheinung des Krieges machte sich 1917 bemerkbar. Weil nicht mehr genug Kleingeld im Umlauf war, mussten die Ludwigshafener mit „Kriegsnotgeld“ handeln, das von der Stadtverwaltung herausgegeben wurde. Zusätzlich führte die BASF das „Metallnotgeld“ ein. Diese Währungen blieben auch nach Ende des Krieges noch im Umlauf. Eine Verbesserung der Versorgungslage stellte sich im ersten Nachkriegsjahr nicht ein. Die Situation wurde sogar noch schlimmer, weil durch die Besetzung der Pfalz Lebensmittellieferungen ausblieben. Mit den katastrophalen Folgen des Ersten Weltkrieges für die „Heimatfront“ hatten die Ludwigshafener also noch lange nach Kriegsende zu kämpfen.

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