Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Hoffen auf Hilfe: „Iran könnte zu zweitem Nordkorea werden“

Eine Teilnehmerin der Demonstration „Nein zur islamischen Republik Iran“ in Hamburg. Rund 13.000 Menschen demonstrierten dort zu
Eine Teilnehmerin der Demonstration »Nein zur islamischen Republik Iran« in Hamburg. Rund 13.000 Menschen demonstrierten dort zuletzt gegen das Mullah-Regime.

Wut auf das Regime, Angst um die Familie, Hoffnung auf externen Druck: Eine Iranerin, die im Rhein-Pfalz-Kreis lebt, schildert Eva Briechle die Lage in ihrem Heimatland.

Hamideh, wie erleben Sie diese Zeit, nachdem das Mullah-Regime die Proteste in Iran gewaltsam niedergeschlagen hat?
Ich kann kaum schlafen, denn meine Familie lebt in Iran. Auch nachts schaue ich immer wieder auf dem Handy nach, ob es Neuigkeiten gibt – ob es möglicherweise eine internationale Reaktion auf die Situation in Iran gibt. Die Nachrichten verfolge ich über Sender wie BBC Persian und Iran International, die rund um die Uhr berichten. In den deutschen Medien wird hingegen kaum etwas über die Lage in Iran gezeigt – als ob es die Proteste und die Gewalt dort gar nicht gäbe. Das macht mich traurig und wütend.

Nach allem, was man weiß, ist das iranische Regime äußerst brutal gegen die eigene Bevölkerung vorgegangen. Was erzählen diejenigen, die Iran seither verlassen haben?
Die Brutalität des Regimes ist unglaublich. Es werden sogar Söldner aus dem Ausland wie Irak geholt, weil viele iranische Soldaten nicht mehr bereit sind, auf ihre Landsleute zu schießen. Angeblich erhalten diese Söldner, die auch aus den Reihen der Hisbollah stammen, mehrere Hundert Dollar dafür, dass sie mit scharfer Munition auf friedlich demonstrierende Menschen schießen. Besonders erschütternd ist, dass selbst Verletzte in Krankenhäusern nicht sicher sind. Berichten zufolge hat das Mullah-Regime Kliniken stürmen und dort Verwundete töten lassen. Innerhalb von wenigen Tagen sind wohl rund 20.000 Menschen ermordet worden. Davon gehen zumindest viele Iraner aus, nachdem es immer mehr Berichte und auch Videos gibt.

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie? Wissen Sie, wie es Ihren Eltern geht?
Der Kontakt zur Familie war zuletzt extrem schwierig. Das Regime hatte das Internet ja weitgehend blockiert. Telefonate sind nur einseitig von Iran aus möglich. Erst Ende letzter Woche konnte ich für eine Minute mit meiner Mutter sprechen. Aber solche Gespräche werden überwacht, man kann nicht frei sprechen. In den vergangenen Tagen hat das Internet dann plötzlich wieder funktioniert, wenn auch nicht überall in Iran.

Was wissen Sie über die aktuelle Situation in Iran?
Das Land stand eine Weile still. Die Proteste sind vom Mullah-Regime alle zurückgeschlagen worden. Die Menschen blieben in ihren Häusern, gingen anfangs aus Angst nicht zur Arbeit. Viele haben Familienmitglieder verloren und sind jetzt auf der Suche nach deren Leichen. Das Regime verlangt Gebühren für die Herausgabe der Leichen, umgerechnet 6000 Euro. Sollte eine Familie kein Geld für die Herausgabe eines Leichnams haben, müssen die Familienangehörigen schriftlich bestätigen, dass Israel ihre Angehörigen getötet haben soll.

Können Sie erklären, warum die Proteste gegen das Mullah-Regime zuletzt so groß geworden sind?
Die Menschen in Iran haben die ständige Unterdrückung satt. Sie wollen nicht in einem islamischen Staat leben. Es geht dabei aber längst nicht mehr nur um die Pflicht zum Tragen des Kopftuchs oder andere religiöse Vorschriften. Die Menschen wollen grundlegende Freiheiten: Frieden, Bildung, Redefreiheit, eine funktionierende Wirtschaft – und vor allem ein Leben ohne Angst. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Die Kaufkraft ist durch die Inflation zusammengebrochen, ein Monatsgehalt reicht kaum mehr für die nötigsten Lebensmittel. Die Menschen haben nichts mehr – weder Geld noch Perspektiven.

Die Verzweiflung war also größer als die Angst, offen gegen das Mullah-Regime zu protestieren?
Ja. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Die Menschen hatten dieses Mal auch große Hoffnung. Donald Trump hatte ein Eingreifen der USA in Aussicht gestellt. Er sagte: „Hilfe ist unterwegs“. Trotz aller Internetsperren ist diese Botschaft angekommen. Und viele haben daran geglaubt. Etliche Familien sind sogar mit ihren Kindern auf die Straße gegangen – in der Hoffnung, dass die internationale Aufmerksamkeit den Druck auf das Regime erhöhen würde. In der Hoffnung: Jetzt kommt Hilfe von außen. Aber dann kam niemand. Und das Mullah-Regime begann, die eigene Bevölkerung zu töten.

Was erwarten Sie in dieser Situation von der internationalen Gemeinschaft?
Die Vereinten Nationen wurden gegründet, damit die Menschenrechte beachtet werden, damit Kriege wie jener zu Zeiten Hitlers verhindert werden, damit dafür gesorgt wird, dass es nie wieder zu einem Holocaust kommt. Wenn ein Regime die eigene Bevölkerung ermordet, so wie es gerade in Iran passiert, dann müssen andere Staaten mit Zustimmung der Uno doch eingreifen dürfen. Es passiert auf dieser Ebene jedoch nichts. Mich macht das sehr wütend. 1999 hat die Nato sogar ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrates militärisch im Kosovo eingegriffen, um Übergriffe auf die albanische Bevölkerungsgruppe zu beenden.

Was würden Sie dem deutschen Bundeskanzler heute gerne sagen?
Das Mindeste wäre, dass Deutschland, aber auch die EU und andere Länder, die Diplomaten des iranischen Regimes ausweisen. Auch die Vermögen der Mullahs, die in westlichen Ländern angelegt sind, sollten eingefroren werden. Viele Kinder von Regierungsvertretern studieren in den USA, Kanada oder Europa und leben dort in Luxus, während die Bevölkerung in Iran leidet. Es ist inakzeptabel, dass diese Menschen von den Privilegien anderer Länder profitieren, während sie selbst ein brutales Regime stützen.

Viele Iraner setzen Hoffnung in Reza II., den Sohn des ehemaligen Schahs, der im Exil in den USA lebt. Gehören Sie dazu?
Ich verfolge seine Reden ständig und setze auch Hoffnung in ihn. Er hat bislang immer wieder betont, dass er für demokratische Wahlen eintreten will und vor allem für die Trennung von Staat und Religion ist. Das ist ganz wichtig, da es in Iran schon immer mehrere Völkerstämme gab. Reza II. hat sogar eine Plattform geschaffen, über die sich Soldaten und Mitglieder der Revolutionsgarden anonym melden können, die das Mullah-Regime nicht mehr unterstützen wollen. Angeblich haben sich bereits mehrere Zehntausende registriert.

Was glauben Sie, passiert in Iran, wenn sich das Mullah-Regime weiterhin an der Macht hält?
Wenn die Weltgemeinschaft nicht handelt, könnte Iran zu einem zweiten Nordkorea werden – abgeschottet und unter totaler Kontrolle des Regimes.

Erwarten Sie, dass viele Iraner aus dieser Angst heraus ihr Land verlassen werden?
Es gibt bereits verschiedene Presseberichte darüber, dass etliche Iraner die türkische Grenze passieren. Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nichts tut, wenn es keine Intervention von außen gibt und das Mullah-Regime weiterhin Bestand hat, wird die Anzahl derer, die flüchten, sicher steigen.

Warum haben Sie persönlich den Entschluss gefasst, Ihre Heimat zu verlassen?
Ich bin zweimal verhaftet worden, weil ich meine Kleidung angeblich nicht richtig getragen habe. Ich darf meine Meinung in Iran nicht frei sagen. Die permanente Sorge, dass die eigenen Nachbarn vielleicht das Regime unterstützen und einen denunzieren könnten, ist absolut zermürbend. Es ist kein freies Leben möglich.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit einem freien Iran?
Ein freier und demokratischer Iran könnte zu einem wirtschaftlichen Schwergewicht in der Region werden. Iran hat immense Ressourcen: Öl, Gas, Rohstoffe – aber auch eine hochgebildete Bevölkerung, die ihr Potenzial derzeit nicht nutzen kann. Ein freier Iran könnte seinen Reichtum endlich für die eigene Bevölkerung einsetzen. Das Land könnte auch ein wichtiger Handelspartner Deutschlands werden. Für die iranische Bevölkerung hätte ein Regimewechsel eine ähnlich historische Bedeutung wie für die Deutschen damals der Fall der Mauer. Wenn das Mullah-Regime stürzt, wird viel Frieden zurückkehren – so wie damals, als die Mauer fiel und der Kalte Krieg beendet wurde.

Auf wen setzen Sie im Moment Ihre größte Hoffnung?
Auf Donald Trump. Er ist jemand, der seinen Namen überall lesen will und in die Geschichte eingehen möchte. Es ist die große Hoffnung vieler Iranerinnen und Iraner, dass er dieses Streben einsetzt, um die Herrschaft des Mullah-Regimes zu beenden.

Zur Person

Aus Sicherheitsgründen verzichtet DIE RHEINPFALZ auf identifizierende Angaben zu ihrer Gesprächspartnerin. Die Iranerin lebt und arbeitet seit mehreren Jahren im Rhein-Pfalz-Kreis.

x